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Selbst-Emancipation · 1885-07-02 · Heft 11 (2.7.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 11 (2.7.1885)
Date
1885-07-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Selbst-Emancipation! Nr. 11 Sohn und Tochter Skizze aus dem ruffisch-jüdischen Leben von eyeg SrrroLerrsL Aus dem hebräischen übersetzt von Nehemia Berner. Was sehe ich! — rief ich entsetzt aus, als ich Salomo Gutherz erblickte, der mir seit jeher als ein lebensfroher Mensch bekannt war und feinen Familiennamen stets gerechtfertigt hatte. Ich erinnere mich noch, wie er, als ich in seiner Stadt mich aushielt, sich beeilte, mich einzuladen und mich dann freundlich bewirthete. Auf diese Ehre durfte ich mir aber nichts einbilden, denn ich theilte sie mit jedem Aufgeklärten und jedem Frommen. Er machte keinen Unterschied zwischen dem Litthauer und dem Bessarabier, es sei denn, daß er dep Einen als Freund des Essens, den Andern als Freund des Trinkens kannte und sie darnach behandelte; deswegen war sein Haus beständig voll von jubelnden Gästen und nicht nur die Fremden, sondern auch seine Mitbürger liebten ihn. Selbst der Arzt des Städtchens, welcher jeden bitter haßte, der eine schöne Kuh oder ein gutes Pferd besaß, indem er gierig auf den Tag wartete, wo der Mann in feine Hände fallen und Kuh oder Roß das Heilungs- Honorar ausmachen würden, — selbst dieser „Menschenfreund" blickte Salomo nicht mit scheelen Augen an, denn letzterer bemühte sich jederzeit, daß seine Gäste nachher den Herrn Meistens consultirten. Salomos Frau eiferte ihrem Manne nach; obwohl sie einer der reichsten jüdischen Familien des Landes entstammte, liebte sie dennoch Ordnung in der Küche weU mehr als Claviergekliniper und deshalb wurde sie von d:r Köchin und dem Musiklehrer gehaßt, von den Gästen jedoch geliebt, sowohl früher im Baterhausr als jetzt in dem ihres Mannes. Diesem hatte die Lebensweise seiner Schwiegereltern gefallen. Warum sollte er sie nun nicht nachahmen, er, der von seinen Vätern ein großes Vermögen ererbt, dein auch seine geliebte Frau übergenu,- für ihren Lebensunterhalt in die Ehe mitgebracht hat -r, der nicht auf den Tod des Schwiegervaters, als Gattvon dessen Universalerbin, zu warten brauchte? Und w-.s sollte ein Mensch, der den Frohsinn liebt, anderes i.achen, als Mahlzeiten und Feste" in seinem Hause veranstalten, besonders in einer Stadt, welche ihre Bürger vor Verschwendung schützt und deswegen nicht Unterhaltungshäuser und alle die anderen Genüße der Großst.dt gezeitigt hat, welche das Vermögen verschlingen und eine entsetzliche Trostlosigkeit in das Herz pflanzen? Hier verschafft sich ein Jeder, der es kann und will, in seinem eigenen Hause Unterhaltung und so that es auch Salomo. Wer beschreibt nun meine Gefühle, als ich diesen Mann, den ich nicht vergessen hatte, wiewohl schon zehn Jahre vergangen waren, seitdem ich ihn zum letzten Male gesehen und seinen im ganzen Laude unübertroffenen Wein getrunken hatte, plötzlich an einem Tische eines Wiener Wirthshauscs sitzen sah — stieren Blickes, mit leicht zur Seite geneigtem Haupte, dessen Haare vorzeitig gebleicht waren. Wie in Gedanken vertieft, strich er von Zeit zu Zeit mit der Hand über seine Stirne, schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen und rief: „Ja, ja, so ist es! Wahr ist's!" — „Ist das wirklich Salomo, der lebensfrohe und gutherzige Salomo?" frug ich erschüttert den Mann, der neben ihm saß und alle seine Handlungen aufmerksam verfolgte. „Und ist das Alter so schnell über ihn hereingebrochen?" „Pst!" flüsterte der Gefragte und legte einen Finger an seine Stirne, als