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Selbst-Emancipation · 1885-09-02 · Heft 15 (2.9.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 15 (2.9.1885)
Date
1885-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 S e l b st - E m a » cip a 1 i o n! Nr. 1SL Moher und wohin? (Schluß). Die falschen Propheten haben das jüdische Reich einst zu Falle gebracht; ihr Geschlecht stirbt nicht aus! In allen Zun, en hören wir ihre Schlängeiipredigten. Die Gepeitschten schmiegen sich an die Füße ihrer Peiniger. Der zü Boden gestürzte Gladiator im Circus erbebt feige seinen Finger und bittet um Schonung seines elenden Lebens. „Wir sollen ausharren" hören wir die Volksbethörer. „Wir sollen geduldig warten, wir sollen weiter unsere besten Kräfte Fremden widmen, das Gute wird schon den Sieg davontiagen." Und mit solchen Schönheitspflästerchen will man die großen, ewig blutenden Wunden unseres Volkes heilen? Mit irgend einem Citate eines lebensheiteren Philosophen, vielleicht gar mit einem aus dem Zusammenhänge gerißenen Satze aus der Bibel will man uns über den bodenlosen Abgrund unserer jetzt und bei gleichen Verbältnissen für alle Ewigkeit hoffnungslosen Lage hinwegtäuschen! Und wir sollen schweigend uns in das Joch politischer Geistlosigkeit ergeben? Wir sollen freiwillig den großen Vertrag der Knechtschaft unterfertigen und als Abschlagszahlung und Mäkelgebühr für die ichändlichen Unterhändler irgend eine Ehrenstellung erschmeicheln! Auf daß wir uns dann täuschen und prahlen können: „Unsere Obersten bekleiden hohe Aemter unter den Fremden!" Es wird nicht dazu kommen! Nein! Nein und abermals nein! Der gesunde Sinn unseres Volke? wird uns auch über diese Klippe hinweghelfen! Es gibt nur einen einzigen Weg, der die Juden mit ihren Feinden versöhnt und der ist das vollständige Aufgeben des Glaubens der Sitte und sogar des Namens: Jude. Auf diese Weise würden die Juden verschwinden Nttd ihren Feinden den Boden entziehen auf dem sie gegen uns' kämpfen. Dieses Mittel ist radical! Aber die cosmopolitistrenden Jdyllenmaler, welche so Die Nebelritter Galiziens und ihr Sport. Das jüdische Jahr 5645 eilt dem Abschlüsse zu; nur noch einige Blätter hat es umzuschlagen und eS ist eingezogen in die Ewigkeit. Herbe sind die Verluste, welche nach dem Willen der Allmacht während feines Laufes uns getroffen haben. Judas Söhne und Töchter nähern sich dem Neujahre nicht im Taumel dahinrasender Colonnen auf dem aalglatten. Boden irdischer Paradiese, sondern ernst, zerknirscht vom Bewußtsein, in dem abgelaufenen Jahre nicht jene Vollkommenheit erlangt zu haben, wie sie die jüdische Lchre verkündet. In heiliger Scheu sieht man sie in den Gotteshäusern stehen, um zu erflehen den Beistand des göttlichen Allvaters, feinem Ideale im nächsten Jahre näher.kommen zu dürfen, einen edlern Sinn und ein weicheres, empfänglicheres Ge-'' inüth für alles Gute und Erhabene in sich einzupflanzen und Israels Erlösung und Rettung aus seiner Bedränger Hand zu erbitten. In Galizien, wo edler, uugehcuchelter Conscrvatismus und Verständnis. für Tradition unsere Brüder den ganzen Monat Elul in die. ganz unmodernen. Gotteshäuser zu Tausenden drängt, begegnest. Du leider, gar nicht mehr selten fast in jedem Orte einem Manne mit bleichen Wangen und ausgewcinten Augen. Du wirst unwillkürlich, vom. Mitleid ergriffen. Weßwegen dieses Mannes „Himmelstürmen." Vielleicht läßt sich ihm ui Etwas helfen, vielleicht lassen seine Zähren sich trocknen? Du faßest Misthund schön' von Volksverbrüderung zu reden wissen, hatten noch nicht die Frechheit es laut