Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1885-07-19 · Heft 12 (19.7.1885) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 12 (19.7.1885)
Date
1885-07-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092673-3092685--0147-3093078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Selbst - Emancipation.' Nr. 12. innige Liebe der Juden zu ihrem Volksthume, eine Liebe, die in ihnen waltet, wenn sie auch selbst es nicht zugeben wollen, selbst derselben sich nicht beivnßt sind. Weil ihnen aber leider dieses Bewußtsein mangelt, weil die, heutigen Juden nur i n st i n e t i v i h r I u de u t h n m lieben, darum bleiben die Thränen eben nur Thränen, darum wird der Schritt nicht gethan von der Klage zur Thal. .Der edle, patriotische Sänger ait den Bächen Babels -ruft in seinem Klageliede weiter aus:. „Wenn ich Dein, Jerusalem, Vergesse, so sei meine rechte Hand vergessen. Meine Zunge bleibe kleben am Gaumen. wenn ich Deiner nicht gedenken, am Gipfel der Lust mich Jerusalems nicht erinnern sollte." Ans diesen Worten spricht nicht mehr das bloße nnthätige Hinbrüten, da wird bereits ziemlich deutlich der Schwur geleistet, in jeder Minute des Lebens au die Wiedererlangung des Verlorenen zu denken, diesem Ziele alle anderen Wünsche, jede Lebensfreude nnterzuordnen. Und dieser .Schwur, er wurde gehalten: Die Söhne der Sänger an den Bächen Babels zogen wieder ein in das verödete Zion und stellten seine Pracht wieder her. Ebenso darf uns das blo ß e Weinen nicht genügen; wir müssen, wie die Sänger an den Bächen Badels, die nalionale Wiederbelebung Israels zu unserem L e b e n s zw ecke machen, dann können wir hoffen, daß noch einst die Zeit kommen werde, wo die Nation.a ltrauer des ltisobab b’Aw z u eine m N a t i o n a l f e st e werden wird, sowie man in glü cklichen Tagen mit Behagen an vergangenes Leid z u r ü ck d e n k t. G h r o n i k. (Verein jüdischer junger Männer „Zukunft".) Dieser neugegründete Verein macht solche Fortschritte, daß er zu den stolzesten Hoffnungen berechtigt. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich bereits auf nahezu 100, die alle der jüdischetl Nationalidee treu ergeben sind und mit seltenem Jntercsse an den Vereinsgeschäfren theilnehmen. — Sonntag den 6. d. M. fand eine Plenarversammlung statt, bei jüdischer Volksgeist und jüdische Volkssitte. Wenn holde Erinnernngen aus unserer Jugendzeit, Gefühle, die uns bewegten, Volkssitten, an denen wir mit kindlichem Eifer theilnahmen, im Laufe der Jahre verklärt nird all' des irdischen Mangels entkleidet, in bunter Reihenfolge vor dem entzückten Auge unserer Phantaste vorbeiziehen, so wird ein jedes von der Flamme der gemeinen Leidenschaften noch nicht eingeäschertes oder im Froste der Niedrigkeit noch nicht erstarrtes Herz im Busen des ernsten und geschäftigen Mannes, sowie des weisen Gleises ein Meer der Wonne durchbrausen. Wehe Dein, an dessen Wiege der Genius des Edlen und Erhabenen nicht gestanden, im früher» Jugendalter nicht mit ihm gespielet! Wie ein verirrtes Fahrzeug wird er auf hoher See des gemeinen und stürmischen Alltagslebens ziel- und zwecklos hin- und hersegeln, vergebens nach der Bucht des irdischen Glückes spähend. Nur Derjenige, der schon in früher Jugend gefühlt und gelitten, der schon im Vaterhause für das Edle und Erhabene sich zu begeistern gelernt, dem wird auch später der Born der himmlischen Genüsse nicht versiegen. „JüdischerGlanbe undjüdischesVolksthum!" Zwei erhabene, göttliche Begriffe! Der erstere, ein Engel der Gesittung, der auf seinen Schwingen eine verbrüderte, sich liebende Menschheit trägt, an dessen Stirne „Ewigkeit" geschrieben, an dessen Fersen „die Unermeßlichkeit" gebunden ist; der letztere, ein holdes, sich immer verjüngendes Weib, das betrübten, doch hoffnungsvollen Herder Wahlbesprechung