Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 11 (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Selbst-Ernancipatio n! Nr. 11 des jüdischen Volksgenius iu jenen bangen Zeiten tragen alle das Gepräge einer erhabenen Trauer, athmen alle eine» großen, Achtung gebietenden Schmerz. Nur zuweilen, wenn die Grausamkeit des Treibers zu groß wird, dann ringt sich ei» gepreßter, ohnmächtiger Racheschrei ans der gepeinigten Volksseele empor, dann erzittert sie in himmelanklagender Wuth, um gleich darauf eine stille, hoffende Ergebenheit in sich aufzuuchmen, die die leidenschaftliche Aufwallung wieder niederkämvft. Stechender Schmerz, wehmuthövolle Erinnerung, trostlose Trauer, leise Hoffnung, entschuldbarer Rachedurst, rrgebungsvolle Versöhnlichkeit wechselten rasch im schleppenden Gange einer achtzehn Jahrhunderte dauernden Verbannung.- Schweißtriefend, das Gehirn von qualvollen Gedanken durchwogt, steht der Arme, den eine mächtige Hand von allen Personen, die ihm lieb und theuer sind, fortgeristen und zur ewigen Zwangsarbeit verurtheilt hat, bei dieser und weiß nicht, daß eine Verbefferung seiner traurigen Lage ihm winkt, er weiß es nicht, bis er sie nicht fühlt: Ein gütiges Geschick wollte, daß an die Stelle der bisherigen herzlosen Aufseher ein Vogt getreten ist, der ein Menschenherz im Leibe hat, der schonend gegen d i e vorgeht, die seiner Willkür anheimgegehen sind. — So war es auch mit dem verbannten Volke. Es kamen menschlichere Vögle; dieVölker des neunzehnten Jahrhunderts gingen glimpflicher um mit dem Stamme, den eine höhe>e Macht in ihre Hände geliefert hatte, lockerten seine Fessel», baß er sich freier bewegen Die Freiheit thut der Meuscheuseele wohl, selbst in fremdem Lande. Der Exilirte, den sein milder Vogt frei gewähren läßt, fängt wieder an, sich glücklich zu fühlen, er vergißt, daß er nur der Gnade die Besserung verdankt, er gedenkt nicht weiter seines Heims und vermeint, ein neues Leben im Lande seiner bisherigen Leiden beginnen zu können. Das arme, gequälte Juda, dem eine gutherzige Generation M e n s ch e n- und Bürgerrechte verlieh, sandte seine sehnenden Gedanken, nicht mehr in die glänzenden Tage der Vergangenheit zurück, das fremde Land wurde ihm zur Heimat; es dachte nicht daran, daß diese Freiheit keine festbegründete, nur eine vorübergehende sei, daß den milden Vögten wieder strenge folgen könnten. Israel sah nicht ein, daß der Sklave Sklave bleibt, auch wenn er jüdisch - nationale Dichter der Neuzeit. Die Poesie wird allgemein als einer der mächtigsten Factoren in der Entwicklung des Menschengeschlechtes anerkannt. Eine Sprache, der keine großen Dichter erstehen, muß allmälig ebenso verwelken und nntergehen, wie das Volk selbst, in dessen Mitte dichterische Begeisterung keinen Platz findet. Der Dichter legt der M^t- und Nachwelt Zeugniß für sein Volk ab; er ist es, in dem sich die ganze Natur des Volkes ausdrückt, und er ist's endlich, in dem sich die Gefühle seines Volkes concentriren. — Wenn nun wir Juden die für uns wichtigste Frage anfwcrfen, ob die Juden als Nation noch lebensfähig und ob die hebräische Sprache noch jetzt existenzberechtigt ist, so müsien wir zu allererst nach den jüdischen Dichtern frage». Gibt es noch solche Männer, die auf dem Gebiete der modernen hebräischen Literatur Tüchtiges geleistet und für ihre Natioir sich begeistert haben? Wir wollen hier ganz davon absehen, daß jüdische Dichter sich fast in sämmlichen Literaturen ihrer Mitbürger einen ehrenvollen Platz verschafft haben; wir wollen