Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 12 (19.7.1885)
- Date
- 1885-07-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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: Nr. 12. ©fl b st- Emanc i pation! Seite ö hat, über welchem das Auge Gottes stets wacht, — halte ich es für uöthig, Einiges zu allen Gesiiinungsgeiiossen, zu den Einsichtsvollen unseres Volkes zu sprechen, damit sie wissen, was der Colonisationsgedanke von ihnen fordert. Hochgeehrte Herren I Drei Jahre sind verflossen, seitdem die Colonijationsbeweguug entstaiideu ist und ang>.fangen hat, aus dein Ideale i» bas Bereich der icaleii Wirklichkeit übcrzugehen. Die verschiedenen Wechselfälle des Schicksals, das über unser Volk im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts hereingebrochen ist, — des Jahrhunderts, auf das die Augen ganz Israels gerichtet waren, in der Hoffnung, das endlich verstummen weroe die Slimine des Drängers und die Sichel des Verderbens nicht mehr über sie werde grschwungen werde», dieses Jahrhunderts, welches durch den Zauber seiner Erfindungen und Wissenschaften die Seelen gefangen »imint, haben bewiesen, daß wir in einer l r ü g e r ischeu Hoffnung lebten, daß unsere Brüder sich wesentlich irrten. Vergebens hoffen sie auf die Gnade der Völker und den Glanz der Wissenschaften, von denen sie erwarteten, daß sie der Menge voranleuchten werde», ohne Unterschied deS Glaubens und der Nationalität. Uiusonst warfen sie - sich tn die Arme der Völker. Der Haß erstarb nicht, die Mißgunst hörte nichr auf, sie leben nur in geänderter Gestalt fort. Noch seufzen wir unter dem Joche der Feinde und Verfolger, die böse Pläne gegen uns ersinnen. Die Völker schämen sich nicht in ihrem Uebermuthe, uns wie in den finsteren Zeiten des Mittelalters zu verfolgen. Die gegenwärtige Lage bat im» unseren Stammesbrüdern die Augen geöffnet, so daß sie eiuseken, daß ihre Existenz und ihr Heil nur in ihnen selbst liege. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, unter den Völkern nmherzuwandern und von ihnen Gnade zu erflehen. Auf diesem Wege werden wir nicht Ruhe, nicht Rist, auf dies: Weise keine Heilung finden. Israels, von Mühsal und Alter schweren, Augen haben eingesehen, daß cs die Arbeit suchen müsse im Schoße seines Ahnenlandes. Dort wird-es seinen Unterhalt finden, dort wird es zufrieden lebe» unter de'», Schutze gerechc.-r Gesetze, dort wird es seine Talente entfalten, woran es von den Völkern gehindert wird^ Dort wird von ihnen die Schmach genommen werden, mit der : sie ihre Feinde überhäufen, indem sie sagen, daß wir ein Volk sind, welches dazu bestimmt ist, auf Kosten Anderer zu leben. Wenn unsere Brüder ihre krästigeu Arme entblößen und liebevoll zur Arbeit greifen, wenn sie im Schweiße ihres Angesichtes das Brod der Erd: obgewlnnen werden, dann wird man unter den Völkern verkünden, daß Israel durch seine Kraft, durch seine großen Vorzüge, durch seine guten Herzenselgenschaften, durch seinen crhabenen Geist gerettet wurde. — Die Erkeuntniß der in diesem W.chsel liegenden Heilung hat die Herzen vieler jüdischer Familien gar mächtig bewegt. Sie verließen schuell ihre Heimat, ihr Geburtsland und zogen in'S Land Kanaan. Hochgeehrte Herren! Ihr sehet ja ein, daß der Later dieses Gedankens nur das Gefühl war und das Gesühl ist es auch, welches rhu auf seinem Wege geleitet. Es gab keinen Einzigen unter diesen nnsercu Brüdern, die sich ohne Rücksicht aus Lebensgefahr für ihr Volk rüsteten, der den Weg gekannt hätte, den er vorhatte, die Werke, die er vollbringen sollte. Wie Blinde an den Mauern tasten, so wußten sie nicht, wohin sie sich wenden sollten. Sie verstanden die Sprache des Landes nicht und zu Allem