Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 14 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Selbst-Em an cipo tion! Nr. 14. Ackerbauer auszuwählen. Rabbiner Mohiliwer schickte den ihn b-glei. lende» Herr» Brill, Redacleur des „Libanon", in eine der russischen Colonien nahe bei Rasinoje und dieser wählte daselbst elf kräftige und geübte Männer aus und brachte sie „ach Jaffa, wo sie viel dnrchmachte», bis es endlich Herrn Hirsch, dem Leiter der Colonie Mikweh Israel („Alliance Iaraelite“) gelang, ihnen ein Stück Feld von den Bewohner» des Dorfes Akar zu kaufen. Sie ließen sich dort nieder und. gaben der neuen Colonie den Namen des biblische» - Ekron, welches an derselben Stelle stand. — Der Boden ist sehr gut und umfaßt 2680 Dunam; die Colonie zählt 15 Familien (12 aus Rußland, 2 aus Rumänien, 1 aus Jerusalem) oder 147 Seelen. Größere Familien haben 150, kleinere 100 Dunam zur Bewirthschaftung erhalten; ein Rest von 500 Dunam blieben noch dem edlen Wodlthäter zur weiteren Verfügung. Derjelbe ließ ferner vierzehn geräumige, einstöckige Häuser mit dazu gehörigen Ställen (jede Familie erhielt die nöthigc Anzahl von Kühen) bauend Jetzt arbeitet man an der Errichtung einer Synagoge und' eines Hauses für den Leiter der Colonie uud öffentliche Angelegenheiten überhaupt. Nicht blos die Colonisteu selbst, sondern auch ihre Weiber und Kinder sind im Ackerbau sehr tüchtig uud es iiiachl dem Zuschauer Freude, 12jährige Knaben und Mädchen an den Feldarbeiten theilnehmcu zu sehe». — Das Euräguitz dieses Jahres ist im Ganzen als sehr gut zu bezeichnen. — Bis jetzt erhielten die Colonisteu Geldunterstützung von dem Baron in der Weise, daß jeder Fainilienvater 1 Francs pro Tag und außerdem 25 Centimes für jeden Kopf seiner Familie bekam. Aber es ist.Aussicht vorhanden, daß sie dieser Unterstützung nicht mehr »öthig haben werden. Vom Ertrage ihrer Felder werden sie hoffentlich bis zur nächsten Ernte lebe» können. Nichisdeftoweniger wird der bekannte Wohlthäter seine helfende Hand von ihnen nicht nehmen und sie statt mit Geld, mit Rindern und Schafen, sowie mit. Fuhrwerken beschenken. — Die Colonie har gutes Brunnenwasser, nach welchem die Colouiste» 28 Meter tief gruben, doch ist das Heraushole» desselben äußerst schwer; nächstens wird aber eine Maschine aus Paris gebracht werden, die das Wasser rasch in ein großes Bassin leiten wird, von wo cs dann zur Tränkung von Gärten und Feldern wird benützt werden. — Jeder Colonist pstauzt auch Weinstöcke. Calyptus-, Akazien-, Oliven-, Ethrog. und Cilronenbäume. — Leiter der Colonie ist seit jüngster Zeit der frühere Leiter von Risobon l’Zion, Herr Osfowetzky. — Die sanitären Verhältnisse der Colonie sind mittelmäßig. Ihr Ciima ist noch zweifelhaft, da sie in der Ebene liegt und stellenweise auch sumpfiges Terrain vorhanden ist, waS in der heißen JahreSzeit.nicht: unbedenklich ist.. Nichtsdestoweniger erging es bis jetzt den Colouiste» > gut. Seit der Gründung der Niederlassung starben zwei Personen, ein Greis von 76 Jahre» an Altersschwäche und ein Jüngling an'Typhus. Durch die weitere Aiipstauzuug von Calyptusvölzern wird hoffentlich auch die Sumpslust. 'gereinigt werden- und es wird dann gar keine Gefahr mehr den Colonisteu in gesundheitlicher Bezievung drohen. — Die Colonie Ekron ist die jüngste unter ihren Schwestern, ist aber am weitesten gediehen. Möge sich an ihr die Weissagung des Propheten Secharjah erfüllen, der Ekron eine Rolle im geistigen Leben Juda's gleich Jerusalem verhieß. . Rumäniens Antisemitismus unb - Iudenthum. Gleichwie in Rnmäiiieu Alles eine rigenthümliche Gestaltung hat, so manisestirt sich daselbst auch der Antisemitismus in eigenthümlicher Weise. Im civilisirten Auslande geht der Antisemitismus voll „Unten nach Oben", in Rumänien ist es gerade verkehrt, da geht es von „Oben nach Unten"; haben die andern Länder Momente der falschen Scham, so kommt ihnen die Ausrede gelegen, daß es nur der Pöbel fei, welcher Judenhetzen arrangile; anders im „orientalischen Belgien", wo der Antisemit den Vorzug hat, sich des Gesetzes als Schild zu bedienen! Die leitenden Classen, die Gebildeten, die welche die Cultur im Lande zu verbreiten, haben, sind es, welche Antisemitismus predigen, welche die draconischen Inden-Gesetze schmieden und ihnen eine solche Elasticität geben, daß sie in möglichst grausamer Artm Anwendung gebracht werden können. '— Wie günstige Gelegenheit zu Gelderpresiungen für einen habgierigen Beamten! Und „rausoliaiua" ist das glückliche Wort, welches ein jede» Gesetz ersetzt; wird ein Jude zu Tode geprügelt, die Sache wird musehama gemacht; zeigt ein boshafter Neider einen Beamten an, daß derselbe von einem Inden Geld erpreßt, ihn aber nachher trotzdem an die Grenze spedirt, dann wieder das Alles erlösende „muschama!