Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 12 (19.7.1885)
- Date
- 1885-07-19
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Selbst-Em ancipation! Seite 11 um sie wieder zu finden, blieben erfolglos. Als ihm aber bekannt wurde, wo sie sei, war diese Kunde der Todespfeil für ihn und sein Weib. Die Zeitungen brachten nämlich eine Notiz, daß Naftnli Störer, der eine große Geldsumme der Staatscasse defrandirt hatte und vurchgegangen war, zusanuneu mit seiner Geliebten Malkah Gutherz in der Stadt K. aufgegriffen worden, und bei dem Pärchen auch - massenhaft aufrührerische Schriften gefunden worden seien. Das Unheil lautete ans fünfjährige Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken. Peninah verfiel sofort in ein furchtbares hitziges Fieber und deswegen erfuhr sie auch nichts mehr von dem neuerlichen Unglücksschlage, der sie an diesem Tage noch treffen sollte: Als Schalom am Abende sein Zimmer auf« suchte, um sich angeblich zur Ruhe zu legen, jagte er sich eine Kugel iir's Herz. Der Bater aber, als er in das Zimmer seines Sohnes eingedrungen war, blieb wie gelähmt stehen und seit damals spricht er mit niemandem, sondern sitzt, manchmal einen ganzen Tag lang, da und starrt in's Leere; nur hie und da dringen Worte aus seinem Munde, wie Sie ja solche gehört haben. Erweiß von nichts und erkennt keinen Menschen; auch als Peninah starb und man ihn, dem ärztlichen Nathe gemäß, zu ihrem Leichenbegängnisse führte, blieb er theilnahmslos und sein stierer Blick belebte sich nicht. Die ganze Nacht aber pflegt er an der Thüre zu stehen und vor sich hinzuschauen, bis er zusammenbricht. Jetzt kamen wir zu den hiesigen Aerzten, — vielleicht kann inan doch noch hoffen." „Bitteren Taumeltrank hast Du durch Deine Erzählung in meinen Lebensbecher gemischt", rief ich aus; „wehe diesem verkehrten Zeitalter, in dem man sich in seinem eigenen Familienkreise den Feind aufzieht. Suchen Sie nicht weiter bei den Aerzten nach Hilfe für ihn; ihm ist wohler, daß sein Geist umnachtet ist. Ja, Jeder, der solches nur sieht und hört und ein Menschenherz im Leibe hat, muß sagen: Besser das Unser Aller Geist sich umwölkt, als daß er auf derartige Abwege gerathe. Gin GrnLrneipiriev. Skizze von Mardochai. (Schluß.) Anselm leistete ihr Hilfe, er gab ihr selbst die vom behandelnden Arzte verschriebenen Medicamente ein und redete ihr zu, ruhig zu sein. „So weit mußte es kommen?" sprach er nach einer Weile vorwurfsvoll „Du warst so krank und berichtetest mir nicht mit einer Silbe." „Und ich hätte noch lange gewartet, ehe ich Dich zu mir beschieden hätte. Ich wollte erst recht krank werden, so krank, daß Du mir nicht mehr belfen kannst und dann hätte ich Dich zu mir gerufen, das wäre meine Rache .gewesen!" „Armes Kind!" murmelte Anselm. „Was sprichst Du —" bemerkte Mirjam, „oder sollte doch am Ende in diesem meinem Husten mehr Gefahr liegen als ich vermuthe. Sollte mich mein Herz tauschen?" „Nein!" erwiderte Anselm dumpf, „wir müssen blos nach dem Süden. Das Klima hier kann Dir ja nicht besagest-" „Ich gehe überall, wohin Du willst, wenn ich nur Dich und meine Angehörigen bei mir habe." „Ich werde bei Dir sein, mein Kind! Aber jetzt lass' wich schnell Sorge tragen, damit wir am ehesten von hier Abkommen." ' „Nun, so geh' und komme!" Anselm entfernte sich. Weinend