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Selbst-Emancipation · 1885-09-02 · Heft 15 (2.9.1885) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 15 (2.9.1885)
Date
1885-09-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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T Nr. 15 S e l b st - E ui a u c i p a t i o u! Seite 3 gewordene Sehnen des jüdischen Volkes nach seinem Lande, lähmte die Kraft des Stammes, irgend eine Idee zn fasse», welche näher dem Leben stehend ihre Verwirklichung in rastlosem Streben und Wirken fände. Und so erklärt es sich, daß die Juden bis nun zu keine einzige Idee haben, welche sie alle erfüllte und alle in irgend einem gemeinsamen Streben vereinigte! Und kein Fortschritt, keine Entwickelung kein Stammesbewußtsein ohne Idee! Und so müssen wir zurückkehren zu jenem holden Traum, der uns in allem Leid umgaukelte, der dem einsamen Dulder in seiner Wüstenei, die gefolterte» Märtyrer in den finsteren Burgverließen belebte. — — W i r sollen unser Land wieder gewinnen! Und überlaffen wir es nicht einer Wunderfügung des Schicksals, wie unsere Väter— sondern fachen wir die Sehnsucht nach der Erfüllung der Legende in unserem Volke an und suchen wir nach entsprechenden Mitteln dieses erhabene Ziel zu erreichen! Sowie jetzt unser Stamm steht, gleicht er jenem sagenhaften Gespensterschiffe, welches von Geistern Mitternachts immer dem Lande zugelenkt wird und des Tages von widrigen Winden zurückgetricben wird, so daß es nimmer den Strand erreichen kann. Einst kommen, Menschen von Fleisch und Blut auf's Schiff und steuern es unter großer Mühe an's Land. Dann lösen sich der Zauber und der Fluch, die auf dem Schiffe gelastet. Die Schemen, die eS füiher regiert haben, zerfallen in Staub und unermeßliche Schätze, die das Schiff in sich birgt, werden den glücklichen Menschen zu Theil, die es an's Land brachten. Auch wir irren hin und her auf unsteter Woge — auch wir können nicht aus den Fluthen den Weg finden. — Aber, es ist Zeit, daß wir uns ermannen und das Steuer ergreifen, das uns an's Land führt! Auch unser warten dort unerm e ß l ich e S ch ä tz e! Dieses Steuer soll die Idee der jüdischen Nationalität uns werden. Und dieses Lan d d a s c o l o n i s i r l e P a l ä st i n a. erwidere Dir: „Nicht Einer und nicht zehn, sondern eine geheime Clique von Alleinseligmachern in priestcrlichen Soutanen und Alleinseligmacherinnen in meterlangen fürstlichen und gräflichen Schleppen. Dabei wird aber methodisch zu Werke gegangen; hier »ur einige Mittelchen, welche hiebei in Anwendung kommen: Junge und unwiffende Mädchen werden einfach mit wenigen Worten geködert und in Mußestunden entführt. Man trachtet von der Propaganda aus die etwas erwachsenen und ungebildeten Mädchen mit den Eltern in Zank zu bringest und erstere dann zu bereden, daß sie sich in die Kirche flüchten, um ihren Eltern empfindlichen Verdruß zu bereiten. Dort angelangt entgehen sie dem Seelenfang nimmer oder höchst selten. Mädchen, welche gewisse Schulen beiucht haben, wird das Judenthum in einem so häßlichen Lichte dargestellt, daß Zydowica und Zyd Schreckbilder in den Augen der sibelgeleyrtcn Mädchen jüdischer Nationalität sind. Schamröthe steigt in die Wangen dieser gequälten Kinder, eben in jenen Momenten, wo ihnen von mitschülerischer Seite jene derbe Wahrheit entgegengeschleudert wird. All das läßt die Kinder Israels, besonders das schwache Geschlecht, für die Mifsionsthätigkeit der Nebelritter Galiziens besonders vorbereitet sein. Eine andere Art von BekehrungS mittel ist die Eröffnung einer Aussicht auf glänzende Heiraten, zu welchen Zwecke gewisse Mädchenjäger aufgesucht werden, welche den Opfern besonders in den kleinen Städtchen und in den Dörfern nachstellen, diese den Eltern entführen u. s. w. Unsere