Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 15 (2.9.1885)
- Date
- 1885-09-02
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. Selbst-Emancipation! Seite 13 Montefiore-Trauerfeier veranstaltet vom Verein jüdischer junger Männer „Zukunft" in Wien, Abends 15. Ellal 5615 (25. August 1835) . tOriqinal-Bericht bet „Lelbst-Emaucipation!") Der junge Verein kann stolz sein auf seine Leistung. Die wahre, aus jedem Worte hervorstammende Begeisterung der einzelnen Redner für die Ziele des Nationaljudenthums, die erhebenden Gesänge in der geliebten Sprache unseres Volkes, die wirkungsvollen Declamationen der Gelegenheitsgedichte übten einen mächtigen Eindruck auf die den distin» guirten Kreisen angehörenden Gäste ans. Diese strömten so zahlreich zu, daß das Local (Hernfeld's Säle, I., Schottenring 17) dicht gefüllt war und der Beginn, der für 8 Uhr angesagten Feier bis 729 verschoben werden Wußte. — Nach einem mit künstlerischer Meisterschaft ge-. spielten Orgelpräludium des Herrn Isidor Löwit, Chordirigenten der türkischen Jsraelitengemeinde in Wien, begrüßte der Vereinspräses und Leiter des Trauerabends, Herr Rudolf Feld bäum, den erschienen Vertreter der hohen k. k. Regierung, den gleichfalls anwesenden Reichsrathsabgeordneten und Rabbiner Dr. I. S. Bloch, die erschienen Vertreter der jüdischen Presse, des akademischen Vereines „L g. ck i m a h.“ und des Gründnngscnmit^s des Palästina-Colonisatiönsvcreines „A.dmath. Jeschurun“, sowie das gesummte Publikum. Hierauf hielt der Präses-Stellvertreter des Vereines, Herr stniä. jnr. Abraham S a l z die erste Trauerrede, die stellenweise von minutenlangem Beifalle unterbrochen war und deren Wort, laut wir hiemit folgen lassen: Hochgeehrteste Brüder und StammeSgeuosseu! Beinabe ein Monat ist verstrichen, seitdem Zion's edle ToLier sich in einen'Trauerflor hüllte, um den schmerzlichen und un rsetz lichen Verlust, den Gesammt-Jsrael und mir ihm die ganze Menschheit erlitten, zu beweinen, und noch heute wirb es uns schwer, uns mit der niederschmetternden Schreckenskun^e zu versöhnen und von dem grausen Schicksalsschlage uas zu ervolen : denn der unerbittliche Sensenmann, ber keinen Erdensohn verschont, hat die herrlichste und edelste Ceder in Juda's Mitte gefällt — hat das Judenthum seines stolzesten Sohnes und erhadenste» Fürsten beraubt, hat der uothüidenden Menschheit einen Beschützer und B glücker hinweggerafft! Und obwohl wir beim hohen und eilt Jahrhundert umfas. senden Lebensalter de» selig Verblichenen uns beinahe von Tag zu Tag aus diese Schreckensmähre gefaßt zu machen suchten — so geschah eS doch, daß, als am 18. Aw sich mit Blitzesschnelle die trüurige Kuilde verbreitete: „Der edle Jude Moses Monte f i o r e i st uicht mehr!", ganz Israel erbleichte und den Buse» Desjenigen, i» dem noch ein wahrhaft jüdisches Herz pocht, ein schmerzlichstes Gefühl der tiefsten Trauer und höchsten Besorgniß um die Zukunst unseres Stammes durchbebte. Denn wer wird künftighin die leidensschwangeren Wolken, die Juda'S Widersacher über seinem Haupte drohend zusammenzieden, durch rasche That und Abhilfe verscheuchen? Wer wird künftighin, wenn im Dunkeln schleichende Männer Völker und Fürsten wider uns aufwiegeln und uns Tod und Elend bedrohen, vor dem Untergänge uns retten? Wer