Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 16 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Se lbst-E mancipatio ul Nr. 16 arbeiten, indem sie nationale .Unterschiede erkünstelt', oder religiöse Unterschiede auf- 'bausch i;‘ um .nur >-nicht 7in "' versöhnlicher' Eintracht leben zu müssen, um nur um Gotteswillkn keine Besserung ihres Loses herbeizuführen. Mit welcher Verachtung und. .'geradezu nationalem Eigendünkel. sieht nicht der deutsche- Jude auf den polnischen und umgekehrt, der spanische auf beide'und diese auf ihn. Mit welch. ..bitterem Hasse ist nicht der Reformjude gegen den Orthodoxen und dieser gegen jenen, der Chassid gegen beide und beide gegen ihn erfüllt? " Hören wir doch' endlich auf mit diesem unwürdigen. Streite! Begehen wir doch einmal gapz und... voll Pen „Tag der Versöhnung"; reichen wir uns' alle gegenseitig'die. 'Bruderhände! : Lassen wir fortan fallen die. Scheidewände, die denJuden vom Juden'trennen! ^Versöhnung" sei von. .'.nun an Unser Losungswort. Polnische-: und deutsche, sephardische und aschkenasische, strenggläubige und aufgeklärte 'Judechsie mögen am JomKippur einen Bruderbund besiegeln, denn nur gegenwärtige Eintracht kann die Brücke, bilden von der vergangenen Einheitlichkeit unseres Stammes zu der gehofften und erstrebten zukünftigen Wiedervereinigung desselben! .. .... Wandre! - Wandre, wandre, brklagenswerthes, selbstvergessenes Volk! Wandre ohne Ruhe, ohne Rast, unaufhörlich! Wandre — Länder genug hat ja Europa! Lasse Dich jagen, unstetes'Volk der Gotteswahl, von Land zu Land, von Nation zu Nation! Lass« Dich jagen, herrliches-, ' erhabenes ,, irrendes Israel! L a s se ' D i ch j,agen7— denn Du w illst es.nicht an ders! - ' \ ' ,,W a n dre!" Dieser, grause^ entsetzliche Fluch, heftet ° sich.feit zwei Jahrtausenden an die müden Fersen-unseres' .unglücklichen Stammes, dieses verzweisiungsvolle. fürchter-- Einleitung in die jüdische Geschichte. (Bortrag,.gehalten von Herrn N.B irnboum im Vereine „Zukunft" - . . ' ' 7. am ist. August.) - " . - 7 Nach,-einer hitzigen und ansteckende» Krankheit, pflegt Schwäche ‘ dcS Gedächtnisses einzutreten. Trotz aller Anstrengungen ist man. - außer Stande.-an die Begebenheiten des.Vorlebens sich zu erinnern. - -Aehnlich erging'es dem jüdischen Volke. -Auch dieses hat eine hitzige. :uud ansteckende Krankhcit in den letzten Zahl zehnten mitgemacht, , deren fürchterliche Last es erst jetzt allinälig abzuwälzen beginnt. ' Das As simit-a'l.i0n s f i eb'er,. die tolle'Suchte sich aufzugeben,- sich selbst fremd und »nt anderen eins zu werden, hatte den jüdischen - '-Volkskörper ergriffen und seine Schauer-in-deffen innerstes Mark' getragen. Jetzt, wo der unglückselige Bann dieser schmählichen Krank-! heit langsam zu weichen beginnt, werden wir gewahr, daß uns diese Seuche das Erinnerungsvermögen geraubt hat, daß wir die Ge-, schichte unseres Volkes nicht mehr kennen,. seines Ursprunges per-' gkflen haben: — Aber, wie bei fortschreitender Genesung das Ge- - dächtniß langsam zurückkehrt, so wird sich auch in unserem Volke bei sorlschreitender nationaler Gesundung die Erinnerung an die Ver-; . gängenheit wieder einstellen — und als günstiger Vorbote dieser Wiedererlangung unserer Gedächtnißstärke ist wohl auch dos zu be- : ' trachten; daß heute in einem Vereine junger Männer, die der noch: immer affimilatvrischeü. jüdischen Gemeinde Wien, angehören,? eim ■; Cyclus von Vorlesungen über, jüdische Geschichte eiugeleitet wird. . Je tiefer wir in die Vergangenheit eines Volkes' eindringen,: ' desto verschwommener werden die Bilder, die wir hier schauen, bis! ' wir endlich gar an einen Punkt gelangen, wo uns ein entschiedenes * „Halt!" zugerufen wird, über den hinaus.-iiiiscr, forschendes Auge nicht mehr blicken kan». -Was jenseits dieses Punkt,eS.liegt, entzieht: . .sich unserer Wißbegier. und wir nennen diejenige Zeit, welche unsnoch kein geschichtlicher Material bietet, die vorgeschichtliche oder Prä- * historische Epoche eines Volkes. Je weiter oder näher ein Volk seiner: vorgeschichtlichen Epoche ist, umso älter oder jünger ist es zu nennen.: So find die Magyaren z. B. ei» .verhältnißmäßig .junges Volk, weil - ihre Geschichie nicht viel über ein Jährtausend alt ist und so sind die Inden eines der ältesten Völker des Erdballes, da die Schicksale desselben durch einen Zeitraum von nahezu vier Jahrtausenden historisch bestimmbar sind. Nicht gerade aber durch ihre zeitliche Ausdehnung, sondern auch noch durch verschiedene andere Eigenthümlich leiten fiche Verdammüngsurthejl tönt in schrecklicher Beharrlichkeit -uns immerfort' entgegen; und dieses Losungswort eines unsäglichen Elends erklingt "auch - jetzt so klar und denklich, sein gellender-Schall dringt aus Deutschlands Gemarkungen überall hin, wo Jsraelssöhne wohnen und scheucht sie auf aus.ihrer sorglosen Ruhe.5 Ja, eine trübe, traurige 6-sssrsL ist es, welche eine große Anzahl unserer'Brüder im mächtigsten -Reiche.