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Selbst-Emancipation · 1885-09-02 · Heft 15 (2.9.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 15 (2.9.1885)
Date
1885-09-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15 Selbst-Emancipati o n! Seite 11 Züge betrachte» zu könne». Als er wieder vo» ifmi wegtrat, bemerkte dieser, wie ans einer Ecke d s Zimmers zwei feurige Augen ihre Blicke anf seiner ganzen Gestalt neugierig umherschweifen ließen; dabei entging es ihm nicht, daß sie sich bemühten, trotz der Dunkelheit zu erspähe», ob die Aermel seines Waffcnrockes die gelben „Einjährig- Freiwilligen"-Streifen trügen. Er mußte über die Wahrnehmung lächeln und verbeugte sich galant gegen die ihn inusternde Dame, die er anfänglich gar nicht bemerkt hatte. Sic erwiderte die Verbeugung. Jetzt erst holte der alte Katz seine gesellschaftliche Bersäumniß nach. Er rief: „Sehen Sie, lieber Herr Simon, das ist meine Roia, schauen Sie sich sie an! " Der junge Mann machte Anstrengungen, diese naive Erlaubniß auszunützen, aber umlonst, es war zu dunkel im Zimmer, als daß er des Mädchens Züge hätte ausnchmen können. Während er an dem „Schabbesobst" und dem „Kuchen", zu denen er von den alten Leuten geuöthigt wurde, knusperte, und kaum Antworten genug für ihre neugierigen .Frage» hatte, sah er immer-wieder hinüber zu dem Mädchen, dessen Blicke jetzt starr auf seinem Gesichte ruhten. Wenn er sie nur schon würde sprechen hören! Bon Minute zu Minute wurde er ungeduldiger, der Kopf begann ihm unter den zudringlichen Blicken des Mädchens zu schmerzen, es erfaßte ihn die eigenthümliche Unruhe, welche man vor der Enthüllung eines wichtigen Geheimnisses verspürt. — Und als sie die ersten Worte sprach, da ergriff es ihn mit elementarer Gewalt, es kam ihm vor, als ob er noch nie so viel Wohllaut gehört habe, als in dem Klange dieser tiefen und vibrirenden Stimme lag. Dieses Sprechen erschien ihm eine Offenbarung der Harmonie. — Das Gesicht, das Gesicht, .wenn er nur dieses schon würde sehen können! — Entsprach es der Stimme, dann mußte es hinreißend sein. Es war bereits ganz dunkel im Zimmer, aber man machte' noch sticht Licht, denn noch stand kein Stern am Himmel und somit war der Sabbath noch nicht vorüber. Die Unterhaltung verstummte unwillkürlich, die Gesellschaft erwartete schweigend den Ausgang des Ruhetages. Moses Katz und der Soldat verrichteten leise vor sich hinmurnielnd, das Abendgebet. Endlich brachte die Haustochter die Lampe und schickte sich an, Licht zu machen. Der Streifen, den das Zündhölzchen an der Mauer zurückließ, erregte Simons Nerven, wie ein greller Blitzstrahl. Ha, bereits flackerte unruhig die freie Flamme — im nächsten Moment war das Lampenglas aufgesetzt und freundliches ruhiges Licht ergoß sich über das Zimmer. Mit weit hervortretenden Augen sah der junge Mann auf das Mädchen. Konnte etwas Erhabeneres und Stolzeres, aber auch Weiblich-anmuthigeres gedacht werden, als dieses Gesicht, als diese Gestalt? Er war in ihren Anblick wie anbetend versunken. Das Antlitz erhielt durch seine feine Blässe und seinen ovalen Schnitt einen berückenden Ausdruck. Die schwarzen, zuweilen leidenschaftlich aufleuchtenden, zuweilen schwärmerisch glimmenden, zuweilen starr blickenden Augen und das nächtige Dunkel der Haare erhöhten diese Wirkung; die zusammengepreßten Lippen und die scharf gezeichnete, ein wenig gebogene Nase, gaben dem Gesichte einen stolz abweisenden und hoheitsvollen Charakter. Das kaum siebzehnjährige Mädchen war schlank, zart gebaut, eine Gestalt von engelhaftem