begleitete ihn Mir« jam's Mlltter hinaus und frug, ob noch etwas zu hoffen ist. Anselm hatte nicht den Muth, ein Todesurth-il der armeu Mutter auszusprecheu. „Es ist unmöglich," antwortete er ausweichend, „bei einem Brustübel das Ende zu sehen. Die Constitution, die Gemüthsstimmung bedeuten Alles! Aber wir dürfen nicht das Schlechteste denken. Sie wird ja vielleicht gesund, ja sie wird genesen!" Und er nahm selbst, nur mit Mühe seine Thränen zurückhaltend, Abschied von der weinenden Mutter. Sie gingen nach dem Süden. Anselm miethete bei Florenz eine roseuumkränzte Billa mit einem Prächtigen Park von Nadelhölzern und einem silberhellen Bach-. Fast wollte es ihm selbst in der ersten Z-it scheinen, daß in Mirjam's Gesundheit eine erfreuliche Wendung eingetretcn sei. Die Gemüthsruhe und ihre stillen Zuknnftspläne erfüllten sie mit neuer Kraft. Aber dies langte nur für einige wenige Tage, dann kamen Rückfälle, die sie noch stärker hei nahmen. Eines Tages, als sie an dem Arme Anselm's und ihrer Mutter in den Garten wankte, kam sie auf Anselm's „Freundin", Helene, zu sprechen. Sie hatte bis jetzt aus Zartgefühl dieses Thema nie berührt, aber es drängte sie endlich, Aufklärung zu erhalten, da Anselm die Z-it nicht für geeignet fand, ihr seine traurigen Erfahrung>n mitzutheilen. Auf die directe Aufforderung Mirjam's mußte nun Anselm Alles erzählen. Er gab zu, wie sehr er sich in Helenen getäuscht, wie ihm ihm ihre Bildung gefiel und wie er sich nun überzeugt hat, daß dieses ganze glänzende Gebäude von Phrasen ein gemüthloses, kaltes Geschöpf verberge. . . . „Ja," sprach Mirjam nachdenklich, „es gibt Leute, die aus Bedürfniß lernen, weil sie ein Stück Unsterblichkeit damit zu gewinne» glauben, und Leute, die nur den tonangebenden Factoren uachbeten. Diese Studien aus Mode, die nicht aus Wissensdurst und nicht aus dem Bestreben, Jemanden nützlich zu werde», sondern aus purer Eitelkeit betrieben werden, haften dann ihrem Besitzer an, wie ein geborgtes Kleid. . . . Um diesen Preis wollte ich nie gelehrt sein. Ich habe, was ich gelernt habe, aus wahrem Bedürfnisse und aus Liebe zu Dir gelernt! Und ich bedauere es nicht, sollte ich auch..." Und sie hielt inne, ohne zu endigen. „Trägst Du Dich schon wieder einmal mit so traurigen Gedanken umher?" „Du weißt es ja selbst Anselm, daß es mit mir abwärts geht. Und wenn es so sein muß, ergebe ich mich in mein Schicksal, wenn es mir auch schwer füllt, jetzt davonzugehen, wo ich Dich wiedergefunden und ein glückliches Leben beginnen könnte. Aber Du wirst Dich faffen... . und Du wirst meine Mutte/ trösten . . . nicht wahr?" Anselm konnte vor Rührung nicht antworten. . . . Auch kam tut selben Augenblicke die Mutter wieder, die sich auf einen Moment entfernt hatte. So lenkten sie das Gespräch auf gleichgiltige Dinge. Jndeß war auch die Mutter auf's Schlimmste gefaßt, wenn sie auch vor ihren Töchtern ihre Thränen verbarg. Mirjam brachte die Nachmittage im Freie» zu. Sie lauschte gerne dem Murmeln des'Baches und betrachtete ohne Ende daS Treiben der Wellest. Sie saß in einem Rollsesftl und schlief manchmal Än. ermüdet vom eintönigen Geräusch'des'Wäffers und der im leisen Winde bewegte» Blätter 'der 'Orangenbäume. So war sie auch nach dem Gespräche mit Anselm eingeschlummert. Plötzlich fuhr sie aus dem Schlafe und