Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 11 (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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£-::i Seite 4. Selbst-Emancipation! 9lr.il. wir — im Großen und Ganzen — ganz andere Dinge nothwendig. Uebrigens kann ei» unverfälschtJüdisch- Nationaler gar nicht den Ehrgeiz habe n, sich von den anderen Parteien um b uh i e n zu lassen; solche Gelüste können nur unsere Herren Assimilanten anwandeln, die ja bekanntlich so gerne in die Angelegenheiten anderer Völker sich einniengen, wie dies Dr. Pattai auch, ganz richtig hervorhebt. Weil wir aber schon bei den Assimilanten angelangt sind, so wollen wir einem Streiche begegnen, den sie mit der Regelmäßigkeit eines Automaten uns versetzen wollen, sobald von Antisemiten die Rede ist. „Die National-Judcn unterstützen den Antisemitismus". „Gibt es einen besseren Beweis dafür als die Worte Doctor Pattai's, der sich über.das Entstehen einer jüdisch-nationalen Partei freut?" Mit dieser Frage werden sie ihren übertragenen Vorwurf sicherlich nochmals auSkramen. Wir antworten im Vorhinein darauf: „Ob der Sieg unserer Idee auch den Antisemiten ein Glück scheint, darum scheeren wir uns nicht; wenn er nur uns eine, wahre Hilfe bringt, so mag er anderen ebenfalls eine Freude bereiten. Endlich: Nationaljudeirgab es nicht bei Entstehung des Antisemitismus, er wäre sonst vielleicht gar nicht entstanden; die Verursacher waren die Assimilanten." (Buddha-Tempel in Wien.) Die in Wien wohnenden Japanesen errichten einen Tempel zur Verehrung Buddha's; die indische Religion des „Nirwana" findet also eine Heimstätte in der Hauptstadt Oesterreichs. Wir würden diese Notiz, die nur allgemeines, nicht speciell jüdisches Interesse hat, nicht ausgenommen haben, wenn wir nicht eine» besonderen Zweck damit verbänden. Bekanntlich sind die „Unverfälschten deutschen Worte", das Organ des Herrn von Schönerer, auf das Christenthum, als eine „Judeuüberlieferung" sehr schlecht zu sprechen und. schwärmen für die, Religion der Germanen des Alterthums sowie für die arischen Naturreligionen überhaupt. Der große verstorbene. Philosoph des Pessimismus, Schopenhauer, der Christenthum und Judenthum haßte nnd den Bnddhaismus bewunderte, gilt den „Unv. d. Worten" in dieser Beziehung als Apostel. Wie wäre es nun, wenn diese Herren die Gelegenheit beim Schopfe fassen und nun, da ein Buddhatempel in Wien eröffnet wird, zur Religion des arischen Urvolkes, der Inder übertreten würden; mit der Zeit gelänge es ja, ihr die verwandte germanische Färbnng zu geben. .Wir sind überzeugt, daß unser Vorschlag nicht ungehört verklingen und einst der Stefansdoin leer stehen wird, weil die germanischen Söhne Wiens in den Buddhatempel strömen werden. Japanesen, freuet Euch! (Der akademische Verein ^Kadimali“) entsandte laut Ausschußbeschluß eine Deputation an Herrn Dr. Bloch, um diesen anläßlich seines Wahlsieges zu beglückwünschen. Herr Dr. Bloch nahm den Studentenbesuch, äußerst zuvorkommend auf. Im Laufe des Gespräches erklärte er sich als Gegner der Assimilation in dem Sinne, daß die Juden ihre ethnologische Eigenart aufgcben sollen, als Anhänger der Assimilation aber, wenn man darunter nur politisches Zusammengehen mit den übrigen Völkern, — in seinem Falle, mit den Polen, — verstehe. — Als sich die Deputation entfernte, sicherte er derselben zu, daß er bei nächster Gelegenheit wieder unter den Kadimahnern erscheinen werde und daß sich dann für-beide Theile die Möglichkeit bieten werde, offene r m i t einander zu fraternis i r e n. (Wir 'wollen hoffen, daß die Zeitverhältniffe dem Herrn Dr. Bloch gestatten werden, sein Versprechen in beiden Richtungen, namentlich aber in der zweiten, einzulösen. Anm. d. Red.) (Die jüdischen Rechtspraktikanten) der galizischen