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Selbst-Emancipation · 1885-08-03 · Heft 13 (3.8.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 13 (3.8.1885)
Date
1885-08-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Selbst - E m an cip a ti o n! SKr. 13 FM- Die Redaetion und Administration! der „Selbst-Emaneipation" befindet sich vom 12. August d. «F. ab Wien. H, Werestengaffe Ar. 7. G h r o n i k. (Ueber die letzten Stunde» Moses Moutefiore's) wird der „Chronik" aus London unterm 29. Juli telegraphirt: Moutefiore's Ende war ein vollkommen ruhiges und er behielt sein Bewußtsein bis zum letzten Augenblick. Während der letzten Stunden wiederholte er häufig in hebräischer und englischer Sprache die Worte: „Ich danke Gott!" Nach zehntägiger Krankheit trat Lungenlähmung ein und drei Tage später, am 28. Juli um 2 Uhr Nachmittags die Agonie. Montefiore betete die letzten zwei Stunden inbrüstig mit seiner Umgebung bis der Tod eintrat. Schon seit Morgens waren seine Verwandten und die Aerzte fortwährend bei ihm; im letzten Augenblicke versammelten sich alle Hausgenossen, auch die Dienerschaft im Sterbegemach. Um halb 5 Uhr trat der Tod ein. Die Beerdigung findet am 31. d. M. um 2 Uhr im Familien- Mausoleum nahe der Synagoge in Ramsgate statt. — Testaments-Executoren sind sein Neffe Sebag, Lord Rothschild, Arthur Cohen und Dr. Löwe. Man schätzt den Nachlaß auf eine Million Pfund Sterling. (Der atademische Verein „Kadimah“) in Wien hat den Hinterbliebenen des Sir Moses Montefiore sein Beileid auSgedrückt. — In dem studentischen Charakter dieses Vereines liegt der Grund dafür, daß nicht an die Abhaltung einer Trauerfeirr im großen Maßstabe gedacht werden kann, weil die große Mehrheit der Mitglieder wegen der Ferien Der Thurm der Eintracht. „Lasset uns einen Thnrm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reichen soll", so sprachen einst, wie die Bibel berichtet, in ihrem Uebermuthe die Menschen, wurden aber dafür bestraft, denn kaum war der Bau zur Hälfte gediehen, als Gott ihre Sprache verwirrte, so daß sie einander nicht verstehen konnten. Schön und sinnig ist diese Allegorie und gibt besonders dem jüdischen Volke gegenwärtig sehr viel Stoff zum Nachdenken. Die Menschen glaubten die geistige Kraft zu besitzen, sich in die himmlischen Höhen zur Gottheit emporschwingen zu können und wollten ein Weltbürgerthum gründen; doch bald zerstoß der eitle Wahn, mitten in ihrem idealen Schwünge wurden ihnen die Flügel gestutzt und die kosmopolitische Idee erwies sich als undurchführbar, sie scheiterte an dem Realismus, der, wie es anders nicht denkbar ist, den Erdgeborenen anhaftet, an denjenigen Elementen, welche die menschliche Natur an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Verhältnisien so mannigfach gestalten, an der' Verschiedenheit der Sprache und Cultur, der Bedürfniffe und Sitten der einzelnen Völker. Ein Weltbürgerthum herzustellen ist also aus diesem Grunde unmöglich, weil dieser Idee die Nationen selbst gegenüberstehen mit ihren divergircrrden Interessen und Tendenzen; eine Nation ist der anderen wenn nicht feindselig gesinnt, so doch gänzlich fremd, die Gefühle, Gedanken und Empfindungen der einen sind für die übrigen ein unbekanntes Gebiet, denn alle Regungen des Geistes entspringen ja der eigenthümlichen Entwicklung, den individuellen Anschauungen eines Volkes, dessen einziges Streben es ist und stets sein soll, sich selbst immer mächtiger zu entfalten, seine Sprache und Literatur zu vervollkommnen, seine Traditionen zu bewahren und weiter zu nicht in Wien weilt und vor October nicht zurückkommt. Wahrscheinlicherweise wird im Herbste nachträglich ein großer Trauerabend.veranstaltet. (Procesz