aüzurätheil! Und >o wirdeir Halbmittel und Palliativ« angepriesen! Mit dieser Afteiheilkunst wird aber nichts ausgerichtet! Mögen nur unsere „Verbrüderuugsprediger" offen mit der Sprache beraus! Wir wollen dann sehen, wie viele unserer Stammesgeuoffen einer offen bei ihrem Namen genannten „Sezession" sich anschließen. Nein! der gute Genius des Judenthums hat ihm wohl eine andere Lösung seiner tausendjährigen Wanderschaft Vorbehalten. Wir können nicht daran glauben, daß unsere Väter in der Inquisition geblutet, in Deutschland Schandabzeichen getragen haben, überall wie Verbrecher verachtet, verhöhnt und verfolgt wurden und daß sie alles Mißgeschick ertrage i haben nur dazu, um jetzt von ihrer so blutig erkauften und so heiß erkämpften Tradition zu lassen und sich und all' ihr bisheriges Heldenthum und Märtyrerthu n zu verleugnen. Es muß noch ein anderes Mittel g ben, den jetzigen kläglichen Zustand des Judenthums zu heben und dieses Mittel liegt im Judenthum selbst. Alles, was die Juden für ihr Stammesbewußtsein bis heute gethan haben, war nur Abwehr von feindlichen Angriffen, die im an's Leben gingen. Inmitten der Verhetzungen des Mittelalters und der ganz rohen Anfeindungen, die das Judenthum noch bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts auszustehen hatte, war es ihm unmöglich, irgend eine Idee zu fassen, die Fortschritt und Befreiung bedeutete. Im Conservatismus, un ängstlichen Hängen jedes einzelnen Individuums an dem Ueberkommeuen, lag das einzig: Heil unseres Volkes! Was Wunder, wenn in unserem politische n Leben eine Ideen-, und Principienlosigkeit sich herausgebildet haben, welche jeden Fortschritt, jedes Gelingen eine; nationalen Gedankens illusorisch machte». .Wohl stellten sich überall, wo nur zehn Juden beisammen wohnten, schon auch der Cultus und der ewige Traum der Verbannten von der Wiederkehr in ihr Land ein, — aber eben dieses ewig: durch Jahrhunderte von Enttäuschungen fast aussichtslos fragst ihn nach dem Beten leise: „Was beklemmt Dein He -, so sehr?" Und Du hörst nun eine merkwürdige Geschichte und hast Gelegenheit in ein blutendes Baterherz zu schaue:. Vor etwa 5 Jahren war der Mann und sein Weib sowie die älteste Tochter zu Rösch haschanah nach Lemberg, von dem ihr Heimatsdorf drei Meilen entfernt liegt, gefahren, um ihre Gebete mit hol Israel zu vereinigen und hatten die jüngere Tochter zur Ueberwachung des Hauses zurückgelassen. Bei der Heimkehr standen Thür und Tho: sperrangelweit offen und finster war's in den Stuben. Die erschreckten Eltern suchten in den umliegenden Wäldern, doch vergebens. Endlich verrieth eine Nachbarin im Dorfe, vom Jammer nicht mehr ungerührt, daß das Mädchen in der Abwesenheit von Vater und Mutter in einem Wagen ent-, führt worden sei und sicherlich demnächst die Taufe erhalten werde. Vier Jahre sind verstrichen. Die Suche von Kloster zu Kloster, selbst polizeiliche Intervention in Folgs erwirkten Urtheiles des obersten Gerichtshofes halfen nichr. Das Mädchen wurde nicht gefunden. Das ist eine galizische Dutzendgeschichte. Wer je Gelegenheit gehabt hat, die Verzweiflung solcher unglücklicher Eltern zu sehen, dem wird es klar, daß die Juden unter gewissen Äusnahmsgesetzen.stehen, die wohl nirgends geschrieben, noch gehrückt, noch ausgesprochen wei den, dafür aber um so intensiver und raffinirter zur Ausführung, gelangen. i Du wirst, lieber Leser, verwundert fragen: „Wer betreibt denn in Galizien diesen schändlichen Seelenschacher", wer stiehlt denn zigeunerartig Jüdenkinder? — und ich

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