Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 14 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 S e l b st - E m a n c i p ati o n! Seite 3 haben unseren weltgeschichtlichen Benif bereits erfüllt. Wir haben die Bestimmung gehabt, den Monotheismus durch die Jahrbnnderte des finsteren Heidenthums zu tragen und ihn dann durch Vermittlung des Chrlstenthuins zum Gemeingute der Welt zu erheben. Das haben wir gethan und damit das Höchste und Letzte geleistet." Und es entstanden falsche Profeten unter uns, die uns vorlogen und vorpredigten: unsere Aufgabe sei nunmehr, unsere weltgeschichtlich nothwendiqe Zersetzung zu beschleunigen — unsere Amalgamirung mit fremden Völkern das einzige Heil! Es braucht nicht bewiesen zu werden, daß derartige Maximen nicht in et,um Volksgeiste wurzeln können, sondern K r a n k h e i i s e r s ch e i n u n g e n einzelner dem Volke entfremdeter Jndividtten sind. Ein Volk kann nimmer im Aufgeben seiner Selbstständigkeit, im Ausgehen in eiu fremdes Element sein Heil sehen. Und dennoch faitd die verderbliche Strömung des „Sichassinulirens um jeden Preis" wie keine zweite im modernsten Judenthum Eingang. Im Freudrniaumel nach errungeiter.Constitutioit duldeten einige Völker des Westens die Juden als Bürger unter sich. Die schwer geprüften, verbanitten und Jahrtausende überall verfolgten Juden wußten nicht, wo sie mit ihrer Dankbarkeit, hin sollen! Und so gaben sie als Brandopfer sich, ihre Vergangenheit und ihre Atiiprüche für die Zukunft hin! Aber da ging auf einmal cm Schauspiel vor sich, wie die Weltgeschichte seinesgleichen sucht. Der jüdische Volksgeist erwies sich stärker, als seine Vertilger — und in den Werken und Thaten einer ganzett Reihe in fremden Diensten ergrauter jüdischer Männer spiegelte ec sich klar und rein wüdei. Wir srhen und erkennen ihn in d?r Poesie, in der Musik, in den Natur- und philosophischen Wissenschaften, er. regt .sich .in seiner Allgewalt in den weltbewegenden Ideen neuer Staaten- und Gesellschaftsbildung, kurzum er lebt, er ist unverkennbar und trägt die Palme des Sieges davon über seine eigenen vatermörderischcu Söhne. Und nun erheben zuerst die Völker im westlichen Mitteleuropa ihr Geheul! Ihre Priester, ihre Führer, ihre Gewaltigen und Kleinen habe» in der Rennbahn des öffentlichen Lebens dem längst todtgeglaubten „Juden" begegnet und nun wolle» sie mit Exorcismen das Gespenst zur Hölle treiben. : Das ist die Geschichte des Antisemitismus! Im vorigen Jahrhunderte verachtete man tinS: im Ghetto, in unserem Unvermögen, milzufühlen und mitzuleben mit den Völkern, deren adscripti wir waren; — in unserer Zeit wüthet man gegen uns, daß wir Alles occupilt. Alles an uns geriffen und bei all' dem Juden geblieben sind! Man kann uns in gewissen Kreisen nicht einmal mehr unseren Glauben zum Vorwurf machen. Wir haben in dem großen, modernen Baalstempel auch den abgrstreift! Nun so haben sich unsere Feinde an das letzte Me, kmol geklammert, das uns von den Europäern scheidet. Sie grübelten in unserem Gesichte uitd fanden krumme Nasen. heraus, sie entdeckten, daß wir nicht zu den Japhetiten gehören und sie schafften ein Wort und eine Fah»e und ein Lager und drängten uns heraus alS: „Semiten". Das ist die Geschichte des Antisemitismus! i Was wollen unsere Feinde noch mehr von uns? Haben wir ihnen nicht unsere Geschichte, unsere hebräische und talmudische Literatur preisgegebe», tragen. wir nicht ein rafirtes Kinn, und lange Salonröcke — und sprechen wir nicht alle Sprachen außer der unseligen, forschen wir nicht in deutschen und englischen, französischen und italienischen Alterthümern mehr als in