Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 15 (2.9.1885)
- Date
- 1885-09-02
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir. 15 Seite 14 S e l b st - E m an c i p a t i o n! Doch, schlumin're sanft. Du edler Sprosse Juda'-; die noch treuen Söhne Deines Volkes haben Dich verstanden und sind bereit, für die rasche Verwirklichung Deiner hohen und erhabenen Ideen rastlos und bis zu ihrem letzten Athemzuge einzustehen! Möge nun diese glücklichere Zeit jür Dein unglückliches Volk baldigst ein treten. — bim'dsra d'jawgnn! (Stürmischer Beifall, Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Nachdem sich der durch diese Rede hervorgerufene Beifallssturm gelegt hatte, sang das Chorquartett der türkischen Jsraelitengemeinde unter der trefflichen Leitung des Herrn Obercantor I. Bauer einen Psalm, der vom Chordirigenten Herrn Isidor Löwit componirt und dem Verein gewidmet worden war. Der mustergiltigen Absingung des schönen Psalmes folgte die zweite Trauerrede, welche in hebräischer Sprache von dem Chacham der türkischen Jsraelitengemeinde, Herrn Moses den David Alkalay gehalten wurde. Erregte schon die ehrwürdige. Gestalt des Redners die Aufmerksamkeit Aller, so steigerte sich das Interesse noch mehr, als man die herrlichen Laute unseres nationalen Idioms in so klangvoller Aussprache bald herzergreifend, bald kräftig ermahnend von seinen Lippen fließen hörte. Die Worte des Redners erfüllten die Herzen mit wehmüthigen Erinnerungen an die vergangene Piofetenzeit und mit wonnevollen Ahnungen einer goldenen Zukunft. Diese war es auch, die der Redner im Auge zu behalten ermahnte nach dem Muster Moses Montcfiores, dem „Jerusalem und die Erde Jeschuruns gegraben war auf die Tafel seines Herzens". An diese oraivrische Meisterleistung, welche von einem schier nicht endenwollenden Beifallssturm belohnt war, schloß sich die Declamalion des von Herrn Leo Feuerstein verfaßten Gedichtes „Montefiores Vermächtniß" durch Herrn I. R ar e s, der seiner Aufgabe völlig entsprach und reichlichen Beifall fand. Hier der Wortlaut des Gedichtes: Montefiore's Wernrächtniß. Auf stolzen Thateiircichthums Gipfel stand er. Von seiner Lebensionne Abschiedsgrnß Bestrahlt; — noch einen Blick gen Osten sandt' er... Da gab die Gottheit ihm den Todeslnß. Verscheidend sprach er: „Juden helft einander I Dort liegt ein Schatz; grabt, grabt am Jordanfluß! Und reifen, wird die Saat der Allbezwinger: Der Schlamm des Zeitcnstroms — er wird zum Dünger." Der siebenmal die heil'ge Erd' betreten, . Trost, Rettung bringend dem bedrängte» Stamm; Von Czaren, von Sultanen hat erbeten Für Zsrael's Verfolgungen 'neu Damm, ' ■ . Der Tausende erlöst aus ihren Nöthen — Er sprach dies, starb-unsterblich ist sein Nam'. Vom Themsestrom bis di» zum Völkerihore, Vom Rewastrand zum Nil tönt: M o »t e f i o r e I Drei Wcltentheil' beglückt' er mit dem Segen Der allerlösenden Humanität. Und wo er Menschen fand auf Dornenwegen Half er, fragt' nicht nach Nationalitär. — Dir, Israel, wollt' er zu Füßen legen Das Land, wo Deiner Ahne» Geist noch weht. U n d M o s e s Will' i st, Juda, sein Vermächtniß: Erwirb das Land u n d e h r e sein G e d ä ch t n i ß. Fluch dem, der nnwerth seiner hohen Pflichte», Vergessen seines Stammes Mission, Nachäffl Nichtjuden, kleinlich ihal erdichte» Ein gleißend Wort: „Assimilarion!" Nicht duld's, Märtyrervolk, den sollst Du richten Streng als Verräther seiner Nation! Dem Unkraut unter Dir sei ein Vertilger: D ei n i st d i e W c lt d a nn —ew'ger Welteupilger l Um fremder Völker Achtung müßt' Ihr werben — Durch Würd'gung Eures eignen Werth's. Seid einig! Uralt Gesäß geh' nicht in Scherben . Vor'm Hiebe des verrätherischen Schwert's. Laßt Euch durch Lügenworte nicht verderben: Beim Grab.e MosesM outefiore's schwört'-'!... Verklärt wird daun sein Geist vvm Himmel blicken: Ein ein'ges Judeuthum wird ihn entzücken. — — Nicht wie aus fremder Zeit ein Märchen hallet Des Judenthum's Tradition uns nach. — Das Judenthum, da? jetzt vielsprachig lallet. Nicht kundig mehr der eig'uen Goitessprach' — Nur im verbiß'nen Grimm d.e Fäuste ballet. Das Jud.'ttlhum — ich merk's am Feind — wird wach! E r rüstet, ahnt des wachen Leuen Stärke, Derausgeholt zum großen R e t t u n g s w er ke. Vom Fluch, der uns Jahrtausende gedrückct: Verbannt/verkannt, zu irren heimailos. Sich abzucülteln Juda sich anschicket: Er trägt de» Pflug zur Muttererd eSchooß! Und wenn, was MoseS einst geplant, geglücket: Wird Inda einig, stolz und frei