Rohling contra Bloch.) Dr. Pattai und Dr. Kopp, die Vertreter des Klägers und Geklagten hatten um Anberaumung der Schlußverhandlung für Ende December angesucht. Dieses Gesuch wurde abschlägig beschiel)«» und wird die Streitsache längstens im Monate November zum Austrage kommen. (Aus Petersburg) werden folgende Beschlüsse der unter Vorsitz des Grafen Pahlen tagenden Inden-Commission' mitgetheilt; sie lauten: „Es sei den Juden die Ansiedlung in ganz Rußland zu gestatten, wobei aber die Juden folgenden Beschränkungen unterworfen werden müssen: 1. Es ist den Juden nicht gestattet, welche Geschäfte immer mit dem Staate zu machen. 2. Die Erzeugung und der Handel mit geistigen Getränken wird den Juden verboten. 3. Die Juden dürfen unter keiner Bedingung weder Geldhandel betreiben, noch an demselben theilnehmen. Diese drei Beschränkungen müffeil auch auf die getauften Juden Anwendung finden, nur ihre Kinder könnten mit der Zeit die Gleichberechtigung mit den übrigen christlichen Einwohnern Rußlands erlangen. — Der auffallendste Passus ist der, wo die getauften Inden den mosaischen gleichgestellt werden und er spricht eine deutliche Sprache; wir sind auch sehr zufrieden mit ihm, weil er ein Schlag für die Assimilation ist, indem dadurch Massentaufen hintangehalteu werde». Die anderen Punkte sind eben Judengesetze und man darf nicht mit Empfindlichkeit an sie herantreten. Ein großes Unglück wird es übrigens nicht sein, wenn Wucher und Spiritnosen-Handel dem ehrlichen Handwerke weichen werden, wiewohl auch andererseits der unvermittelte Uebergang unsägliches Elend schaffen wird. (Die Juden und die Wahlen in Frankreich.) Sn Frankreich werden bereits alle Vorbereitungen für die demnächst stattfindenden Kammerwahlen getroffen. ° EZ gilt überliefern, eine Verbrüderung aller seiner Glieder zu bewiiken, mit einem Worte — in seiner eigenen Mitte einen Thurm der Eintracht zu erbauen. Sollte das, was alle übrigen Nationen im Stande sind, den Juden unmöglich sein? Sollte das, was die anderen mit Stolz und Freude erfüllt, nämlich die nationale Einignngsidee bei uns nur einem höhnischen Achselzucken, einem mitleidigen Lächeln begegnen? Sollen wir, welche, wie die Geschichte beweist, trotz der Spaltung in zwei Reiche, trotz der Zertrümmerung dieser Reiche eine stramme.centralistische Einheit darstellte», sollen wir jetzt uns gegenseitig anfeinden, ja sogar über einander herfallen? Dies müßte schließlich die traurige Consequenz der assimilatoiischen Bestrebungen sein, die seit einer langen Reihe von Jahren zu Tage gefördert werden, die den Inden seines jüdischen Charakters vollständig be- . rauben und jedes Nationalgesüht in ihm im Keime ersticken. Bei dem jetzigen Stande der Dinge, bei dem fortwährenden Kampfe der Nationalitäten, bei deren verzweifeltem Ringen nach Selbstständigkeit müßte folgerichtig, um nur ein Beispiel hervorznheben, der czechische Jude den deutschen hasse», gegen ihn kämpfen und umgekehrt. Wir wollen und können diese düsteren Erscheinungen nicht fassen, wir können nicht glauben, daß Israel so tief gesunken sei. Nein, in ihm lebt noch das «stammesbewußtsein, das Nur zeitweilig entschlummert, ist; wir wollen cs wecken, daß es sich neu belebe, wir wollen den Funken wieder zur Flamme entfachen. Lasset uns einen Thurm bauen'- ja, aber nicht den großen Weltthurm, der nur ein Hirngespinnst ist, sondern unseren eigenen Nationalthurm; er wird zwar nicht bis in die Wolken ragen, nichtsdestoweniger aber wird er seinen stolzen Bau emporheben, fest und "dauerhaft und ewig, als ein Symbol der Einigkeit, der Unvergänglichkeit des jüdischen Stammes. Hermann Keller.

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