“ Ja, wo es sich nur darum handelt, dem Juden einen Fußtritt zu versetzen, da spielt die heilige Vertuschung eine erste Rolle. Wollte man der Sache mehr auf den Grund schauen, so würde man finden, daß das eigentliche rumänische Volk dem Juden nicht gar so gehässig ist, als es die Presse und die leitenden Classen glauben machen wollen. Für Letztere aber ist die Existenz des Antisemitismus eine Lebensfrage und wird keine Gelegenheit verpaßt, um die leicht erregbaren Gcmüther dermaßen aufzureizen und in steter Aufregung zu erhalten. Das zeigt sich bei den Wahlen für die legislativen Körperschaften. Wodurch suchen die Candidaten der sich bekämpfendeil Parteien die Wähler zu ködern? Prätendenz-Jnteressen dynastischer Parteihäupter gibt es hier nicht zu verfechten; — der totale Mangel an Industrie verhindert den Sprecher sich auf diesem Felde zu bewegen; - - was bleibt dann noch übrig? Oh, die rumänischen Wahlredner kommen nicht in Verlegenheit! Der Handel, die Agricultur ist ja noch da, — und um diesen Themen recht packende Momente zu geben, um einen in seiner Wähler-Wichtigkeit aufgeregten ignoranten Haufen noch mehr aufzustacheln, um ihn dann um so leichter zu gewinnen, muß der Jude herhalten! Die jüdische Concurienz wird in den grellsten und abschreckendsten Farben dar gestellt, der Jude discreditire das Land im ganzen Auslände; wären die Inden nicht da. Rumänien würde von Milch und Honig überfließen; — der schmutzige Schwinoelge»st des Juden bringe das Land in's Unglück u. dgl. mehr. — Wohlweislich wird dabei verschwiegen, daß das Land nur dem Juden seinen ausgebreiteten Handel verdanke, — daß nur durch die Vermittlung des Juden der Export der Rohproducte uud besonders der agricolen Erzeugnisse auf die heutige Höhe gebracht worden. Und kommen unsere Candidaten für Kammer und Senat auf die Agricultur zu sprechen, so übersprudel» sie an Warnungen vor der Gleichberechtigung der Juden. welche sonst alle Dörfer und Felder sich aueignen und dem armen rumänischen Bauer nicht einmal sein Maisbrod mehr lassen würden. Kein Mittel wird unbenützt gelassen, um den Juden so viel als möglich niederzudrücken. Der Ausspruch eines maßgebende» rumänischen Diplomaten, daß er die Juden nicht mit Feuer und Schwert, sondern mit dem Gesetze in der Handviel nachdrücklicher verfolgen werde, findet in den Thatiachen traurige Bestätigung. Das Gesetz gegen den H a u s.i r h a u d e l brachte unzählige Familien, die sich bisher .bescheiden unc> ehrlich ernährten, an den Bettelstab! — Das- Legitimations-Gesetz trägt auch seine .üppigen Blüthen; es gibt nämlich iu Rumänien unzählige Juden, deren Familie» seit undenkliche» Zeiten daselbst wohnen, und welche aus Mittellosigkeit oder in der steten Hoffniliig, einmal die Landesrechte zu erhalten, den Schutz eines fremde» Staate« nicht aufsuchen; diese Juden, welche als Rumänen nicht anerkannt sind, werden nun auf Grund des oberwähnteu Gesetzes als Vagabunden, als Landstreicher behandelt und kommt es besonders in den Provinzen fast täglich vor, daß ein seit 20 oder 30 I a h re» e t a b l i r t e r K a u f in a n n plötzlich die Aufforderung bekömmt, sein Geschäft b i n n t n 24 S t >inde » zu liquidiren, da er sonst in Ketten an eine beliebige Grenze e xp e d i rt werde!!- Und was ihaten, was thun die Juden iu Rnmäiiieu gegen alle diese haarsträubenden Maßregeln? Nichts! Der Jndiffereutismus erreicht diesbezüglich den höchsten Grad! Darum erfrecht sich auch ein Wicht, einen Jude» durch Vitriol zu verunstalten und zu martern, umnur das Gaudium haben zu können, einen Juden in Qua-