Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1885-09-02 · Heft 15 (2.9.1885) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 15 (2.9.1885)
Date
1885-09-02
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092673-3092688--0193-3093127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15 Selbst-Eman cipation! Seite 9 Skizze aus dem hebräischen der «k. :crc: »m o „Nur ungezogene und faule Rangt» kümmern sich um die Verrückten, jeder brave Junge aber bleibt ihnen ferne, sagte mir mein Lehrer, als ich mich einstmals nach einem Wahnsinnigen umjah, den eine Rotte von Gassenbuben umringte und neckend mit Erde bewarf, während er von Zeit zu Zeit sich umwandte, die Zähne fletschte und ihnen gräßlich fluchte. Ich sah ein. daß mein Lehrer Recht habe und richtete mich stets nach seinem Befehle. Obwohl ich me fünf Verrückten der Stadt beirn Namen kannte, beachtete ich sie nicht, ja ihre Namen kamen gar nicht über meme Lippen, damit ich ein „braver Junge", sei, und damit dre Wittwe Fran Rachel, Mirjam's Mutter, ja nur höre, ich fei rin „braver Junge". Ich lief also nicht dem Dow, dem Sohn des Dajjon. nach, der, wie allgemein behauptet wurde, verrückt geworden war, weil er Tag und Nacht im Talmud studirte, nach der Ansicht des Arztes Samuel aber deshalb Tag und Nacht mit Talmud sich abgab, wen er den Verstand verloren habe und der seit langer Zeit schon in den Straßen der Stadt sich Herumtrieb, unzusammenhängende Dinge plauderte, mit sich selbst zankte, Hände, Kopf und Schultern hin- und herbewegte, als fet « v.\ einem gelehrten Disput begriffen, und stets nach Tabak roch. Seine Nahrung bestand aus trockenem Brode, da er sich — so sagten wenigstens seine Brüder, die die Erbschaft genommen hatten — weigerte, andere Speisen zu sich zu nehmen. Wenn er die Stadt durchzog, folgten chm Haufen von Burschen, die ihn reizten, wofür er sich rächte; sie zerrissen ihm'die Säume seines Rockes und er zerkratzte dafür das Ohrläppchen oder die Nase des Jungen, ^dessen er gerade habhaft werden konnte. Diesem Menschen lief ich also nicht nach, denn ich trachtete, ein „braver Junge zu sein und übrigens waren mir auch meine Ohrläppchen und meine Nase nicht gleichgiltig. — Ebensowenig kam ich i" die Nähe der Verrückten, von deren. Söhnen . vier der Cholera erlegen waren, während man die übrigen zwer zum Militär genommen hatte, — die auf der Straße, sowie in der Frauenabtheilung der Synagoge Gott dem Herrn dafür Loblieder sang und, wenn sie sich Friedhof geschlichen hatte, dort über das Grab chres Gatten sich beugte, denselben schalt, weil er daliege wie ein Aas, — wie der Roscb-ba-kahal und der Arzt, welche beide ihre Söhne zu Schwiegersöhnen genommen, ihnen aber nicht die Töchter gegeben hätten. Das Gelachter, welches sie nach diesen Reden erhob, war derart, daß )elou der Todtcngräber erschrack — ich aber nicht, denn rch näherte mich ihr nicht, weil ich ein „braver Junge" war. — Aber nicht blos diesen schenkte ich meine Aufmerksamkeit, sondern auch meinen früheren Freund, den „tollen Bachur^, beachtete ich nicht, seitdem er so hieß. Der „tolle Bachur , den ich schon seit lange kannte, war ehedem Naftan, der „gute Junge" genannt worden und ich hatte ihn sehr lrev gehabt; — nicht etwa deshalb, weil er sich durch seine ralmudtschen Kenntnisse einen Ruf erworben hatte, denn nach meiner Ansicht verstand ich tausendmal mehr als er und irrten oder schmeichelten Alle, welche' ihn und nicht mich den „guten Jungen" nannten (ich erkannte, wie richtig das Urtheil des Talmuds sei, daß die Frauen mehr Einsicht haben, denn meine Mutter und Ene Tante, dre Wittwe Rachel und vielleicht auch Mirjam, ihr Tochterchen entschieden,.daß nur mir allein im ganzen Lande der Ver« name. „guter Junge" gebühre). — also nicht etwa dieses seines Wissens wegen, das in