Hauptstadt bereiten eine Beschwerde vor, die von einer Deputation Sr. Majestät dem Kaiser, dem Ministerpräsidenten und dem Justizminister überreicht werden wird. Die Beschwerdeführer beklagen sich darüber, daß die jüdischen Rechtspraktikanten in Galizien niemals a v a n c i re u und absichtlich, übergangen werden. Sind diese Herren recht gescheidt? Sie sollte» sich doch von der „Ojczyzna" oder vorn Lemberger „Israelit" oder dem Brodyer „Haibri" darüber belehren lasten, daß das mosaische Polenthum dem katholischen gleichwerthig zur Seit: steht. Ihre Beschwerde ist gewiß nur auf eine fixe Idee zurückzuführen. Es ist ja unmöglich, daß im Lande Polen dem einen Polen verwehrt sein, kann, was dem andern erlaubt ist. Unmöglich, wir können es nicht glauben, nachdem uns ein so schönes Bild von der Brüderlichkeit zwischen den beiden Polengattungen gemalt worden ist! Unmöglich! Oder sollte der „Ojor-zr-irra" doch nicht zu trauen sei»? (Juden als Soldaten.) Im Jahre 1884 dienten im österreichischen Heere 27.945 jüdische Soldaten. — Rach den neuesten Ergebnissen der Statistik gehören in ganz Europa gegenwärtig 200.000 Juden dem Militär an. Darunter befinde» sich viele höhere Officiere und ausgezeichnete Strategen. — Und da haben die antisemitischen Lästerer die Stirne, über Feigheit und Schwächlichkeit der Juden zu heulen — angesichts einer solch' großen Armee. (So ehrt Ungarn) seine Antisemiten. Josef Bary, der Untersuchungsrichters-Gehilfe im Tisza-Eszlarer Prozesse. avancirte zum Gerichtsnotär; da zeigt sich des Justizministers Pauler Einfluß. Es ist das ein hübsches Seitenstück zu den neulich wieder in Ungarn stattgehabten Juden-. krawallen von Börösvar bei Budapest und Ghergyo-Salimas im Szeklerlande. (Hofprediger Stöcker), der unfreiwillige Held des TageS, bewirbt sich um die in Cassel demnächst'eintcetcnde Bacanz an der Luther'schen Kirche. Die Thatiache der Bewerbung steht fest, doch ist von da bis zur Wahl und zur Bestallung noch ein weiter Weg. Daß dieser Fall hier Aufsehen erregt, ist leicht erklärlich. Uebrigens geht daraus hervor, daß die Stellung Stöcker's in Berlin erschüttert ist oder daß er sich selbst dort nicht mehr in der alten Behaglichkeit fühlt. Nichtsdestoweniger veranstaltete der deutsche Antisemiten-Bund eine etwa fünftausend Theilnehmer zählende Versammlung Stöcker zn Ehren in der Bockbrauerei auf dem Tempelhofer Berg in Berlin. Der Hauptredner war der Stadverordnete Pickenbach, welcher mit einem minutenlangen, jubelnden Hoch auf Stöcker einleitete und die Inden warnte, nicht zu frohlocken, die bisher gegen sie gewaltete Milde könne leicht in's Gegentheil verkehrt werden, so daß es heißen werde mit Rehabeam: früher seid ihr mit Peitschen, nun sollt ihr mit Skorpionen gezüchtigt werden! Uebrigens sei für den Deutschen Antisemiten-Bund die Jndenfrage eine Rassenfrage. Die Ziele seien ausrechr zn halten, verkündet ein anderer Redner, W. Schmidt , daß Inden niemals Richter, niemals Advokaten, niemals Offiziere werden dürften; die einzig gute Parole sei: Die Inden müssen heraus aus D utschland! Ein rauschender Beifallssturm begleitete diese Proklamation. (Es kommt eben nur auf die Art dieses „Heraus" au. Die Redaction). (Dr. Jacob Ecker,) Pnvatdoceut an der- Akademie zu Münster, versichert in der „Germania" den Christen auf seine Priesterehre und den Juden an Eidesstatt, daß die im Berlage des „Reformveiems". zu Steele erschienenen „100 Gesetze des Jndenkatechismus von Dr. Jacob Ecker" von ihm weder geschrieben noch herausgegeben sind. Findet sich kein zweiter Dr. Jacob Ecker, so wird Dr. Jacob Ecker ans Münster gegen den „Reformverein" klagbar austreten. ’ (Juden in Ruffland.) Nach der neuesten Zahlung wohnen im ganzen russischen Reiche beinahe-fu ns M ill io n e n Juden: In Süden und Westen nämlich nahezu