uns hier auch nicht auf unsere heilige Schrift berufen, deren poetisch-schwungvolle Sprache bekanntlich noch von keiner zufällig zu einem g u t e n Herrn kommt. Diese Kurzsichtigkeit sollte sich rächen, indem die Züt kam, wo das „Volk des Exiles" aus allen Himmeln gerissen und in die gemeine Wirklichkeit zurückgestoßen wurde. Die Indenfreundlichkeit Europas war nur von kurzer D a u e r. Ganz natürlicher Weise konnten die nationalen und socialen Gegensätze, die zwischen einem aus dem Oriente mit einer fremden geistigen und sittlichen Begabung herübergedrängten, nicht herübergekommenen Volksstamme und der indogermanischen Völkerfamilie bestehen, nur scheinbar attsgeglichen werden, sie mußten bald wieder durchdringen und die europäischen Völker ihrer numerischen Ueberlegenheit gemäß wieder die Rolleder strengen Vögte übernehmen. Wieder hat das jüdische Volk das traurige Bewußtsein, ein Volk des Exiles zu sein, und in den dreiWochenvom s i e b z e h n t e n T h a m u s bis zum neunten Ab, in welchen sich vor nahezu zwei Jahrtausenden der Sturz desselben mit welterschütternder Grauenhaftigkeit abspielte, kann es in schmerzlicher Erinnerung Vergleiche zwischen Einst und Jetzt anstellen; iu dieser Tranerzeit soll es aber auch die Frage sich voclegen, ob nicht eine Selbstrettung aus der Hand der guten und der bösen Vögte möglich G h r o n i k. (Zu den österreichischen Reichsrathswahlen.) Das durch den Rücktritt des Abg. Scböffel erledigte Mandat von Hietzing-Bruck a. d. Leitha ist nun wieder vergeben. Bei der am 27. Juni stattgehabten Wahl drang der „Dentsch-Liberale der schärferen Tonart" Fischer gegen den „deutsch-nationalen Antisemiten" Wittmann mit 186 gegen 160 Stimmen durch. — Dr. Byk ruht noch immer nicht. Das Schlachtfeld wird von Kolomea nach Wien verlegt. Der Herr Doctor mit dem Kosziusko-Herzen hat sich nemlich die Unterstützung von Armen zur Hauptpflicht gemacht; dieser kommt er jetzt dadurch nach, daß er Stimmen zu einem Proteste gegen Dr. Bloch's Wahl kauft. — Im neugewählten Parlamente gehören dem jüd. Stamme 16 Abgeordnete an. Leider treten dieselben bis auf einen nicht als Juden, sonder» als Deutsche, Polen, Czechen und Italiener auf. Ob nicht den deutschen Herrn Dr. Jacques anderen erreicht worden ist; wir haben es hier nicht nöthig» auf unsere genialen Dichter des Mittelalters und der letzten Jahrhunderte, von Jehudah Ha-Levy bis Herz Weisel (Hartwig Wessely) 'zurückzukommen. Wir wollen hier nur die jüdischen Nationaldichter der neuesten Zeit in Erwägung ziehen: Mapu war der erste, der der hebräischen Sprache, nachdem sie durch das zu eifrige Studium des Talmuds längere Zeit vernachlässigt wurde., neues Leben uiid Gedeihen gab; er erschien — ein glänzender Stern auf dem Gebiete der hebräischen Literatur, eine Weg weisende Leuchte seinen großen Nachfolgern. Seine Romänwerke: „Aschmatli Sdaomron", „Ajit Zewua" sind echt elastisch, sei>»e „Ahawath. Zion“ erreicht den Höhepunkt seiner Leistungen. , Adam L e w i n s o h n, her erst vor wenigeil Jahren aus dem Leben geschieden ist, war einer der größten Dichter und Denker. Seine Dichtungen „Seliirej Sfath Eodeach" sind wahrlich eine Zierde unserer modernen hebräischen Literatur. Bei dem Namen hlo? dieses Dichters entquillt unwillkürlich eine Thräne meinem Auge, wenn ich bedenke, daß wir Juden in unserem nationalen Wesen leider so gesunken sind, daß wir die eigenen Dichter nicht kennen und was noch schlimmer ist, nicht kennen wollen, während wir fremden, minder großen huldigen, — wenn ich bedenke,