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Selbst-Emancipation · 1885-06-17 · Heft 10 (17.6.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 10 (17.6.1885)
Date
1885-06-17
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Selbst-Emancipation! Nr. 10. Goldene Frühlings-Sonnenstrahlen ergoffen sich über die üppigen Fluren und Felder, die herrlichen Gärten des Hebräerdorfes, sie leuchteten belebend und Hoffnung spendend hinab auf die fröhlichen jüdischen Bauern, die, ein doppeltes Fest begehend, heute ihre Arbeit eingestellt Es war ein Halbfeiertag des jüdischen Freiheitsfestes, an dem die Hebräerin Rachel Rafaelowitfch dem Hebräer Simson Rafaelowitfch in der hebräischen Ackerbaucolonie 9t* L* nach dein m osaisch e n Gesetze und der israelitischen Nationalsitte ehelich angetraut wurde. Nicht phrasenhaft unverstanden, sondern mit wahrer Begeisterung und heller Hoffnungsfreudigkeit stimmten die kräftigen Männer, die zarten Frauen, die blühenden Kinder das Hochzeirsgebet an, in dem es heißt: Möge bald; o Ewiger, Allmächtiger in den Städten I u d a's u n d. i n den S t r a ß e n Ierus a l e m's gehört werden das Jubeln der Wonne, das Jauchzen der Freude, die S t i m m e d e s B r ä u t i g a in s, d i e S t i in in e der Gin Grnnneixrivteo. Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) In einem Eckhause der inneren Stadt hatte Helenen's Papa eine prachtvolle Wohnung gemielhet. Das EmpfangSzunmer wurde nach Helenen's Anordnungen eingerichtet. Aus Nosenbosquetten, welche in riesigen Porcellanvasen aufgestellt wurden, waren Alleen im Saale zu Slande gebracht» worden, an den Wänden hingen kostbare Gemälde von französischen Lairdschaftsiilalern und einige herrliche Illustrationen zu Dante's „Comödien". Die Möbelstücke für dieses Zimmer hatte man aus einer der ersten Pariser Fabriken bestellt, die Teppiche stellten, mit silberfarbener Wolle gewirkt, Scenen aus dem Kriege vor Tioja vor. Wenn man von draußen aus der kühlen Herbstluft in diesen glänzend beleuchteten Saal trat, dann war man wie geblendet durch die Farbenpracht, der man begegnete. Und doch fehlte etwas dem Ganzen, was nicht durch den raffinirtesten Luxus ersetzt werden konnte! Und doch machten alle diese Herrlichkeiten den Eindruck, als wenn sie im Auslagekasten eines Krämers zur Schau gestellt wären und nicht als ob sie zusammengehörten und dazu bestimmt wären, ein einziges Bild, wie aus einem Gusse darznstellen. Es war eben nicht diele Wärme vorhanden, die der Besitzer habe» muß, um jedem Gegenstand seinen Platz und seine Verwendung zur rechten Zeit anzuweisen. Mit den Gästen, welche diesen Salon aufsuchten, verhielt es sich ähnlich, wie mit seiner Einrichtung. Jeder war eine „Specialität", aber zusammen paffen wollten sic nicht recht. Da war ein Maler, eine nicht unbekannte Persönlichkeit in der Residenz, der alle seine Zeit, die er außer dem Atelier zubrachte, mit Erzählungen von seiner Reise nach Italien und Griechenland auszufüllen wußte. Was machte es, wenn mitunter ein Vorfall zehn und zwanzig Mal erzählt wurde? Es war eben die Erzählung eines Künstlers und der Schauplatz der Begebenheit waren die Abruzzen, oder irgend eine der meerumfloffenen griechischen Eilande, au die sich schon in der alten Zeit so viel Sagen knüpfte»! Einige Börsenmatadore, welche auch zu deu ständigen Gästen gehörten, lauschten den Erzählungen des romantischen Pinselbeherrschers mit jenem eigenthümlichen Lächeln zu, von dem es schwer ist zu sagen, was darin mehr ausgedrückt liegt: Skepsis oder Erstaunen. Ei» eifriger Anhänger und Bewunderer des Malers, war ein junger Musiker, der schon längst nach den sonnigen Gefilden des Arno