unglücklichen Brüder in Galizien stehe» dieser schändlichen Agitation ganz ohnmächtig gegenüber — die Und nun noch einige Worte über die Ausführung dieser Ideen. In unserem Stamme liegt die größte Wiederstandskraft gegen den Untergang und das Aufgehen in anderen Völkern, die wir überhaupt kennen. Unsere Rasse ist alt und scharf hervoctretend und dafür haben unsere Feinde gesorgt, daß sie — wenigstens in den Zeiten der Diaspora — so rein und sich gleich geblieben ist, wie keine zweite. Das scheinbare Aunehmen von Sitten, Sprache und Manieren der mit den Juden zusammenwohnenden Völker vermochten nicht die charakteristischen Eigenschaften unseies Stammes zn vertilgen oder nur zu schwächen. Unser enges und reines Familienleben, unser für alles Erhabene empfängliches Gemüth, unser durch tausendjährige Erfahrungen und Leiden geschäfter und gestählter Geist — sie sind uns die besten Garantieen einer glücklichen Zukunft! Nur dem Volke die Fernsicht eröffnet! Nur unsere zaghaften Genoffen, wo sie sich zeigen, daran gemahnt, daß die kühnste Idee, wenn sie mit gutem Willen angegriffen wird, aufhört Chimäre zu sein! Nur die Spötter und Verräther in die Schranken gewiesen! Wir haben in unseren Zeiten Völker auferstehen gesehen, die mit unserem , Volksstamme keinen Vergleich aus« halten. Unsere Genossen kennen großentheils ihre Geschichte und lesen ohne Ausnahme unsere alte Sprache, viele verstehen sie auch! Dieses Veestiindniß der Sprache, diese Kenntniß der Geschichte unseres Volkes zn verbreiten sei unsere erste Aufgabe! Gründen wir Schulen, die den modernen Standpunkt und die Erfordernisse eiuhaltend, welche die Völker ui deren Mitte wir wohnen, recht und billig an uns stellen, unserer hebräischen Sprache, unserer Geschichte und unsere» Stammesideen die gehörige Geltung verschaffen. Wir haben in dieser Beziehung viel versäumt! Wir Haben ein Geschlecht aufwachsen laffen, dessen Erziehung wir den Schule» fremder Nationen überließen, und so tauchen jetzt in unserer eigenen Mitte Feinde unseres Stammes auf, das sind die j e m i t i s ch r n A n t i s e m i t e u! Und haben wir einerseits eine Wiederbelebung der Klöster find oft von derlei Stopfgänsen überfüllt. Es ist eine besondere Eigenthümlichkeit dieses Landes — dieie Institution zur Prostituirung und Schändung der kirchlichen Würde durch gemeinen Seeleuschacher. Wenn wir aber auch unsere sittliche Entrüstung über diese hochwohlgeborne und ehrwürdige Häscherbande, welche in tiefster Zurückgezogenheit ihre Netze spinnt und auswirft, aussprechen, so müssen wir jedoch unsern Brüdern in Galizien zum neuen Jahre auch ihr Sündenregister Vorhalten und ihnen zeigen, worin sie bei der Erziehung ihrer Kinder fehl gehen, was es denn für Bewandtniß damit habe, daß in den kleinen Städten die kleinen und.die größeren Mädchen solchen Verführungen so gar zugänglich gemacht sind. Die Mädchen auf dem Lande wachse» ohne jede Erziehung auf — ohne das mindeste Wissen von der jüdischen Lehre und vom jüdischen Leben. Sie werden daher nur mechanische Jüdinnen. Sie bleiben insolange Jüdinnen, als sie in fast verruflicher Zeit, an den Mann gebracht werden — was ihnen jede Möglichkeit zum Abfalle wohl benimmt, aber vor entsittlichenden Attaquen nicht hinreichend moralisch stärkt und wappnet. Bei der höheren Classe (nicht etwa in chassidischen Häusern) liegt aber der Fehler darin, daß dieselben affimilatorisch inficirt sind, daher jeder modernen nichtjüdischen Albernheit eher das Wort geredet, eher nachgeäfft wird, als das man dafür sorgt, die Kinder vertraut zu machen mit jüdischem Volksthum und seiner unvergleichlichen Geschichte; dieses mangelhafte Selbstbewußtsein führt die moderne Jugend auf alle möglichen Irrwege — die Phantasie

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