Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 12 (19.7.1885)
- Date
- 1885-07-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10. Selbst-Eiiiancipotion! Nr. 12. Sohn und Tochter 5kizze aus de», russisch-jüdische» Leben —evezSrnoLensK Aus dem Hebräische» übersetzt von N e h e,u i a Berner. (Schluß.) Der neue Gast eroberte rasch die Herzen Malkahs und Schaloms; er sprach stets seine hochtrabenden Ueberzeugunge» aus über Völker und Länder und kam zu dem Schluffe, daß den Ländern viele Umwiilzungen bevorstehen, ivobei die Unterdrückten erhöht n»d die Mächtigen erniedrigt werden würden. So gelang es ihm allmälig, das Mädchen und ihren Bruder mit Widerwillen gegen die übrigen Gäste deS Hauses zu erfüllen, die, als geistlose und nngeblldete Leute ihnen verächtlich erschienen. Wiewohl es Salomo Gutherz zuweilen ,licht recht war, wenn er sah, daß seine Tochter, sobald Gäste kamen, sich stolz znrückzog, n ährend sie früher mit ihnen verkehrt und gesprochen hatte, konnte er den» doch, im Grunde genommen, es ihr nicht als Unrecht anrechnen, daß sie den Umgang mit fremden Männern scheute, umsomehr, als viele von ihnen keine Art kannten und Dinge sprachen, die ein jungfräuliches Ohr nicht hören soll. — Schalom aber, der gute Junge, der s,it jeher nicht hartnäckig war, befolgte die Weisungen seiner Schwester. Verlangte» jedoch einmal seine Eltern seine Amvesenheit, dann gehorchte er auch ihnen und erschien. Wenn nun Salomo alles das im Großen imb Ganzen wenig beachtete, dachte im Gegensätze zu ihm Peninah, sein Weib, ganz anders darüber. Sie liebte es, sich Jedermann zum Freunde zu machen und glaubte stets, es sei besser, oas ganze Leben hindurch demüthig als nur einen Augenblick lang hochmüthig zu sein und auf diese Weise zu verletzen; deshalb verwies sie ihrer Tochter unumwunden ihr Benehmen, das ihr nicht gefalle. Malkah schwieg anfangs auf diese Vorwürfe, bald aber begann sie zu erwidern: Daß sie selbstständigen Geist und Gefühl genug besitze, um nicht ewig nach den Befehlen der Lehrer sich richten zu müssen. Nach einiger Zeit war der Streit zwischen Mutter und Tochter erbittert geworden. Dem Vater blieben diese Vorgänge anfangs ein Geheimniß, denn Peninah gab sich alle Mühe, daß nichts davon zu seinen Ohren komme, um ihm eine tiefe Kränkung zu ersparen: Aber unerwartet erfuhr er davon und cs traf ihu die Kunde, wie der Pfeil den Ahnungslosen: Eines Morgens, als er vom Bethause heimkam, hörte er Streit zwischen seiner Frau und seiner Tochter; er wollte seinen Ohren nicht trauerr, als er aber weiter horchte, erstarrte er vor Entsetzen. Seine Kniee wankten und seine Hände zitterten, als er die Zimmerthiire öffnete. Er sah sein Weib in Thräuen gebadet und seine Tochter mit geröthetem Gesichte und unheimlich funkelnden Augen. Bei seinem Anblicke weinten sie beide, die Frau aber suchte augenscheinlich nach einer Ausrede, um zu verhüten, daß der Mann den eigentlichen Grund des Streites erfahre, jedoch daß Mädchen rief erregt: „Gut! Meinem Vater will ich meine Gedanken nicht verhehlen, und warum sollte ich sie ihm auch verschweigen? Ich weiß ja, daß er nicht zu jenen beschränkten Mens re» gehört, die da glauben, trotz ihrer geringen Einsicht gescheidteren und besseren Rath ertheilen zu können. /»Was ging hier vor?" rief Salomo erschrocken, Indem er sich seiner Frau zuwandte. „Wer hat in unserem Haüse Streih gesäet? Ich Halle mich so sehr gefreut, Euch einegute Botschaft überbringe» zu können und jetzt hobt Ihr mir die Freude verdorben." „Fürchte nicht, es ist michis", beeilte sich Peninah zu