dem war Keiner unter ihnen, der mit der Feldarbeit gründlich vertraut gewesen wäre. In der Mehrzahl waren es-Männer, die einen Pflug nie angerührl hatten: vielgeleiste Kanfleute oder gewandte Mäkler; Studenten, die Tag und Nacht ihren Studien oblegen hatten. Sie alle änderten mit einem Schlage ihre Lebensweise, sie hörten auf die Stimme ihrer Gefühle, und kamen her zur Armnth, ungeeignet zur Arbeit. Kein Wunder also, wenn sie viele Leiden erdulden mußten. Auch der Colonisationsgedanke als solcher erlitt dadurch eine große Schädigung; denn wenn der Eine strauchelt'und sein Geld durch Unerfahrenheit einbüßt und der Zweite Hunger leidet, dann erklären sie die Colonisation des heiligen Landes als unnütz und die Feinde der Colonisation schreiben diese Worte aus ihre Fahne und werfen sie in die Menge. . . " Nun, da meine Füße auf dem Boden des heiligen Landes wandeln, fühle ich mich verpflichtet, meinen Brüdern »iitzutheilen, was ich sah. damit sie einen klaren Einblick in die Sache haben und nicht Wahrheit und Heiliges mit Füßen getreten werde! Im Laufe der drei Jahre, die »eit dem Auftreten des Colonisationsgedankens verfloffen, sind 7 Colonie» entstanden: Rhuhoa l’Zion, das vor drei 'Jahren eine Wüstenei war, in der Schakale hausten, und jetzt blüht, von allen Seiten mit Weinbergen umsäumt, von Oelpflanzungen umgürtet. Seine Häuser sind auf Anhöhen gebaut und eine Quelle frischen Waffers tränkt die Weinberge und Gärten mittelst eines Dampfpumpwerkes.; — Ekron mit seinen getreidevollen Feldern mit seinen segengefüllten Thälerit und seinen hochgebauten Häusern. — Pethach Thikwah mit seinen saftig-grünen Fluren und seinen, im Sonnenlichte strahlenden Lergkämmen.— ßiohron Jacob (früher Samarin) mit seinen gesegneten Thälern und seiner herrlichen Änssicht, seinen Wohnhäusern, seiner Schule und seinem Bade. -—Bosch Pinah mit seinen Gärten und Weinbergen. Jessod Hamaaleh, ein gesegnetes und fruchtbares Stück Erde au den Wässern des. Meromsccs. — Außerdem kauften noch einige unserer Bcü-er einzelne Grundstücke, baute» Häuser und pflanzten Weinberge, so daß bis jetzt, am Ende von drei Jahren. etwa 50.000 Dunam (gegen 5000 Dessmtyn) von dem Boden des heiligen Landes - in jüdische» Händen sind. Alles das sind schneidende Beweise dafür, daß der Boden de» beiligen Lindes sehr geeignet ist zur Feldarbeit, nno daß unsere jüdischen Brüder große Vorzüge besitzen. Diese Beweise sprechen von selbst, strafen Diejenigen Lügen, welche sagen, daß die Söhne Israels träge sind. Vor fünfzehn Jaoreu haben sich Deutsche aus Württemberg im heiligen Lande festgesetzt und bis jetzt gelang es ihnen, nur drei Colonien zu gründen, trotz des deutsch:» Reichthums und des kräftigen Schutzes einer großen Macht, vor der die weite Welt erzittert. Ihnen verschloß nicht die türkisch: Regierung die Thore des Landes, denn wer würde wage», Dcuschland herauszufordern, ohne dafür zu büßen. Unseren Brüdern ab:r, den Verfolgten, um die sich Niemand kümmert, deren sich Niemand erbarmt, deren Ansiedlung die türkische Regierung, die jonst den Jude» gewogen ist, mit Verdacht verfolgt, die zu hindern sie ihren V.amlen befiehlt, unseren Brüdern gelang es trotz aller dieser Widerwärtigkeile», in kurzer Zeit sieben Colonien zu gründen. Das beweist, daß es kein Ding auf der Welt gibt, welches dem Willen des Juden widersteht und ihn sein Talent überallhin begleitet. Aber, wenn wir absehen von den vier Colonien Rischon l’Zion, Ekron, Sichron Jacob und Roicb Pinah, welcher sich Gott erbarmte, indem er ihnen den bekauuteu Baron zum Wohithäter gab, ohne den die Sache der Colonisation vielleicht zu Grunde gegangen wäre, der mehr als zweihundert Colo listeufamilie,, neu belebte, der