wird den Wt inenden die Thränen trocknen, den Dürftige» Spenden überreichen und die Gedrückten huldvoll «mporrichlen? Und fürwahr, ganz Israel empstnbet die Größe deS Berlustes und die Tiefe des Schmerzes und thräneuden Auges stimmt es überall, wohin die eiserne Hand des Schicksals seine Söhne verbannte, ein Lied der Trauer an. Vor Allem aber hat der B e r e i» jüdischer junger Männer „Z u k u u f t". der sich zu seiner Ausgabe gestellt hat. unsere pflichtvergessenen und ihre Abstammung leugnenden Brüder wieder mit dem Judenihume zu versöhnen, das unbestreitbare Recht in weiland Sir Moses Montefiore neben dem unübertroffenen Philanthropen, de» in ihm die ganze Menschheit gesunden, auch den treuesten und wärmsten, im vollsten Sinne des Wortes „Nationalj u d e n zu feiern. (Beifall.) Den» Sir Moses Montefio.e hing mir allen Fasern seines Herzens und seines Geister am Judenthum, an dem Stamme, dem auzugehören er offen und stolz verkündete! Sir Moses Montefiore hac den Assimilationspredigern aus's glänzendste bewiesen, wie man das Vertranen seiner christlichen Mitbürger.vollends genießen und doch dabei ein treuer Jude bleiben kann, wie nian mit den höchsten Würden nüd Auszeichnungen über-; häuft werden und doch dabei alle ZnkunftShoffnungen^ seines Stammes auf's genaueste hege» und auf die Ersüllung der- > selben rastlos hinarbeiien k-nn l (Stürmischer Beifall.) Sir Moses, von seiner Monarchin zu einem Baronet erhoben, eine Auszeichnung, die nur Pairs und Rittern gewährt wird, hat doch nicht seinen biblischen Nameu „Moses" mit einem englischen, vertauschtvon d:c reichsten und vornehmsten Gemeinde Englands, von der Londoner City, zu dem hohen Posten eines Sheriffs berufen, unterließ ec es doch nicht, seine zerstreute und unglückliche Nation von den Eiskuppeln der Czarenreiches bis zu den Herkulessäulen in Afrika und bi» zu den Gefilden Persiens in Asien mit innigster Stammes- und Bruderliebe zu umfassen; und endlich zum Ritter geschlagen, hat er zu seinem Wappen «ine palästinensische Ceder mit der hebräischen Ueberschriit „Jeroschalajim“ gewählt! (Beifall.) Gehet bin zu unseren assimilatorischen Größen, die da behaupten. der Jude müsse, wenn er friedlich unter anderen Völkern leben wolle, seine Vergangenheit verleugnen, die Sprache seiner Väter vergessen und die Zukunft seines Stammes aufqeben — fraget sie, warum es weiland Sir Moses Montefiore nicht gethau und doch das vollste Vertrauen Englands genoß? - Fraget sie, deren Gesicht beim bloßen Hauche deS Wortes „Jude" sich mit Schamrötbe färbt, warum der englische Baronet. ein Mann, den Fürsten und Völker verehrten, doch mit jo inniger Lieban seinem Stamme und an dem Lande uuseres einstigen Glanzes gehangen? (Beifalls Die Ceder in seiuem Wappen, die Erde aus dem heiligen Lande in feinem Garten, der Oliveukrauz von de» Höhen' des Libanon, de» er sich in seine Todesgrust mitnahm, sieben mühevolle Reisen/ die letzte schon im Greisenalter, die er nach Zions üppige» Fluren unternahm, die kostspieligen Stistnugen, die er dort in's Leben rief, die reich: Dotation, mit der er bas Land seiner Ahne» in seiner letztw lligen Verfügung bedachte. — legen d>e nicht unanfechtbares Zeugniß von seiner jüdisch-patriotischen Gesinnung ab? Und bei all dem, wer sollte es wagen, behaupten