und Tiber sich sehnte, um einmal nach der nebelgeschwängerten Waldesfinsterniß, iu welche ihn die Wagner'sche Musik geführt hatte, Luft und Licht zu schnappen. Er hörte unermüdlich zu und als der Maler zu Ende war, setzte er sich an's Clavier und ließ dann schwermüthige Weisen aus dem „Tannhäuser", „Lohengrin" oder „Siegfried" erbrausen. Das sollten die Abschiedslieder sein, dem Norden gesungen für lange Zeit. Jndcß fuhr der junge Musiker noch lange nicht nach dem Süden und Helene hatte noch vielmals Gelegenheit, mit ihm ä quatre mains zu spielen. Das war dem Dr. Anselm Maier nicht sehr lieb, denn der Musiker hatte ganz eigenthümliche blaue Augen, mit denen er Helenen so tief in's Herz zu schaue» schien, daß sie nicht einmal darüber verlegen war. Vielleicht gedachte er, wie die alten Minnesänger und Ritter, ehe er in die südliche Welt mit Eisenbahn zweiter Classe abfuhr, sich noch eine Herzensdame zu wählen, unter deren Zeichen er mit den sagenhaften Räubern in den Abruzzen und mit griechischen Piraten zu kämpfen hätte. Wie dem nun gewesen sein mochte, ’ so viel ist gewiß, daß Anselm eines Tages Helenen, als er ihr den Arm gereicht und sie die Allee entlang im Saale auf und ab begleitete, bittere Vorwürfe über ihre Unsicherheit und undeutliche Haltung im Verkehre mit dem Musiker machte. „Wie soll mich dieses anmaßende Benehmen dieses jungen Gecken nicht beleidigen? Und Sie schweigen dazu?" „So thun Sie doch nicht wiederum so aufgeregt. Sie haben eben kein Verständniß für Musik. Die Umgebung, in der Sie groß geworden — —" „War etwas aufrichtiger, als die Ihrige," unterbrach hier Anselm, „und wenn sic keine Musik verstand, so verstand sie Menschenherzen zu schätzen!" Helene machte eine abwehrende Bewegung. „Ich muß Ihnen überhaupt bemerken", sagte sie nach einer Weile, „daß in Ihrem Betragen, seit Sie hier in Wien sind, etwas aufdruigliches liegt, das mich schier zur Entrüstung bringt. Sie nehlnen Rechte in Anspruch, die ich Ihnen nicht eingeräumt habe. Ich schätzte und schätze Ihr tiefes Wissen, ihren sonst klaren Geist, Ihre merkwürdige Leichtigkeit, sich de» Verhältnissen anzupassen, aber ich muß Ihnen eine Grenze stecken, wenn Sie in meiner Freundschaft für Sie eine Garantie erblicken, mir ohne weiters Mißachtung zu bezeugen. Meinen Lehrmeistern, Gouvernanten und all dem Mentorgeschlechte, das um mich war, hat mein Vater schon vor Jahren den Abschied ertheilt. Sie kommen etwas zu spät! Wenn Sie aber um jeden Preis irgend ein Anrecht erwerben wollen, mich Hofmeistern zu dürfen, dann wenden Sie sich nur ail meinen Papa! —" Anselm überlief es kalt bei diesen Worten. . erstarrte unbeweglich in den Saal. Fast glaubte er zu träumen, aber die schwarzen Fräcke und weißen Halsbinden, die rauschenden seidenen Toiletten der Damen, brachten ihn zu sich. Er erinnerte sich, wo er war. „Nein, mein Fräulein", erwiderte er, „es lüstet mich nicht nach diesem Rechte! Ich habe mich in einem beklagenswcrthen Jrrthume befunden. Ich dachte, daß der Mann, dem Sie das 9techt gäbe«, Ihnen nach Wien zu folgen, auch sich herausnehmen dürfe, einen naseweisen Jungen aus Ihrer Gesellschaft zu verdrängen . . . Jndeß ich bin heute vielleicht etwas zu aufgeregt und kann die Vcrhältniffe nicht objectiv genug auseinanderhalten. Also behalten wir es für's nächste Mal. Adieu." Und er wandte sich um. „Aber um Gottes Willen, was thun Sie", hielt ihn Helene zurück. „Aller Augen im Saale sind auf uns gerichtet. Schon wittert man Skandal. Wenn Sie so fortlaufen — überliefern Sie mich den Zähnen —--" „Ihrer Umgebung, die sich auf Musik versteht!" ergänzte Anselm bitter. , ,

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