Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 14 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Selbst-Emancipation! Nr. 14 uns kämpfen, sondern nur ein winziges Häuflein derselben, das —■ sagen wir es jetzt heraus — nicht den Muth hat, mit der Assimilation zu brechen, das lieber mit diesem Erzfeinde des jüdischen Glaubens marschirt, weil es zu bequem ist, an einem großen Werke theilzunehmen. Marschirt nur zu, Ihr Földerer der Zwietracht; auch wir wollen unsere Wege weiter wandeln, wir wollen weiter in Berücksichtigung des großen Endzweckes Chassidim, Oithodoxe, Gemäßigte, Fortschrittler, rädicale Reformer in unserem Lager vereinen, wir wollen weiter darauf achten, daß nicht» durch religiöse Meinungsunterschiede zerklüftet, der ganze jüdische Stamm und mit ihm die Lehre Mosis dem Untergang preisgegeben werde. — Haltet Euch nur fest, Ihr, die Ihr erhaben seid über „äußere Wohlfahrt", an den Fleischtöpfen Eures Mizraims, wir aber rufen auS: Mi-Zion theze thora u-dwar Adonai mi-Jerusclialajiin! woher und wohin? Nicht so ward uns an der Wiege gesungen! Das schönste Land, ein Land, das von Milch und Honig überfloß, ward unS zu Theil. Die größten Wahrheiten, die Lehre der Sitte, die Erkenntniß des ewigen Geistes war uirscr Eigenthum. Nicht so ward uns an der Wiege gesungen! Ewig und mächtig und unsterblich sollten wir sein, ewig wir selbst und ewig unsere Lehre. Denn wir hatte«» den Blick vom Grobsinnlichen abgewendet und «»ach oben gerichtet, wir hatten die ewigen, unwandelbaren Gesetze der Menschheit erkannt und befolgt, in einer Zeit,- wo Barbaren um uns ein thierisches Dasein führten, ihre. Kinder opferten und in den scheußlichsten Lastern sich aufzehrten. Und daß wir von dieser Höhe zu den Parias unter den Völker» herabsinken, daß wir verachtetverbannt' und verkünunert an uns selber verzweifeln, daß wir u«»s fragenden Blickes auschauen werde», ob uns denn wirklich Gott mit einem Schandmale gezeichnet und als einen fortlebenden, fortwirkenden Fluch, in die Welt geschleudert hat — nicht so ward uns an der Wiege gesungen! Und heule, nachdem die erhabenen Lieder unserer Profeten bis iu die entlegrnsten Winkel der bewohnten Erde gedrungen, heute, wo es kein Volk gibt, das. auf europäische Civilifation Anspruch »nacht und dessen Literatur*) nicht an unseren Psalmen, an unserem JesaiaS ihre ersten Lehrjahre avfolvirt hätte, nachdem unsere zehn Gebote die Grundlage aller modernen Gesittung geworden, heute sollen wir vom Schauplatze abziehen und einen Grabhügel über uns aufschütten — damit man uns einen glänzende» Leichenstein aufrichte und die Tugenden der Verstorbenen preise? Soll denn von jener gewaltigen Kraft, die wir in alleWelt verstreut haben, und die hundert Völker um uns belebt, nur in uns seiber nichts mehr zurückgeblieben sein? Nein, «»immer und niinmec! Noch glänzt allenthalben jüdischer Geist!! Aber er verrichtet S c l a v e n d i e r. st e bei Fremden! U«»d worin liege» die Ursachen unseres Verfalles? Wenn ein Volk die Ereignisse der Zeit nicht bestimmen kann, so ist der Grund hiezu entweder »n einer rohen äußeren Gewalt zu suchen, «velche jede Erschemung in» Volk bekämpft, die auf freies, selbstständiges Wollen hindeutet, vder der Gruitd hiezu ist eine geistige Unfreiheit des Volkes selbst, ein gewisses Unvermögen, seine Kräfte zu erkennen und seine Schicksale allein zu beschließen. Daß das *) Als allbekanntes Beispiel: Mit der Bibelübersetzung Luther'S beginnt oie neuhochdeutsche Sprache. An dieser Bibelübersetzung lernen.dann alle bedeutenden Dichter deutsch schreiben. zweite viel ärger