und Wahlen auf die Tagesordnung gesetzt waren. Diese Versammlung zeichnete der Herr Reichsrathsabgeordnete Dr. I. S. Bloch durch sein Erscheinen ans. Sowohl bei seinem Eintritt, als auch während seiner Rede, die die Zeitgemäßheit der jüdisch-nativaalen Idee behandelte, wurde er lebhaft und begeistert acclainirt. Besuch und Rede des Herrn Dr. Bloch sind dem Vereine „Zukunft" sowie den Jüdisch-Nationalen überhaupt eine Bürgschaft dafür, daß Herrn Dr. Bloch nun nichts mehr von den - Nationaljuden trennt. — Die Wallen selbst konnten bei dieser Versammlung nur zum Theile vorgenolnmeii werden, weswegen auf den 12. Juli eine Fortsetzung der Plenarversammlung behufs Vornahme der weiteren Wahlen anberauuit werden mußte. Als gewählt erscheinen: In das Execntivcomits: die Herren Rudolf Feldbaum, Schriftsetzer (Präses); Abraham Salz, Jurist (Präses- Stellvertreter); Lazar Rathhaus. Buchhalter (Schriftführer); Oscar Bretholz, Buchhalter (Cassier); Moritz Ratz, Privatschüler (Bibliothekar). In das Aufstchtscomits die Herren: Josef Fleischinan», Commis (Obmann); S. A. Focsaireanu, Buchhalter (ObmannStellvertreter); Rudolf Halporn, Commis, und Jacob Samek, Kaufmann (Caffarevisoren); Simon Grnnbaiiii», Comptoirist und Leopold Sitzmauu, Privatschüler (Han-administratoren); Jacob Seidel, Buchhalter (Secretär). Jn's Schiedsgericht die Herren: Philipp Fischler, Mediciner (Obmann); Nathan Birnbaum, Jurist; Wilhelm Bret, Commis; Georg Schloß, Ingenieur; Samuel Schwarz, Kaufmann. — Bei der Versammlung am 12. Juli wurde auch Herr Neichsrathsabgeordneter Dr. I. S. B l o ch ei u st i m m i g zum e r st e n Ehre n mitg l i e d e deS jungen Vereines ernarint. — (Ein Germane mosaischer Konfession aus dem Magyareulaudk.) Ein Wiener. Hof- und G.'richlsadvocat ist ungeachtet des magyarischen Blutes, das in seinen semitischen Adern rollr — er soll - im Kccskemeter Comitate geboren und echt ungarisch auferzogen worden sein - - eisrigst darauf bedacht, seinen urdeutschen Kindern — diese haben ja in Wien das Licht der Welt erblickt — eine st r e n g g e r m a ni s ch e E r z ie h nn g z u e r t h ei l e il. zens sich nach ihren zerstreuten Kindern sehnt und ihrer demuthsvoll harrt. Nicht Jedem wurde es vergönnt, - an dein Erhabenen sich zu ergötzen. Nicht Jedem ist der Engel - des jüdischen Glaubens znin Vater, die Tochter des jüdischen Volkes zur Mutter geworden! Nicht an eines Jeden Wiege sind sie vereint gestanden, . mit ihm lieblich spielend! Sabbath und lisobab b'Aw! Der erstere — der Gipfel der jüdischen Volkssitte, der Spiegel seiner menschenbeglückenden Vergangenheit, der letztere — der Repräsentant des jüdischen Volksgeistes, die Verkörperung seiner hoffnungsvollen Zukunft. Nur Derjenige, der.euch einmal in euerer wahren, ursprünglichen und volksthümlichen Gestalt kennen gelernt, der euch ganz erforscht hat, ist im Stande, euch zu fasten und auch, wenn die eiserne Hand des Schicksals ihn in das Land der sklavischen Nachahmung und der eigenen Verläugnuug verbannt hat, sich euer mit Wehmuth und Sehnsucht zu erinnern. Wenn, Sabbath!, ail deinem Vorabende zahlreiche Lichter stacker», Vater und Mutter, Schwester und Bruder festlich gekleidet und feierlich gestimmt bei Tisch erscheinen, um am gemeiilschaftlichen Mahle theilzunehmen, da durchzucken das jugendliche Herz erhabene Gefühle, himmlische Engelschöre schwärmen im Zimmer herum und himmlische Melodien dringen an das Ohr. O Macht der Volkssitte! Wenn, Tisehak b’Aw!, an deinem Vorabende Vater und Mutter, Schwester und Bruder mit beklommenen Herzen auf der Erde sitzen, düster „Ei mit Asche" verzehren und thränenden Auges Zions zerstörte Macht beklagen, welch' Schceckensbilder ziehen vor uns vorüber! Des Tempels lodernde Flamme, das.Janch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.