Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1885-07-02 · Heft 11 (2.7.1885) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 11 (2.7.1885)
Date
1885-07-02
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3092672-3092673-3092684--0141-3093071
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11. Selbst-Emancipation! Seite 9 Die Hochzeitsfackel. Fernher schallt Getöse, während in dem stillen Säulengange händeringend, jammernd auf die Kniee sinkt ein junger Krieger An die Seite einer Jungfrau, die mit bleicher Stirn und Wange Daliegt regungslos, — schon nahet ihr der 'Tod, der Allbesieger. Sulamith, Du Liebste, Theure, höchstes Kleinod meiner Seele Sulamith, verlaß, verlaß mich Armen nicht, mein Mädchen traut,! Meine Sulamith, oh schlag' Dein herrlich Auge auf und quäle Deimn Bräut'gam länger nicht. Du,'meine süße, holde Braut! S ulamith erhört sein Fleh'», sie hebt die ohnmachtsschweren Lider Und ihr. schwarzes, tiefes Auge glänzt in mattem Traumesfchimmer^ „Liebster, lebe wohl, vergiß mich nicht. — jetzt eil' zum Kampfe wieder!" Sxricht's, — die Stimme mehr und mehr verklingt — und schließt das Aug' auf immer. „wehe, wehe l" klagt der Jüngling, küßt ihr weinend Mund und Augen 'Faßt sie an den Schultern an und rüttelt sie, — sie kühlt es nicht. Alles ist vergebens, hier kann kein Küssen mehr, kein Rütteln, taugen; Todesschatten wohnt, wo einst gestrahlet warmes Lebenslicht. „Weh', so bist Du wirklich todt, lieb' Sulamith, mein süßes Leben? warum nahm mich nicht der Himmel, ach, als Dpfer an > für Dich? Konnte nicht, oh Gott, des wilden Römersöldlings Wurfstein schweben her zu diesem, meinem Unglückshaupte, niederstrecken mich? Meine Sulamith ist tobt und, ach, mein Volk, es liegt im Sterben; was ich innig liebte und verehrte hier auf dieser Welt, Alles geht zu Grunde durch die Hand der bösen Römerschergen, Die, ein Strafgericht des Himmels, schwer auf unfern Nacken fällt. Nun denn; auf zum letzten Kampfe gegen diese wüsten Heiden; Welche meine Sulamith gemordet und mein Volk jetzt morden Ja, im Rachestreite will ich fallen, blutend will ich scheiden Aus dem Leben, das mir eine läst'ge Bürde ist geworden l" Und er eilt hinaus, — entsetzlich tobt der Männerkampf, der heiße. In den sinstern Drkus steigen 'iömer ohne Zahl, Nach Gan-Lden schweben jüd'sche Heldenseelen schaarenweise; Thürmend häufen sich die Todten, Leichenberge überall. Sulamith's Geliebter wirft den Feinden stürmisch sich entgegen; Mit dem Schwerte, mit dem Bogen lichtet er der Römer Reihen. Allseits dringen Söldner ein auf ihn, ein dichter pfeileregen Ueberschüttet ihn, dem haß und Liebe Riesenmuth verleihen. plötzlich tönt ein Ruf des Dankes aus des tapfern Jünglings Munde — Durch die Panzerfugen drang beschwingt der Tod zur Heldenbrust; Und der junge Krieger wanket mrt dem pfcrle in der Wunde hin zum stillen Säulcngang, wo er sein todtes Mädchen wußt'. Kosend streichelt er ihr mit der matten Hand die schwarzen Locken; „Sulamith, schon folg' ich Dir!" so ruft er aus und taumelt, fällt, Als er — seine Lebenspulse wollen immer noch nicht stocken — Sieht die große Säulenhalle roth, von Feuerschein erhellt. „ Sulamith, der Tempel steht in Flammen I" — schreit's mit letzten Kräften. „Ach, Du hörst mich nimmer; wohl Dir, daß Du's nicht mehr siehst. — Aus des Tempels Brandruinen steigt ein Fluch und wird sich heften An die Fersen Israels, daß wandernd es die Welt dnrchmißt. wie wir heute scheiden müssen und ich nimmer sehen werde Deine Feueraugen, Deine duft'gen haare, Deine Glanzgestalt. — So wird unser Juda wandernd irren weit auf fremder Erde, Fern von Zion's üxp'gen Fluren, fern vom mächt'gen Ledernwald l Aber wie wir einst nach frommen Glauben wieder auferstehen Und ich wieder werde liebend Dich in meine Arme drücken. So auch wird in fernen Tagen Israel noch Wiedersehen Die geliebte Heimat und an ihrer Schöne sich erquicken l" Vas Gesicht von Hoffnung strahlend, — zieht der Jüngling aus der Wunde Schnell heraus den Pfeil, daß unbehindert in die Lüfte eilen Kann der festgehalt'ne Geist;—^zum heil'gen Todes-Lhebunde Aber stackern — welche Hochzeitsfackel l — Tempelfeuersäulen. N. B—m.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.