und groß.... Dies wollt' — so tönt es dann von Ohr zu Ohre — Ein zweiter Moses — Moses M o n t e f i o r e! Nach einer kurzen Pause betrat Herr Vereinspräses R. Feld bäum die Tribüne, um die dritte Trauerrede zu halten. Seine Ausführungen waren an vielen Stellen voll stürmischem Applaus unterbrochen. Die Rede lautet; S ta m m e s g c II o s s e n! Der 16. Aw des Jahres 5645 wird von den nachkommenden jüdischen Geschichtsschreibern schwarz angestrichen werden und am 16. Aw eines jeden Jahres wird von den aufrichtigen Nationaljudcn mit tiefer Wehmuth des Jahres 5645 gedacht werden, jenes Jahres, in welchem einer Mt tapfersten Kämpfer für die jüdisch-nationale Sache aus unseren Reihen geschieden. Ucberall, wo warmfühlende Menschen wohne», wird an diesem Tage des Freundes der Bedrückien, des Retters der Verzweifelnden, des Königs der Humanität gedacht werden — ja, ü 6er alt, sage ich — denn wo gibt' es noch einen Flecken bewohnter Erde, wo man nicht das edelsinnige Leben rmd Wirken Sir Moses Montefiore's gekannt hätte! Wir Nationaljnden haben uns heute ziisammengefundeu, um das Angedenken dieses Mannes in geziemender Weise zu ehren, wir haben uns hier versammelt, um Ihnen das Wirken eines der Edel-' sten unseres Stammes in kurzen Umrissen vor Augen zu führen, um Ihnen zu sagen, was der Verlust Sir Moses Montefiore's für uns n a t i o n a l e I u b e ii bedeute. Fürwahr, dies Ihnen zu erklären, ist mir sehr leicht gemacht. Die vorliegenden nackten Thatsachen geben ein so vollständiges Bild von der Bedeutung Montefiore's für das Natioiialjudenthum, daß selbst der verstockteste Nationalitätsverlengner von der Reinheit der Principien dieses hundertjährigen Greists überzeugt wird. Ja, diese Principien .sind so erhaben, so edel, daß wir nur mit idealer Begeisterung, mit einer ^grenzenlosen Verehrung von ihnen sprechen können. — Und Moses Montcfiore war nicht nur ein Anhänger dieser Idee, nein, er war mehr als dieses, er war ein Haupt-Agilator für die jüdisch-nationale Sache. Mit einer solchen Ueberzeugungskraft, mit einer solchen Zähigkeit wußte er-für die Idee unserer Selbsterhaltung zu kämpfen, daß wir mit einer unumschränkten Bewunderung, ja mit dem größten Stolze auf diesen Mann sahen. Moses Montcfiore verstand es, die Herzen aller Menschen zu gewinnen, denn wo gibt es noch Einen, der, so wie er, mit verbundenen Augen viele Millionen bo tbiu warf, von wo Schmerzens-' rufe an sein Ohr drangen, nicht niitersuchend, ob die Bedrückte» zu seinem oder einem anderen Siamme gehörten. (Bravo!) Wo — frage ich weiter — gibt eS uow Einen unseres Stammes, der so wie Moses Montcfiore, sein ganzes Leben und beinahe sein ganzes Vermögen einem hehren Ziele gewidmet, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, dieses Ziel zu erreichen und der nicht ruhen und rasten wollte, che nicht seine Stammesbrüder den von.ihm gezeichneten Weg zur Förderung dieses Zweckes betreten hatten? Und dieses Ziel — es war und ist: Die C o l o n i s a t i o n unseres' S t a m m l a n d e s, die W i e d e r d e v ö l k e r u n g Pa-' l ä st i n a's durch unsere S t a m m e s g e n o s s e n. (Stürmischer Beifall.) Siebenmal hat cs Moses Moniefiore unternommen, das Land unserer Ahnen zu besuchen und sein Ei scheinen .wurde von unserenpalästinensischen. Stammesbrüdern gleich dem Kommen eines- Messias begrüßt, denn er kehrte nicht eher um, bevor er nicht alle Roth gelindert und alle nothwendigcn Bedürfnisse seiner, dortigen Brüder befriedigt hatte. — Wenn Sie die objektiven Berichte, über seinen dortigen Aufenthalt lesen, so .werden Sie sich der Thränen der Fieude nicht erwehren können. — Und wenn auch Sir Moses mit einer wahren Lust in Palästina cinzog, so waren es doch tiefer Schmerz, wehmüthige Empfindungen, die ihn beim Scheiden beherrschten. Machen Sie sich nur ein Bild, welche Erinnerungen vor Moses Montefiore's Augen vorbeizogen, als er das heilige Land verlieb, und Sie werden seinen Schmerz begreifen. Aber nicht nur in Palästina, nein, überall, wo seine jüdischen- Brüder bedrängt wurden, streckte er seine glückbringende Hand aus. Denn — zeigte es nicht von einer tiefwurzclnden, unvergänglichen Liebe zu seinem Stamme, als Moses Momefiore im Jahre. 1846' noch Damascus reiste, um die auf seinen jüdischen Brüdernlastende Blutbeschuldigung vollständig zu entkräften, um zur Ehrenrettung seiner dortigen Siammesgenoffen in wahrhaft edelmüthiger Weise bei-'' zutragen? Oder war eS nicht ein Grad höherer Scelengüte, der ihn-