Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 15 (2.9.1885)
- Date
- 1885-09-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Selbst - E man ei p a t i o n! Nr. 15 der sich als Friedensstifter zwischen Eheleuten einen großen Ruf erworben hatte, indem er nicht, wie andere Heiratsvermittler nach Zahlung des Honorars seine Thätigkeit einstellt, sondern täglich Mann und Frau versöhnt, beeilte sich nicht das gute Einvernehmen zwischen Naftali und seineni Weibe herzustellen, vermuthlich deshalb, weil er nicht die Heirat vermittelt hatte. Seit jener Zeit erkannte ich. daß ich mich nicht mehr um den Armen zu kümmern habe, noch mit ihm zu sprechen, drnn ich wollte ein braver Junge sein. Von damals an wurzelte tief in meinem Herzen die Vorstellung, daß um Verrückte sich kümmern soviel sei, als ausgelassen sein. Und wenn sich auch meine Gesinnungen mit der Zeit veränderten und ich einsah, daß die Mehrzahl derer, mit denen ich verkehrte, verrückt sei, so konnte ich doch nie mehr den Eindruck jener Jugendlehre los werden und darum entschloß ich mich nur ungern, mit einem befreundeten Arzt das Irrenhaus, in Wien zu besuchen um das Thun und Treiben der Wahnsinnigen zu beobachten. (Schluß folgt.) p u I s f d) I ä g, e Novelle von Wehernicr ferner. Dort, wo die innere Stadt Wiens an die Leopoldstadt, jene Vorstadt, die durch die Größe ihrer jüdischen Bevölkerung europabekannt ist, grenzt, erhebt sich ein prächtiges Viertel, das man den „Quai" nennt und welches in erster Linie von israelitische» Großkaufleuten und Großcapitalisten besetzt ist. Gleich hinter dem „Quai" aber, zwischen diesem und dem eiaentlichen Herzen der Stadt, liegt ein unschönes, winkliges Quartier mit engen, dumpfen und lichtarmen Gasten und Gäßchen, Stiegen und Aufgängen, welches seiner ganzen Anlage nach einem Ghetto, wie wir solche aus den verschiedensten Beschreibungen kennen, gleicht. Man wird umsomehr daran erinnert, als die hier etablirten Geschäftsleute mittleren und unteren Ranges größtentheils Juden sind und auf der Straße Gruppen ärmerer Israeliten aus den verschiedenen Gegenden Oesterreich-Ungarns, sowie der östlichen Grenzstaaten stehen. Die Basis dieses Wiener Ghettos ist der sogenannte „Salzgries", mit dem freilich in den letzten Jahren eine gewaltige Veränderung vor sich ging, welche wir nicht übergehen dürfen, weil unsere Geschichte erst in der jüngsten Zeit sich abspielte. Der „Salzgries", der tiefstgelegrue Theil der inneren Stadt, hat dadurch, ei» anderes Gesicht bekommen, daß vor wenigen Jahren seine eine Seite, die aus ebenso altersgrauen Gebäuden bestand als die andere, abgetragen, der so entstandene freie Raum aber, welcher tief unter dem Niveau des anstoßenden „Quai" lag, ausgcschüttet und mit Palästen verbaut wurde. Kurz, der „Quai" schob seine Herrlichkeit bis zum „Salzgries" vor, der jetzt gar seltsam aussieht, denn er besteht aus zwei parallelen Straßen, — die eine hoch oben auf einem Damm sich hinziehend' mit ihrem modernen Häuserprunk, die andere unten im Thale mit ihren verwitterten Baracke», die. sich demüthig vor ihrem stolzen Vis-a-vis zu ducken scheinen. Treppen führen von der höheren Region des „Salzgries" in seine tiefere hinab, und diese, die Toalseite, ist, wie bereits erwähnt, die Basis, über der sich der ganze Bezirk von dämmrigen Gasten und morschen Häusern erhebt, den man das „Ghetto von Wien" nenne» könnte. Die Ghettogassen waren'heute ziemlich menschenleer, denn abgesehen davon, daß Sabbalh war, was freilich heutzutage nicht mehr sonderlich den Verkehrbeeinträchtigt, herrschte