-d.es Erdballes getroff'N hat.' Familienvätern, die Jahrzehnte im Lande gewöhnt, die sich dort.eine Existenz . gegründet haben, wird bedeutet, mit Weib und Kindern — letztere sind gewöhnlich bereits eingeboren — über die Grenze zu ziehen einer unsicheren Zukunft, entgegen. - ,. .. Warum müssen sie fort aus dem. schönen Lande, an das -ste^sich gewöhnt haben? Warum? Nun ganz einfach, -weil.sie Ausländer sind und es dem deutschen Reiche freisteht, Ausländer arlszuweiseu. Doch - gehört es denn nicht zum,, politischen Takt — wird Jedermann verwundert fragen — von solchen Rechten nur nöthigenfalls, also blös bei gefährlichen Individuen, Gebrauch zu machen und gehören etwa der gelehrte Rabbiner, der sängreiche Cantor, die für die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden so unentbehllich sind, oder gehört der solide Kaufmann zu den gefährlichen. Individuen? Kann , jemand etwa die lächerliche Behauptung aufstellen, solche Leute seien an der polnisch-nationalen Agitationbetheiiigt? Jafreilich gehört es zum politischen Takt, nur gemeingefährliche Ausländer auszuweisen '-aber-'-wer" wird denn vom politischen Takt Juden gegenüber sprechen, wollen? Welche Rücksichten hat denn der - machtstolze Arier gegen'uns haltlose Asiaten z» nehmen? feo weist er denn lustig immer weiter aus, mag auch manches "Vaterherz Darüber Drbehen,' manches Mutter>• - Herz darüber brechen,? manches Kind' darübe? verhungern. Man -redcuns nicht ein, daß diese Ausweisungen gegen-che .Polen gerichtet seienund wenn schon. so geschieht es nur 'in zweite? Linie, indem man bei G e l e g e n h e i t auch zeichnet sich .die Geschichte des jüdischen Volkes aus. .Da ist in erster Linie zu' erwähnen das ganz besondere Derhältniß-dieses . Volker-zu seiium n.a.t tonale n B ob e 11, Die Wiege des jüdischen Stammes ifit zu suchen in Mesopotamien, dem Lande zwischen Euphrat -und -Tigris, der späteren Siätte des affyrisch-babylonlsche». Reiches; dort lebte er seine vorgeschichtliche Periode durch. Er fand dann temen Weg -nach "Kanaan, dem heutigen- Palästina,-wo er mfr Unlerbrechung des egyptischen.Exils anderthalb lausend Jahre verblieb, '-um nach Ablauf derselben in die weite Welt verst'reul zu werden'. Es erhebt sich nun die Frage:-Wo ist, der-nationale Boden-des-jüdischen -Volkes?- Ist-es Mesopotamien, -wo seine -Wiege stand, — ist -es Palästina, wo es-blühte^-. — oder ist es die. ganze , weite. Welr,- in die es versprengt wurde, d. h. hat es vielleicht' gär keinen national en Boden?.-Nnih die Wietze'deS .jüdischen Volkes. Meiopotamien, kann nicht als sein nationaler Boden gelten, ebensowenig, wie es Jemandem eiilsällen: wird, Rußland als den nationalen Boden, der Ungarn und Deutschland als den der Engländer zu bezeichnen, weil die Magyaren ans den russischen Sieppen und die Britten von den deutschen Meeresküsten gekommen sind. Es gehört zum Begriff des nationalen Bodens, daß das Volk auf demselben Culmrarbeit geleistet habe — .die Juden Mesopotamiens aber gehören der vorgeschichtlichen Zeit an, wie die Angeln an d-n Gestaden des deutschen Meeres und die Ungarn'in den russischen Steppen. Dagegen sind, .alle nöthwendige» Merkmale'vorhanden, um Palästina als den nationalen Boden der Juden bezeichne» zu können. Dort-baute sich der jüdische Staat.'auf, . dort entwickelte sich die weltbewegende jüdische Literatur — mir einem Worte : Dort leistete Israel Culturarbeit als Volk. So la»ge nun die Juden in Palästina leblen, war ihr, Berhältniß zu-ihrem nationalen Böden normal wie bei änderen Völkern, sobald sie'aber dieses Land verließen, mußte es ein abnormes werden. Denn ohne Beispiel'steht es in der Geschichte da. daß ein Volk, aus seinem Heimatsboden herausgerissen, in alle Richtungen der Windrose zerstreut. doch eine Einheit verblieb — fern vom nationalen Boden ihn doch weiter als solchen betrachtete, daß ver Rückkeyrgeoanke in einem solchen vaterlandslosen Volke zwei Jahrlausende sich erhielt und nicht verlöschte! Und weil diese phänomenale Thatjache manchen Lenken ein Dorn im Auge war. -erfand man das curiose Märchen von der Umwandlung der jüdischen Volksgenoffenschaft in eine reine Religions- : grnoffenschasr. Doch darüber' später! - — Die erste Eigenthümlich keil -der jüdischen Geschichte besteht also darin, daß.sie theils aus dem .nationalen Boden, iheils außerhalb desselben spielt. ' Di e zweite Besonderheil der jüdischen Geschichie siegt in der