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Selbst-Emancipation · 1885-07-02 · Heft 11 (2.7.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 11 (2.7.1885)
Date
1885-07-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. Tel b st-Emancipation! Seite 11 „Sie starben in den Tagen blühender Jugend! Diese lieblichen Blumen wurden gepflückt, als sie am schönsten prangten?! Nun kenne ich Deine Leiden, unglücklicher Vater. Laut wie das Dröhnen des Ambosses pochte mein Herz bei dieser fürchterlichen Kunde; sie schmetterte mich nieder wie ein wuchtiger Hammerschlag und ich hatte Salomo doch nur kurze Zeit in meinem Leben gesehen und zehn Jahre waren seither verfloflen. Wehe! Ällerunglücklichster, wer vermöchte Dich zu trösten? — Aber sein liebes Weib, die Zierde der Frauen, die Krone, die ihn schmückte — was ist mit ihr? Hat auch diese gleich ihrem Manne den Kelch bittersten Leidens geleert?" „Nein! Ihrer erbarmte sich der Schöpfer, indem er sie aUeni Mühsal entrückte und unter seine Fittige barg. Dieses Unglück ist grenzenlos; wer weiß, ob es ein ähnliches seit Menschengedenken gab. — Doch bis jetzt wissen Sie ja noch nichts davon. Nun ich will zu erzählen beginnen, obwohl meine eigenen Worte wie ein spitzer Pfeil in mein Herz sich einbohren, denn ich sehe, daß Sie ein wackerer Mann sind, nicht einer von der blöden Menge, die sich klug dünkt und deren ganze Ehre und Einbildung darin besteht, daß Sie kein Herz hat, durch das Unglück nicht gerührt wird, das Mitleid nicht kennt. Weil Sie nicht von diesem Schlage sind, will ich meinen Gram vor Ihnen ausschütten." „Und wer sind Sie. daß Ihnen das Unglück dieses Mannes so nahe geht?•' fiug ich. „Ich bin seiner Mutter Bruder, bin kinderlos und habe ihn wie ein eigenes Kind großgezogen" antwortete er und Thränen entstürzten seinen Augen, nach geraumer Zeit aber trocknete er diese und begann zu erzählen: „Im Reichthum fürchten wir die Armuth, auf der Höhe des Glückes den Sturz und suchen, nach einem Schutze. Wüßten wir nur vorher, von wo das Böse Eingang finden würde, dann wären wir vielleicht im Stande, uns am Tage des Unheils z>r bergen; allein während wir auf der Warte stehen unk nach Süden auslugen, kommt das Unglück von Norden. Wir verschließen unser Geld und öffnen selbst eine Pforte dem Räuber unserer Seele; ja noch mehr — auch wenn ein Prophetkommen und uns warnen würde, bevor das Unglück hereinbricht, wir würden selbst dann iticht auf ihn hören. So geschah es auch bei diesem bejammernswerthesten Mann. Malkah und Schalom erfreuten jedes Auge und wurden die Lieblinge jedes Herzens; der Vater bemühte . sich, sie noch gewinnender zu machen dadurch, daß er sie bilden ließ und ein Vermögen darauf verwendete, ihnen verschiedene Lehrer zu halten und nicht genug, daß er ihnen die Wissenschaften zugänglich machte, auch die Liebe zur hebräischen Sprache und Literatur versuchte er in ihr Herz zu pflanzen. Malkah, die ein hervorragendes Talent besaß, nicht wie der Knabe, der nur schwer begriff und langsam vorwärts kam, nahm alles ohne jede Mühe in sich auf und da sie auch nicht liebte, mit verschränkten Armen dazusitzen, sondern immer fleißig lernte, war selbstverständlich bald so weit fortgeschritten, daß sie das lebhafteste Statinen aller, die sie kannten, hervorrief. Stand dieses Haus, wie Sie wiffen, schon von jeher jedermann offen, so steigerte sich die Zahl seiner Besucher jetzt auf das Siebenfache, denn der Magen des Fortschrittlers kann ebenso Hunger und Durst leiden, wie der des Chassid. Einer dieser Aufgeklärten, der sich einbildete, an der Spitze der Reformbewegutlg zu stehen und sich rühmte, viele Freigeister in Israel gemacht zu haben, war täglicher Gast in Salomos Hause. Er, dessen Stärke