de» Augen seiner Freunde gleich Nichts geachtet wurde, sonvern wegen seines guten Herzens, das ihn bewog, so oft er Aepfel im Bethausgarteu stahl, mit mir zu theilen. Ec that dies oft, obwohl es eine sehr große Sünde war in den Augen des Gabbai, der das Obst für sich einsammelte, um es am Simchatb Thorali, wenn man ihn unter Spiel und Tanz nach Hause geführt hatte, an seine Begleiter zu vertheilcn. Plötzlich wurde nun dieser „gute Junge" wahnsiimig. Der Tempeldiener sagte, der Bursche sei Nachts von Lobsäim (bösen Geistern) gepackt worden, einer meiner College» aber vertraute mir insgeheim, daß nicht ein 8ohsä, sondern der Tempeldicner in Höchst eigener Person, der selbst in dieser Nacht das Obst im Garten stahl, den armen Naftali gepackt und mit einem Stock so auf dessen Kopf losgeschlagen habe, daß er verrückt werden mußte. Naftali aber selbst schrie stets, feine Frau quäle ihn und lasse ihm keine Ruhe. Da es aber noch nicht vorgekommen ist, daß man einen Mann deswegen verrückt nennt, weil er behauptet, seine Frau mache ihm die Hölle heiß (denn es ist ja Sitte, die Herrschaft seines WeibeS zu ertragen und selbst die, welche noch nie die zankende Stimme ihrer Frauen gehört haben, lieben es, über das, was ste von ihren Ehehälften auszustehen haben, gar viel zu erzählen, um dadurch Jedermann zu zeigen, wie werth ihnen die Schmerzen der Liebe sind, oder weil sie auf ein Rabbinat warten und ein Rabbiner ohne ein keifendes Weib und ohne Magenkatarrh ebenso undenkbar ist wie ein Cbasan ohne Bart, wie ein Wunderrebbe ohne K’meotb (Talismann) und wie ei» Zigeuner ohne gestohlene Pferde), so ist es leicht begreiflich, daß man nicht deshalb den Naftali verrückt nannte» sondern deshalb, weil überhaupt Niemaud gesehen oder erfahren hatte, daß er je geheiratet habe. Nur er selbst erzählte, daß er eine Frau ohne Hilfe eines Schadchens heimgeführt habe, die Lilith #) heiße, mit der er auch Anfangs glücklich gelebt habe, bis-sie ihn zu quälen anstng, im Schlafen und im Wachen ihm keine Rüde gab, und über ihn eine Schaar von Kobolden schickte, die ihn umringen und ihm zurufen: „Du bist unser Vater, gib' uns Brod und einen Ruheort!" In der Größe seines Kummers rief er unaufhörlich: „Lilith, fort von mir!" und Jeden, der sich ihm näherte, sah er für einen bösen Geist an und schimpfte den Director der Jeschiwah, und den Gabbai, und den Lehrer mit seinen Schülern ingesammt „Höllensöhne". Als er einst in einer Nacht viel schrie, weckte er die Thorahüter. Diese wurden grimmig und versuchten ihn zu binden und in diesem Kampfe, den er allein gegen zehn Schüler, zwei Lehrer und den Tempeldiener führte, that er Wunder, dennoch gelang es ihnen, den Armen an Händen und Füßen zu fesseln und auf die Straße, auf Steine, Schnee und Eis zu werfen, halbnackt und baarfüßig, denn der Tempeldiener hatte die Arzneikunde nach dem Lai Vchomer studirt: Wenn nämlich Eis auf den Kopf gethan, den Wahnsinn heilt, um wieviel mehr muß dies der Fall sein, wenn es auf den ganzen Körper kommt. Auch größere Aerzte als der Temprldiener, die sich ihre Kenntnisse nicht auf dem Wege des Lai Vcbomer erworben haben, sondern von zwei Professoren, die einander widersprechen, bis ein Dritter kommt, der sie Beide Lüge» straft, auch solche irren und wir können es daher nicht dem Tempeldiener verübeln, wenn seine Heilungsmethode sich nicht sonderlich bewährte. Als man nun den armen Naftali in's Spital brachte und die von seinem Geschrei aufgeweckte Fran des Directors fürchterlich fluchte, da erkannte der Bachur sofort, daß Lilith zu ihnen spreche, zerriß seine Fesseln und entsprang. Seit damals streitet er mit seiner Frau, ohne daß sich Jemand in's Mittel legt; 'selbst der Schadchen Ch., *) Lilith bedeutet Nachtgespenst. Anm. d. Ueb.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.