Ebenmaße. Simon erfaßte bei dem Anblicke dieser königlichen Erscheinung eine tiefe, zielunbewußte Sehnsucht, welche heiß- Fieberglut in seine Adern jagte. Statt die Awdole (Hawdalah) mitzusagen und in das-allgemeine „Gut' Woch" einzustimmen, stierte er hin zu ihr, ohne^ zu wissen, was mir ihn vorging. Er hatte die Geistesgegenwart verloren. Verwundert sahen die beiden Alten auf den siebergerötheten jilngen Mann, dessen Augen von Rosa nicht abtassen konnten. „Warum schauen Sie meine Rosa so erschrocken an, Herr Simon", fragte Moses Katz. „was finden Sie Auffallendes an ihr? „Nichts, nichts!" entgegnet« der durch diese Frage aus seiner Bewunderung aufgerüttclte junge Mann verwirrt und brach ab. Es entstand eine unerquickliche Pause. Als aber Kaffee gebracht wurde, war bei den dampfenden Schale» die peinliche Scene von vorhin bald vergessen; auch Simon hatte, wie es schien, seinen Gleichmuth wieder ganz gewonnen. Die Unterhaltung ward eine rege, da sie der junge Mann zu beleben wußte. Rosa nahm au ihr Theil, nicht vorlaut, sondern zurückhaltend, sie schie n viel Geist und ein reiches Gemüth zu besitzen. Wenn Simon heitere Geschichten erzählte, so lachte sie nicht, sondern lächelte blor und dann war es ihm jedesmal so, als wenn er den Verstand verliere» müßte ob dieses Lächelns. „Daß Albert nicht kommt" sagte der Hausherr plötzlich „Es regnet ihm zu stark," meinte Rosa. „Albert ist mein Cousin," fügte sie, zu Simon gewendet, erläuternd hinzu. — Als einige Minuten später Frau Katz in die Küche hinausging, um dort etwas anzuschaffen und auch Rosa's Vater in ein anstoßendes Zimmer sich verfügte, um seine Pfeife zu holen, benützte Simon die Gelegenheit, um dem ihm gegenübcrsitzenden Mädchen mit völlig ernstem Tone zuzurufen: „Ihr Cousin ist ein Unmensch, wenn ihn ein schlechtes Wetter abhalten kann. Sie zu sehen." Rosa blickte ihn groß an; sie forschte in seinem Herzen, und fand dort bereits ihr eigenes Bild;-sie schwieg. Nach acht Uhr war es bereits, als der junge Mann das Haus, in dem er so freundliche Aufnahme gefunden hatte, verließ. Er wurde zum täglichen Wiederkommen eingeladen und versprach es auch. Hätte er denn überhaupt schon ausbleiben können? — — — (Fortsetzung folgt.) Are Schate. (Legende.) Aus dein Russischen des S. F r u g. Deutsch vo» Moriz Katz. „Sage mir, ob's wahr ist oder nicht, Gute, was so oft Großvater spricht, Daß im Himmel eine große Schale Stehet vor dem ew'gen Gottesthron Und bei jedem schwarzen llnglücksfalle, Den uns grausam fügt Tyrannenhohn, Line Thräne in des Kelches Tiefe von dem traur'gen Gotresauge triefe; Ist sie aber einst von Thränen voll Unser Messias Sann kommen soll. Dessen Ruhm wir im Gebete preisen, Der einst Zion Lhre soll erweisen. Der schon, ach l so lang' mit Schmerzensgrame Wird erwartet von dem Dulderstamme?" — „Ja, lieb' Kindchen mein, s' ist wahr und heilig", Kummervoll die Mutter leise sprach. Und der Knabe schwieg, — und dachte nach — Wiederum befragt er sie so eilig: „Wann denn wird mit Thränen schon der Trauer voll sein jener großen Schale Schlund? Trocknen sie vielleicht bei langer Dauer? Vder ist die Schale ohne Grund?" — Seine Hellen Augen, sanft und mild, Schimmernd, leuchtend wie ein Sternenbild waren zu der Mutter hingewandt. Und das Haupt gesenkt die Mutter stand. Werber Schmerz ihr eine Thräne raubt, . Die gleich einem strahl'nden Edelsteine Auffällt auf des lieben Kindes Haupt. . . Und bethauet seine Rosenwange. „Gott l Gib, daß auch diese Thräne meine Dort in jenen Leidenkelch gelange!"

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