Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 11 (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbst-Emancipation! Seite 3 Nr. 11. doch innerlich eine Sympathie zu dem czechischen Herrn Dr. Zucker oder dem polnischen Herrn Dr. Rappaport hinzieht und er nicht manchmal unwillkürlich in seinen schönen franzöfischen Bart brummt: „Einer von unsere Leut'?" (P» attischer Antisemitismus) wird in Wien betriebe». Zwei Fälle zur Illustration der gemüthlichen Zustände in dieser wegen ihrer Gemüthlichkeit so berühmten Stadt. — Im Vororte Ottakring, auf der Hauptstraße, hat ein gewisser Josef P. einen Laden, in welchem er Meerschaumpfeifen verkauft, nicht etwa selbst fabricirte, sondern Waare, die er sich, wie es ja nur die Juden thun sollen, von den Drechslern zum Weiterverkauf liefern läßt. Dieser christliche Schädiger des Kleingewerbes hat nun das Portal seines Gewölbes mit gedruckten Zetteln beklebt, die dem Leser kund und zu wissen thun, daß hier nur an Christen verkauft werde. Nichtsdestoweniger soll er jüngst einem Juden bereitwilligst eine größere Partie seiner Schaumwaare haben abtreten wollen; doch erinnerte sich dieser rechtzeitig, daß er noch früher den Gang zum Bischof machen müsse, um die Taufe zu nehmen und empfahl sich bis auf Weiteres dem verblüfften Händler. — Nummer zwei: Im Stadttheile Brigittenau, in der Wallensteinstraße hat ein Hausherr auf dem Zettel, der nach Wiener Brauch am Hauslhore hängt und die zu vermiethenden Wohnungen ankündigt, bemerkt, daß er jüdische Parteien nicht in's Haus nehme. Wie weit schon die Verbrüderung zwischen den Ariern und Semiten gediehen ist! (Mechanilus Schneider) ruht nicht. Nachdem er Samstag den 20. Juni in einer von 2000 Personen besuchten Antisemitenversammlung im Prater eine Brandrede Juden gegen die losgelassen halt--, worin er be näheren durchgedrungenen Gegencandidaten Stieß von dem bekannten „Jud Süß" abstamiiien ließ, begab er sich nach Ausbruch der Brünner Arbeiterunruhen nach dieser Stadt, um zu hetzen. Der Mann rechnete mit dem Prügelknabenschicksal der Juden, und hoffte, daß auch der Socialismus zunächst nur gegen die Juden sich austoben würde. Schneider fpecnlirte nicht schlecht, machte aber die Rechnung ohne — die Polizei, die ihn scharf überwachte und schließlich »och bei der Staatsanwaltschaft wegen Aufreizung gegen eine staatlich anerkannte Rkligionsgenoffenschast anklagte. (Gegen Dr. Angustus Brimanns.) a1ia8 Justus recte Ahron Briemann, ist die Untersuchung bereits abge, schlossen und wird die Anklage gegen denselben wegen Veroaß Lewinsohn, deffen Gedicht „Hachemlah" („Barmherzigkeit"), nach dem Urtheile vieler Sachkundigen, mit Schiller's „Glocke" sich messen kann, von dem größten Theile der jüdischen Jugend iingelesen bleibt, während sie Alexander Dumas' Romane enthusiastisch verschlingt. Würde Lewinsohn in einer anderen Sprache gedichtet haben, das schönste Monnment würde sein Grab zieren. Bei uns ist das freilich anders: Die Namen unserer Stammesgeuoffen fehlen in keiner Spendeliste, sofern es sich nur um Nicht-Jüdisches handelt und sei es auch ein Kirchenbau. Diese meine Stammesgenossen bedauere ich, nicht den Dichter, der in den Lauten der Bibel, in der Sprache seiner Ahnen, in welcher jene ihren letzten Seufzer im Kampfe für Freiheit und Vaterland ausgehaucht haben, gesungen hat. Seine Dichtungen sind ein unvergängliches Denkmal für alle Zeiten. ■ P erez SMvlensky, der erst vor wenigen Monaten — zu frühe ach! —' uns entrissen wurde, der ja noch in unser aller Andenken lebt, er, der Meister der hebräischen Novelle, er braucht hier keine eingehendere Besprechung; denn wer kennt nicht diese hochragende Gestalt auf dem Gebiete