erwidern, „last' uns nur hören und »vir werden uns Alle „Wenn Du so sprichst, beruhige ich mich. Höre, es ist mir gelungen, Naftali Störer eine sichere Anstellung im Staatscassenamte zu verschaffen." „Bravo! Das »var schön von Dir", rief Malkah, »vährend Peninah schrvieg. „Warum sagst Du nichts?" frug Salomo seine Frau, „freust Du Dich denn nicht darüber?" „Auch ich »vürde mich darüber freuen", antwortete Peninah, „»venu ich nicht fürchten würde, Du könntest es einst bereuen." „Ja, so ist es", rief Malkah zornig, „daß sagt sie beständig, über Alles spricht sie verkehrt und woran die ganze Welt Gefallen findet, mißfällt ihr!" „Von »venl redest Du? Wer ist „sie", die über alles verkehrt spricht?" fragte Salorno zornbebend. „Du bist mein Vater, Du bist ein Mann uird hast ein gesundes Urtheil, aber nicht so die Mutter; sie kennt, iricht den Geist der neuen Zeit und will sich doch in Alles mengen. Wäre sie wie Du, dann tväre auch kein Streit zwischen uns entstanden." „Wehe! Wer hat Dich solche Worte gelehrt?" rief Salon,o in höchstem Zorn. „Bist Du »vahnsinnig worden oder hast Du alle Zucht vergessen? Wehe- »vas »Nüssen »neine Ohren hören!" Diese Worte machten Malkah nur für einen Moment bestürzt, denn bald begann sie rvieder: „Nun sehe ich, daß »nir kein anderer Weg off.'»» steht, als Dir mit einem Schlage die gar»ze Sachlage zu enthüllen. Wisse also, daß es mein unabänderlicher Entschluß ist, nächsten Monat von hier fortzugehen und Hebamme zu »verden." *) „Ällinächtiger Gott!" schrie Salomo, „das zermalmt mich, meine Tochter spricht solche Dinge?! Meine Tochter, die ich pflegte und großzog, der ich keinen Wunsch versagte. Auf welchem Wege kam der Geist dieser Siimlosen, dieser ruchlosen Nihilisten, die Gott leugnen und kein Gesetz, weder im Himmel noch auf Erden anerkeimen, zu Dir?" „Diese „Sinnlosen" oder „Ruchlosen" sind bet weitem besser als Jene, welche gla»»brn, daß sie nicht sinnlos und ruchlos sind", antlvortete Malkah trotzig.- „Was soll ich Ihnen noch sagen?" Dieser Vorgang öffnete Salomo die Augen und er sah ein, daß seine Lage minder glücklich »var, als er stets gedacht hatte, und als er im Zimmer seiner Tochter nachsuchte, faub er dort verbotene Bücher und viele Briefe von Männern und Weibern, deren Rainen er nicht einmal kannte, darunter auch einige von Naftali Störer. Jetzt sah er ein, daß dieser es gewesen war, der das Unheil in sein Haus getragen, und er erkannte, daß seine Frau es besser verstanden hatte, den Man» nach seinem Wcrthe zu beunheilen. Das Erste, »vas er nun that, war, daß er alle die Bücher und Briefe verbrannte und seine Tochter überwachte, daß sie nichts dergleichen »vieder erhalte. Aber alle diese Maßregeln waren nutzlos, denn Malkah fuhr fort, mit ihrer Mutter zu streiten, sie mit Widerwillen zu betrachten und sie bitter zu kränken; auch Schalom, den sonst so gehorsanien Sohn, reizte sie gegen die Mutter : Er, in seiner übergroßen Liebe zu seiner Schwester, gab ihr Recht Und »rahm sich ihre Worte zn,n Muster, auch er versuchte, die Weltordnung .umzustürzen. Rach Monatsfrist aber, floh Malkah ans dem Elternhause .und alle Anstrengungen» hie Salomo machte. *) Zur Bcleuchlung dieser Worte Malkah's namentlich deS zuletzt geäußerten Entschlusses diene dem westeuropäischen Leser) welchem eine derartige Berufswahl eines Mädchens mehr glS soicherbar . Vorkommen, muß,, der H'yweiS guf das stark .ausgehMte Wtblich'e Studententhum Rußlands einerseits, sowie die Spionenrolle anderer-. seit?, welche die Nihilistinnen als Hebammen in den Häusern russischer Großen spielen. . Anm. d. Uebers.