ein gräuliches November-Wetter. Seit den frühe» Morgenstunden regnete es in Strömen, dabei wehte ein heftiger und schneidend kalter Nordwest und der gleichförmig graue-Himmel versprach keine Ansheiterung. Vollends am Nachmittage wurde das Wetter unausstehlich; man konnte keine Minute auf der Gasse sein, ohne bis auf die Haut durchnäßt und durchkältet zu werden. Um so behaglicher saßen die Leute in den stadtbekannten Salzgries- Kaffeehäusern; die Zeitungsleser an den Fenstern wa>fe» hie und da einen fragenden Blick zum Himmel oder einen bedauernden aus einen vorüberhulchenden Wanderer. Der Soldat aber, der eben über das schlüpfrige Trottoir des-„Salzgries" (Thalseite) dahineilte, schien sich selbst gar nicht bedauernswerth vorzukommen, denn trotz Regen und Sturm war der junge Mann froher Laune. Das bewies die lustige Weise, die er vor sich hersummte. Ucbrigens war er seinem Ziele schon nahe. An einer Seitengasse las er „Fischerstiege". Er trat in das kaum ein Meter breite Gäßchen ein, das in sehr langen und äußerst flachen Stufen emporsteigt — und bald darauf in ein mittelalterliches Haus, aus dessen Flur ihm eine egyptische Finsterniß entgegengähnte. „Es war doch ziemlich unüberlegt von mir," d achte er, in der Einfahrt Halt machend, „einen solchen Tag zn einem ersten Besuche zu benützen. Wie kann man einen guten Eindruck machen, wenn man so wässerig daherkommt?" Dabei öffnete er seinen grauen Soldatenüberzieher und schüttelte ihn; letztere Procedur wiederholte er auch mit der Kappe. „Doch sollen es ja gute Leute sein." rief er jetzt laut, um sich gleichsam selbst Mulh einzuflößen, und wir erkennen an seiner breiten, dehnenden Anssprache des Deutschen den mährischen Juden. Bald hatte er die Wohnungsthüre gefunden. Er klopfte an. Ein resolutes, aber ziemlich verwundert klingendes „Herain!" schallte von innen an sein Ohr. Der junge Mann öffnete und trat mit einem lauten und herzlichen „Gut 'Schabbes!" in die Küche, in der eben ein.' hochgebaute und starke Matrone damit beschäftigt war, aus dem offenen Speisekasten Aepfel, Birn-n und Nüsse zu nehmen und aus einen Teller zu leg:», in dieser Be - schästigung aber sich.unterbrach, als sie einen vollkommen fremden Menschen, überdies einen Soldaten eintreten sah. . „Gut Jahr!" antwortete die Frau und wartete auf weitere Erklärungen. „Ich bin doch bei Herrn M o s e s K a tz?" „Zu dienen, so heißt mein Manu," auiwortete die Gefragte, hielt aber wieder iirne, um den Ankömmling sich weiter aussprechen zn lassen. „Mein Name ist S i m v n B e r g e r; ich bin der Sohn von Jacob Berger in Nikolsburg, dem alten Freunde Ihres Herrn Gemals." Kaum hatte der junge Mann sich dermaßen vorgestellt, als die Frau ganz lebhaft wurde, auf ihrem Gesichte -spiegelte sich wahre Freude ab und „Spazieren Sie doch weiter!" rufend, eilte sie voran, öffnete die Zimmer - thür und schrie: „Moses, lieber Mann, Jacob Berger- Sohn aus Nikolsburg ist da." Der Angemeldete betrat unmittelbar nach, dieser patriarchalischen Meldung die Stube, in der ein dämmriges. Dunkel verrschte und wurde Von Moses Katz mit eineiy herzlichen „8o1ro1siii dlechem“ empfangen. „Nehmen Sie Platz, lieber Herr Simon! Wie gehtdem Vater — er hat nur schon lange nicht geschrieben : Wie kommen Sie in die Uniform? Du lieber Gott, ein Narr fragt mehr, als zehn Weise beantworten können. Wie Sie Reb Jacob ähnlich sehen! Ganz er in seinen jungen Jahren." Mit diesen Worten machte der alte- Herr seinen freudigen Gefühlen Luft, nachdem er sich ganz nahe'an des jungen Mannes Gesicht herangeboge» hatte, um feine