wollte er sagen: In seinem Kopfe ist's nicht richtig. — Doch ich konnte mich nicht enthalten, in meiner Fragestellung fortzufahren. „Wo ist sein Weib, wo seine Tochter, sie ist wohl schon längst ein erwachsenes Mädchen oder vielleicht gar verheiratet? Und sein Sohn, — was ist's mit diesem und wo ist er?" ,,Ja, ja, so ist's! Wahr ist's!" ließ sich Salomos klägliche Stimme vernehmen, „Mein Sohn hatte Recht und auch meine Tochter; — ja, ja, so ist's! Wahr ist's! — Ich bin hier im Auslande und kann es sagen: Ja, es ist wahr, mein Sohn hatte Recht und auch meine Tochter hatte Recht. — Ich bin im Ausland und Ausland ist nicht unser Land und wird nicht unser Land und unser Land wird nicht Ausland. — Ja, es ist wahr, mein Sohn hatte Recht und auch meine Tochter hatte Recht." — Jetzt würde ich auch, wenn mich sein Begleiter nicht aufmerksam gemacht hätte, augenblicklich erkannt haben, daß. der Mann nicht bei Sinnen sei, denn seine Stimme und sein stierer Blick, der sich auch beim Sprechen nicht belebte und auf niemanden sich richtete, sowie alle seine Bewegungen zeugten von der Verschleierung seiner Einsicht. „Wahrlich", rief ich tief erschüttert aus, „auch der Reichthum nützt nichts. Auch einem Glücklichen kann der Verstand geraubt werden, seine Wohlfahrt ist ihm kein Schutz dagegen und jetzt sage man noch, daß nur Leiden niederzubeugcn vermögen. So glücklich wie diesen habe ich kaum einen im Leben gesehen und dennoch hat ihn das getroffen. „Wie ich bemerke, müssen Sie ihn schon lauge nicht gesehen und nichts von ihm gehört haben?" »Zehn Jahre — aber ich habe ihn und sein Haus während der ganzen Zeit nicht vergessen, denn es war für mich ein Bild des Fnevcns und der Ruhe." „Das war es auch noch sieben Jahre nachher, seitdem aber wurde es zur Stätte unbeschreiblichen JamNiers." „Und was war es, das den Mann traf? Lassen Sie mich hören, vielleicht kann ich ihm helfen. Bei meiner Seele, ich werde alles anwenden, was in meiner Macht steht, ja sogar was meine Kräfte übersteigt. Denn wollte man einem solchen Mann nicht in der Noth helfen, wir würden uns des Namen „Menschen" schämen müssen!" „Sie sind ein Mann von Herz" rief der Begleiter Salomos schmerzlich aus und seine Augen füllten sich mit Thränen, — „und vielleicht werden Sie auch helfen können; jetzt aber hören wir zu sprechen auf, denn in manchen Momenten durchbricht ein Lichtstrahl der Einsicht die Finsterniß seines Gehirnes und dann versteht er, was um ihn vorgeht und es ist fürchterlich, seine Leidest zu sehen. Wahrlich, eine Gnade Gottes, der ihn schützt, ist es, daß er sein Geisteslicht umwölkt hat." „Und wann werde ich Näheres erfahren? Wann kann ich Sie Wiedersehen?" frug ich. „Wenn Sie Abends in unser Abstcigquartier kommen wollen, dann werde ich Ihnen alles ausführlich erzählen." „Ob ich will? Ich erwarte kaum den Abend" war meine Antwort. Die anbrechende Dunkelheit traf mich bereits im Hotel. „Vielleicht ist er verarmt, verhehlen Sie es mir nicht!" waren die ersten Worte, die ich zu dem Manne sprach. „Er ist reicher, wie früher, denn zu seinem Vermögen kam noch das seines Schwiegervaters hinzu; aber für wen ist das Alles?" „Sein holdes Töchterchen, der kleine Tollkopf, wie ich das Kind nannte, weil es ungemein wild war, — wo ist denn das? Und der Sohn, der kleine Philosoph, der stets mit dem Ernste eines Greises dasaß und stolz sich weigerte, an den Spielen der anderen Kinder theilzunehmen, — wohin ist denn dieser gerathen?" „Sie gingen, wohin sie eben gehen mußten; der Vater braucht ja den Weg nicht zu kennen, auf dem seine geliebten Kinder wandeln."

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