zu wollen, Sir Moses Montefiore sei kein treuer Sohn AlbionS, sei kein treuer Bürger Englands gewesen? Würde» ihn nicht die zahlreichen Ehre l. mit denen ihn das englische Bilk überhäufte. Lügen strasen? Als welch' kleinliche und bedauernSwerthe Zwerge erscheinen im Vergleiche mit dem Rieieu Mos's jene Verräther ihres eigenen Stammes, di-- auf dem Wege der Selbstverleugnung in die Ginst ihrer chnstliche» M'tbürger sich eiuzuichmeichel» voffen! (sehe richtig!) Und sollten nicht da diese mit Stolz und Widerwillen die Hand der Freundschaft ihnen entziehen? Wer bürgt ihnen dafür, daß nicht der, der heute seine eigene Mutter verleugnet, morgen - mir der neuen auf dieselbe Weise ve-fahreu werde. (Rauschender Beifall.) Und ich frage Euch, meine verehrteste» Brüder, und Smmmesgenossen, ist es nicht absurd, behaupten zu wollen, eS gäbe semitische Germanen, oder semitische Slaveu? Erhebt nicht die Naiur selbst lanieu Protest gegen eine derartige Behauptung? Schauet an den Juden der Gegenwart, den modernen Juden des neunzehnten Jahrhunderts, ob nicht sein ganzer Habitus jenem gleicht, den vor viertausend Jahren eine Aegypterhand in Stein g-grabe»! (Beifall.) Doch ferne seien von uns die Verlockungen dieser assimilatorischen Irrlichter, venu ein Heller glanz- und lichtstrahlender Stern ist zu unserem Wegweiser geworden, und dieser Lichtster» ist daS Andenken an Sir Moses Montefiore, au den Manu, der vor Allem sein gedrücktes und gebeugtes Volk liebte, für seine Ziknnir unaufhaltsam wirkte, and erst im Jndenkhum die ganze Menschheit umfaßte. Ihn, Stammetgenoffen, de» sanft entschlummerten Firsten Juda's, um den eine ganze Menschheit trauert, t a s i e t uns zu unserem Vorbilde wählen, schla>en wir seine Wege ein, wenn nicht mit so große» Mitteln, so doch mit starkem und unerschütterlichem Willen! Lieben wir, wie er. unsere Nächsten ohne Unterschied der Confessio» und Narionalität (Stürmischer Beifall), seien wir treue Unterthanen unseres Vaterla u d es, unseres schönen O e st e rreichs. das uns Schutz und Freiheit gewährt. (Beifallsrufe und stürmisches Händeklatschen.) Entblößen wir freudig unsere Brust im Kampfe für den erlauchten Monarchen (LanganhalkendcS Händeklatschen uud Prosit! - Ruse), doch bei alledem lieben wir unser« eigeueu Brüder. mögen sie in den Steppen Ru ßlauds, in den Pußten Ungarns oder unter dem Drucke Bratianu's schmachten. (Nichtendenivollende Beifallsrufe.) Sorgen wir unerschrocken für ihre Zukunft, und wenn nach langen Atchhen und Kämpfen sich einst die Hoffuungeu deS Sir MofeS 'Montefiore erfüllt habe», wenn unser Volk »ach zweitauseüdjähriger Knechtung, gestärkt, neu verjüngt, aiideren Nationen gleich Freiheit athinen wird, dann werden wir dem großen Manne, um den wir jetzt tcanern, ein ewiges und stolzes Denkmal errichtet haben und sein Ruhm wird dem jenes größten Feldherrn uud Gesetzgebers gleichen. Den», wie dem Begründer unserer unvergäuglicheu Nation, dem ersten und nie ubertroffeneu Manne Moses, eS nicht vergönnt war, das Land.der Verheißung zu betreten und er jenseits des Jordans, von den Höhen eines Berges sehnsüchtig seine Blickhiuübersenden mußte, >o war eS auch Sir Moses nicht beschieden, den Samen, den er in Palästina's Boden gestreut, zu einem stolzen Baume emporjchi.ßeu zu sehen.