schriftstellerischen und nationalen Wirkens? Mögen die in der heutigen Nummer dieses Blattes beginnenden Ueberbrechens des Betruges, begangen durch Fälschung eines Maturitäts-Zeugnisses, erhoben. Soweit sich die Untersuchung auf eine Reihe vermögensrechtlicher Delicte erstreckte, führte sie zu keinem Resultate und kann daher die Anklage nicht auch darauf ausgedehnt werden. (Dr. Robert Pattai), der neue antisemitische Abgeordnete des Wiener Bezirkes Mariahilf hat in der am 15. Juni stattgehabten Versammlung des „politischen Bezirksvereines Mariahilf-Neubau" eine Rede gehalten, in welcher er unter Anderem sagte: „Noch eine interessante Mittheilung. Unlängst wurden Circulare versandt, gefertigt von Rabbi Bloch, Zins und Anderen, mit Aufforderung zur Bildung eines Vereines „zur Wahrung jüdischer National-Jnteressen." Ei» junger jüdischer Advocat — es war nicht Elbogen — sagte mir unlängst, aus diesem jüdischen Vereine müsse eine specifisch jüdisch-nationale Partei hervorgehen, welche im nächstnächsten Reichsrathe schon durch ein halbes Hundert Stimmen vertreten sein werde und um die alle anderen Parteien buhlen werden. (Heiterkeit im Auditorium). Wenn wir zunächst keinen anderen Erfolg zu verzeichnen hätten, als eine solche Parteibildung, so könnten wir schon zufrieden sein. Dann würde es aufhören, daß das Judenthum unter falscher Flagge uns beständig täuscht. Darum müssen wir Antisemiten täglich bitten, noch ein Dutzend Blochs und Elbogen und unsere Sache ist gewonnen. Die Flagge, unter welcher die Juden am liebsten segeln, ist leider noch immer das Dentschthum in seiner gefälschten Gestalt". — Mit den Circulären, von denen Dr. Pattai spricht, sind die von der neu gegründeten „Oesterreichischen Israelitischen Union" versandten Aufrufe gemeint. Das halbe Hundert jüdisch-nationaler Abgeordneter dürfte nach unserer bescheidenen Meinung eine geniale Uebertreibung des biederen arischen Gehirnes des Herrn Dr. Pattai sein; er möge das jedem Anderen, nur keinem vernünftigen Menschen weißmachen wollen, daß „einer von unseren Leuten" so dumm sein sollte, einem Autisemiten gegenüber eine solche tolle Behauptung aufzustellen. Der junge jüdische Advocat dürfie von einem halben Dutzend gesprochen haben und Herr Dr. Pattai hat in heiligem Eifer mit Slj3 multiplicirt. Sechs jüdisch-nationale Abgeordnete sind eine erreichbare Zahl Wir werden den Zeitpunkt, wo das geschehen wird, mi. Freuden begrüßen, als ein Zeichen gesteigerten Nationalt bewußtseins; viel mehr können wir aber darin nicht sehenden« zur Realisirung der jüdisch-nationalen Ideen habe,n setzungen aus seinen Werken zu seiner Werthschätzung beitragen! Iehudah G o r.don endlich, der größte lebende lyrische Dichter in hebräischer Sprache. Seine Dichtungen sind unlängst heransgegeben worden. Diesen Großen auf dem Gebiete des neuhebräischen Schriftthums verdient ein Mann angereiht zu werden, der zwar nicht in der nationalen hebräischen Sprache, aber im national-hebräischen Geiste dichtet. Frug, der gegenwärtig, wie Gordon in Petersburg lebt, wird von der gesamnrten russischen Presse, die bekanntlich die Leistungen eines Semiten nicht gerne überhebt, als einer der besten Dichter Rußlands anerkannt, wiewohl er — ich betone es — ein jüdisch-nationaler Dichter ist. Ergreifend und rührend sind seine Klagelieder über den Fall Zions; herzzerreißend schildert er das jüdische Elend. So müffen wir denn zu dem befriedigenden Resultate gelangen: Eine Nation, die solche Dichter besitzt, kann nicht untergehen, eine Sprache, die noch jetzt nach viertausendjährigen Bestände einen Mapn, Lewinsohn, Smolensky und Gordon aufzuweisen hat, kann noch lange, lange für keine todte gelten. Moriz Katz.