ist, leuchtet ein. Jene Thatenlosigkeit, zu der ein Volk durch rohe, äußere Gewalt verurtheilt wird, hört, wenn die innere Kraft des Volkes nicht gelähint ist, mit dem Wegfälle des zufälligen Hindernisses von selbst aus. Dagegen ist eine Verkommenheit des Geistes, des Volkes Todesurtheil, von ihm selbst geschrieben. Und von diesem Tode gibt es kein Auferstehen. Es ist freilich eine unsäglich traurige Thatsa che, daß der jüdische Stamn« politisch todt ist, daß seit Jahrhunderten ohne uns über Geschicke von Staaten und über uns selber e««tschieden wird! Dagegen können wir heute nichts thun, dagegen steht uns keine Abwehr frei! Das sind eben äußere Gewalten, gegen die wir heute nichts verinögen. Wir »nüffen schweigen und besserer Tage harren. Wenn unS aber Gefahr droht, unser Heiligstes: unseren selbstständigen, durch nichts gebeugten Bo lksgeist, diese Kraft des Widerstandes, einznbüßen, die uns , ein an Zahl winziges Volk, ^>urch Jahrtausende aufrecht hielt, wo Kolosse niederfielen, die mit ihrem Schutte eine halbe Welt erfüllten, wenn wir am Rande eines Abgrundes stehen und uns durch Gott »ve«ß welchen Spuck verleiten lassen, in die bodenlose Tiefe uns zu stürzen, dann dürfen wir nicht »»ehr iunehalten, dann ist es an der Zeit, daß man einen Mahnruf in die Lande erschallen lasse: „Haltet ein, S e l b st m ö rd er!" Der Zustand, »vie ihn unser Judenthum jetzt aufweist, ist ilicht ohne Analogie in seiner Geschichte. Es ist der Fluch und der Segen des Judenthums, für alles empfänglich zu fei», was nur irgend welche Seite des geistigen Lebens berührt. Unter den Seleuciden in Palästina.haben sie sich hcllenisirt und Antiochus Epiphanes that nicht so unpolitisch; den Wurf zu »vagen und den letzten Rest jüdischen Volkslebens,- die alte religiöse Hülle, mit Gewalt abstreifen zu wollen. Es war nicht unpolitisch, wiederhole ich, denn keinem Menschen ist es gegeben, in's Innerste eines einzelnen Individuums, geschweige denn einer ganzen Volksseele zu blicken. Antiochus sah nicht die Glut unter der Asche, welche die Makkabäer zu einem so gewaltigen Rll»gkainpfe in» den, Heldenthniu benutzten, wie ihn sonst nur Sägen und Mähren melden. Man hat damals das Juden-- thllm verkannt und mau verkennt es heute. Denn es ist nicht wahr, daß wir zu Dienern herabgesunken sind, daß w i r n i ch t in e h r schaffen, nur n a ch a b m e n, daß wir nicht mehr leiten, nur gehorchen können! Denn es ist nicht wahr, daß w«r nur dazu gut sind, die Triuinphwageu der Völker, bei denen wir wohne», zu schleppen, um bei Gelegenheit, wie bei Jaggernaut's indischein Feste von den Rädern -getreten zu werden! Wohl hat rnanches Jahrhundert schwere Spnren erduldeter Qualen und Pein in uns gelassen, «vohl hat mancher «vuchtige Schlag unsere Haltung gekrümmt, daß wir den Kopf gebückt zur Eide senken, aber noch lebt in uns ein Funke Stolz, den uns nieinand unterdrückt, noch ilähren wir ein Gefühl von Hoffnung, das uns nieinand nimmt.; Wir schauen die verwitterten Ruinen vorchristlicher , Tempel an und sie grüßen uns wie alte Bekannte, «vir erheben den Blick zu den Pyramiden und sie erzählen uns von einer Zeit, die uns gekannt hat. Ja, ja, d i e Obelisken in Rom u i« d P a r i s lasse n u n s n i ch t sterben, d e n n e s ü b e r k o >nm t u n s e » n e G e r i n g s ch ä tz u n g unserer Feinde, wenn wir unserer Vergangenheit gedenken. Und dennoch schreit man uns allenthalben zu: „Ihr seid todt! So thut, was Eure Sache ist: Düngt das Feld Eurer Feinde!" „Für uns", heißt es, „können wir nichts inehr thun, so müssen wir wenigstens anderen zu Nutze sein! Wir