den unserigen? Haben unsere Söhne nicht Ketten getragen für Ideen fremder Völkerschaften, die heute zum Siege gekommen sind? Kennen uns seit vierzig Jahren nicht alle Schlachtfelder Europas? Haben wir uns nicht für Recht und Gnt der Völker begeistert? Was wollen unsere Feinde von uns? Ja, wenn sie es wüßten. Neid, Mißgunst. Boshaftigkeit sind eben zu nähren leichter als zu erklären! Und das ist die Geschichte des Antisemitismus! Man sollte nun meinen, daß unsere Stain nesgeitossen nach der ihnen ertüeilten L hre sich ernüchtern und ein für allemal von allen Assimilationsgelüsten lassen werden. Aber weit gefehlt! Salo H e i m b e r g. (Schluß folgt.) G h r o n i k. (Sir Moses Montefiore's Tod) Im Ramsgate fand am 31. Juli Nachmittags um 2 Uhr die Beerdigung Sir Moses Montefiore's in dein in unmittelbarer Nähe der jüdischen Synagoge gelegenen Mausoleum, welches eine Nachahmung des Grabes der Rach l ist, unter starker Betheiligung statt. Trotz starken Regens hatte sich eine große Menschenmenge eingefundeii, um dem Begräbnisse beizuwohnen. Fast sämmtliche Läden des freundlichen Seebadeortes waren entweder gänzlich oder theilweise geschlossen, und viele Häuser, sowie das Stadthaus waren schwarz drapirt. Zu der für das Leichenbegängniß anberaumteu Stunde wurden in jämiiulichen Privathäuseru Die Rouleaux herabgezogen und alle Geschäfte ruhten. Die Droschkenkutscher bekundeten ihre Achtung vor dem Verstorbenen durch Befestigung schwarzer Rosetten an ihren Peitschen. Der Leichenzug verließ die Wohnung des Verstorbenen, East Cliff Lodge, um 2 Uhr. Der schmucklose Sarg wurde von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde getragen. Demselben voran schritt der portugiesische Rabbiner Piza aus London. Im Trauergefolge bemerkte man außer den nächsten Anverwandten des Verstorbenen Lord Rothschild, Lord Rosebery, Baron G. de Worms, Sir Albert Sassoon, Sheriff Phillips, Parlamentsmitglied Cohen, den delegirten Oberrabbiner Dr. Hermann Adler, eine sehr große Anzabr Rabbiner aus London und anderen Städten in ihren Amtstalaren, Vertreter der Corporationen von London und Ramsgate, sowie anderer öffentlicher Körperschaften, Deputationen fast sämmtlicher israelitischer Vereine und Körperschaften Englands, die anglikanische und katholische Geistlichkeit von Ramsgate und Zöglinge der israelitischen Schulen, deren Gönner uitd Wohlthäter Moutefiore gewesen. Der Sarg wurde in die Synagoge getragen, wo ein kurzer Trauergottesdienst nach portugtesischem Ritus abgehalten wurde, der mit der Absingung des 16. Psalms ohne Musikbegleitung schloß. Dann wurde die Leiche unter entsprechendem Ceremoniell in dem Mausoleum, wo die Gattin des Verblichenen ruht, beigesetzt, nachdem Staub aus Rachels Grab im heilige» Lande auf den Deckel des Sarges gestreut worden. Eine Grabrede wurde aufausdrücklichem Wttnsch des Verstorbenen nicht gehalten. — Aus dem Testamente Montefiore's ist rin kurzer Auszug bekannt. Dasselbe ist vom Jahre 1882 datirt und füllt 20 große Foliobogen. Das persönliche Vermögen Montefiore's wird auf nur fünf Millionen Gulden (also kaum die Hälfte der anfangs angegebenen Summe) geschätzt. Für verschiedene wohlthätige Zwecke sind 700.000 Gulden vermacht, für das heilige Land 350.000 Gulden. Außerdem wurden Verwandte, Freunde und Dienerschaft mit Legaten und Jahrespensionen bedacht. — Der „Verein der Juden" in New-Iork gedenkt dem großen Tobten ein Monument im dortigen Centralpark zu setzen und hat bereits 10.000 Dollars (21.000 Gulden) für diesen Zweck gesammelt. Diese Bethätigung jüdischen Gefühles kann nicht genitg gelobt werden, und doch — wäre es nicht ein schöneres