im Trinken auch die Chaffidim ihre Anerkennung nicht versagen konnten, war gleichsam der Possenreißer in diesem Hause ewiger Lust, er sang und unterhielt durch frivoles Witzeln; das machte ihn heimisch in diesem Kreise. Die Bekannten fürchteten ihn, denn, wenn er jemanden zürnte. dann bewarf er ihn mit Unflath und dichtete ihm allerlei Niederträchtigkeiten an; selbst gegen bescheidene Franen und sittenreine Mädchen spritzte ec seinen giftigen Geifer, bis er ihren guten Ruf besudelte. Wegen dieser interessanten Eigenschaften suchte Alles seine Annäherung und umsomehr Salomo, der Jedermanns Bekanntschaft wünschte und diesem Manne noch besondere Gnade erwies der hebräischen Sprache halber, durch deren gutes Verständniß sich derselbe einen Name» erworben hatte und die für seine Unterhaltung mit Malkah das Thema abgab. Eines. Tages brachte dieser Mensch einen jungen Mann mit, den er als einen gründlichen Kenner des Hebräischen vorstellte, von seinen übrigen Kenntnissen ganz zu schweigen, die gar nicht zu bemessen seien. Salomo empfieng den neuen Gast freundlich und liebenswürdig, wie es ja seine Art war, ohne zu ahnen, daß er den Dämon des Verderbens, der das Glück seines Hauses an» tasten und es in Unheil umwandeln sollte, gastlich aufge» iwmmen habe. (Schluß folgt.) (Ärn (Arrrcrrrerxrrrtev. Skizze von Marüochai. (Fortsetzung.) In ihrem ärmlichen Stübchen saß bleich und abgehärmt Mirjam auf einem Sopha und stickte. Die Hand versagte ihr schon den Gehorsam imd wenn sie den Kopf nach unten richtend einige Z-it sich anstrengte, dann legte sich ein Schleier wie ein Nebel vor ihre Augen und sie mußte die Arbeit absetzen. Aber trotz der Bitten der Schwester und der Mutter wollte sie die Arbeit nicht aufgeben. Sie verfiel von Tag zu Tag mehr und mehr, man sah es ihr an, daß ein schleichendes Uebel an ihr zehre und daß sie daran zu Grunde gehen werde. Sie selbst wußte es und die Mutter schaute ihr in hilfloser Verzweiflung zu, wie sie mit der vernichtenden Krankheit kämpfte. Manchmal hatte wohl auch Mirjam Augenblicke der Hoffnung und des Trostes es schien ihr, daß Anselm zurückkehren wird und daß sie ein neues Leben beginnen wer'-'e. So war es auch heute. Wie schwach sie sich auch fühlte, wie sehr es ihr schwer war, Athem zu schöpfen und ihren Kops aufrecht zu halten, ein unbegreifliches Gef )l von Ruhe und Hoffnung erfüllte ihre Seele und sie ließ ihre Gedanken weit in die Zukunft schweifen, alwenn sie nicht eine wäre, deren Tage gezählt und die j oer Athemzug ein Stück ihres körperlichen Lebensreftes rostete. Eine schwache Röthe stieg auf ihre bleichen Wangen, die Augen erglänzten von einem fast unheimlichen Feuer und ihre Lippen bewegten sich zitternd, wie bei einem frommen Beter, der seinen Dank an den Ewigen murmelt. Hie und da richtete sie ihre Augen von der Arbeit weg nach der Thüre, als wenn sie jemand erwartete. Da klopfte es an die Thür. Erbebend fuhr Mirjam auf, doch sie hatte keine Kraft sich zu erheben und sank, wie ohnmächtig in das Sopha zurück. Ju's Zimmer trat Anselm. Wie ein Donnerschlag traf ihn das Jammerbild Mirjam's. In einem Augenblicke erfaßte er die Situation aber der Schmerz schnürte ihm die Kehle zu und er brachte nur mühsam die Begrüßungsforinel hervor. „Ich habe dich heute erwartet," begann Mirjam, „ich habe geahnt, daß du heute kommst. Und du bist gekommen. Das soll mir ein gutes Vorzeichen sein, ich will noch einmal gesund werden und leben. Das Leben hat ja doch so manche schöne Stunde und jenseits — was wartet unser drüben?" Sie schüttelte wie schaudernd den letzten Gedanken von sich: „Nicht wahr Anselm, ich werde leben?“ Anselm zitterte am ganzen Leibe und musterte die

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