auf Alles sein Augenmerk wo idet, so daß man überall Pracht und Schönheit, Glanz und Herrlichkeit sieht — von diesen vier Colonien abgesehen, döcen wir in Pethach Thikwah, Ocderah, Jessod Hamaaleh das Geschrei ihrer Inwohner, die die größten Mühen ertragen, weil ihnen die Mittel fehlen, sich eine feste Basis zu verschaffen. Mit ihrem Gelbe gründeten sie die Colonien, aber die Unordnung, die in allen ihren Unternehmungen waltete, nachdem sie überstürzt aus Rußland geflohen waren, verzehrte groß: S immen, so daß sie rathlos stehen bliebe». Sie gehen dem H.lngertode entgegen, wenn wir ihnen nicht die rettende Hand entgegeilstcecken, um sie aus dem reißenden Strome zu retten. Theuere Brüder! Wisset, daß die Ausbreitung der Coloui« sation (sie ist ja eine schöne Hoffnung für die Z ikunft unserer Brüder) in diesem Momente nur abhäugt von dem Bestände der bereits gegründeten Colonien; Pethach Thikwah ist in Wahrheit der Eingang (Pethach) zu unserer Hoffnung (Thikwah) und Jessod Hamaaleh ist wirklich die Grundlage (Jessod) unseres Bestandes. Ferne sei es von uns, theilnohinslos zuzusehen. wie unsere Brüder in einem Jammermeere versinken. Ferne sei es vo > uns, unsere Hände in den Schoß zu legen und zu jagen: Was können wir tynn? — oder gar: Was »lachen im Ganzen die drei Colonien ans? Ferne mögen Euch, theuere Brüder, solch: Gedanken sei»! Von jeder bereits gegründeten Colonie hängt das g e s a m m t e C o l o n i s a t i o n s - U n t e r n e h m e n ab und an ihr Gedeihen ist die Hoffnung der ganzen Natron geknüpft und wie sehr kränkt es mich und alle wahren ZionSfrennde, wenn wir sehen, daß alles Geschrei in den Hallen Israels und der Zionsfreunde unsere Brüder nicht geweckt hat, die in einen tiefen Schlaf verfalle» sind. Und bei allen Aufrufen zu jeder Tageszeit haben wir noch immer die uöthige Summe nicht gesammelt, um die drei erwähnten Colonien zu erhalten. Theuere Brüder! Erwäget: Einer unserer Großen sprach und es wurden vier blühende Colonien, — und die gaiiie Jideujchaft Rußlands, des Landes, wo unsere Stammesbrüder so zahlreich sind, das man fast die Quelle des Judenthums nennen kann, in dem so viele rabbinische Giößen, so viele Gelehrte, Künstler. Schriftsteller, Poeten, Kaufleute. Millionäre und Barone unser s Stammes wohnen, diese ganze Jndenschaft brachte nicht das nötbige zusammen, um den gebeugten Bewohnern der drei Colonien zu h.lfeu. Theuere Brüder und Zionsfreunde! Noch eiumal ru-e ich Euch.iil Erinnerung, daß die Höffnuug des ganzen Hauses Jsrae» von dem Gedeihen der Colonisation Palästina's abhängt. Dahin siitü - alle die Ziele, von denen wir uns Hilfe in Europa versprochen hoben. Und dieses Gedeihen der Colonisation wieder hängt ab von dem Bestände der bereits'gegründeten Colonien. Wenn wir uns dieser unserer Brüder, die die Pionniere Israels waren, erbarme», wenn wir ohne Zögern unser Augenmerk diesen Theueren zürnenden, die ihr Land verließen und nach Palästina kamen, um sich ihr Brod durch Feldarbeit zu verdienen, wenn jeder Zionsfreund seinen Segen bringt in die Caffe seines Ortsoereines, — dann ist Hoffnung vorhanden, daß binnen Kilrzem die erivähilten Coloaien fest gegründet sei», und unsere Brüder, die Arbeiter, ihre Mühe belohnt sehe» werden, daß ganz Israel einsehen wird, daß das Herz seiner Nation das heilige Land sei. Von diesem Herzen werden ausgehen die. gesunden Säfte in die Nerven dieses ganzen Volkes. Daun werden auch die Häupter der „Ziousfreunbe", die auf sich die.Mühe genommen habe», die Herze» der Großen unseres Volkes";» wecken, Ordiiuug bringen können in die Colonisationssache und im Stande fein, ällmälig die Hindernisse zu behebe», bis, wir. daS Ziel unserer Wünsche erreichen.