Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 10 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Selbst-Emancipation! Seite 9 Horanzeige. In nächster Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung von belletristischen Arbeiten des verewigten großen hebräischen Nationaldichters in sinngetreuer, formvollendeter deutscher Uebersetzung. Wir glauben, dadurch dem jüdischen Nationalsinne unserer geehrten Leser und Leserinnen zu entsprechen indem wir mit diesen Publicationen den Zweck veifolgen, dem Genie Smolensky's auch in der Weltliteratur den ihm gebührenden ersten Platz zu verschaffen. Die Redaetion. Roman von Irmllln HulArlllMitlrh Rehe mia Berne r. (Schluß.) Nach rilliger Zeit brtrat auch Benjamin, der nach Hause gekommen, gehört hatte, sein Vater sei bei den Hartlys, deren Wohnung. Natürlich war auch er nicht wenig erstaunt über diese skltsamen Eröffnungen. Es war die erste Freude, die er suhlte, seitdem Betty das Urtheil über ihn gesprochen hatte und diese Freude war eine unsäglich große, denn er hatte ein theilnahmsvolles Schwesterherz gesunden. — — — — — — — — — Der Banquier Rafaelowitsch versuchte gar nicht, die öffentliche Anerkennung Rachel's als seiner Tochter dnrchzusetzen; ihm genügte» ja die gelieferten Beweise und seine innere Ueberzeugnng. Rachel aber documentirte ihre vollständige Rückkehr zu dem Stamme, dem sie entsproflen, dadurch, daß sie zum Gotte ihrer Väter beten lernte und öffentlich zum Glauben ihres Simsou übertrat. Diesen hatte die unternommene Eiithüllnugsreise nicht, wie er gedacht hatte, in verschiedene Länder geführt; es war ihm Alles leicht gegangen. Aber allch jetzt, im Glücke, vergaß er nicht der hohen Lebensaufgabe, die er sich gestellt hatte, gedachte er seines Volkes und dessen Zukunft. Mitten im strengen Winter reiste er nach Deutschland, Rußland und Rumänien zu den Freunden der nationalen Sache, um dort seine Erfahrungen mitzutt,eilen und Rath einzuholen. Er brachte die besten Eindrücke von dieser Fahrt mit. Hoffnungsvoller noch, als er von Wien fortgeganzen war, kehrte er im Frühjahre dahin zurück. Hier hatte der alte Rafaelowitsch glückliche Tage verlebt. Er lernte seine Tochter immer mehr kennen und je mehr sich ihr unvergleichlich großer Charakter vor seinen Augen erschloß, desto stärker wurde seine Bewunderung für sie, seine Liebe zu ihr. Auch ein anderes freudiges Ereigniß hatte sich während Simson's Abwesenheit im Hause des Banquiers zugetragen : Anna war mit dem jungen Klatt, dem faden Complimentenmacher, verlobt worden; die materiellen Vortheile dieser Partie ließen sie die Qualität ihres Bräutigams sowie den ungeheuren Aerger vergessen, den die plötzlich ihr zu Theil gewordene Schwesterschaft Rachels verursacht hatte. Kaum war Simfon wieder in Wien, als er schon Anstalten traf, in das geliebte Ahnenland abzureisen, diesmal mit seiner theuren Rachel, die er sich auf heiligem Boden antrauen lasten wollte. Jacques Rafaelowitsch war über die bevorstehende Trennung von seiner kaum wiedergefnndenen Tochter untröstlich; er erschauerte bei dem Gedanken, daß er sie vielleicht nie wieder sehen würde. Da faßte er einen Entschluß. Was fesselte ihn eigentlich noch an Europa? Anna war versorgt und Benjamin, der bereits am Ende seiner Studienzeit stand, würde ja gerne nach dem fernen Jordanlande gehen. Das Geschäft hatte sich im Laufe des Winters wieder so gehoben, daß der Banquier eine nette Summe wieder sein Eigen nennen konnte; für seinen Unterhalt brauchte er also nicht gar sehr besorgt zu sein; im schlimmsten Falle würde er bei seiner Rüstigkeit auch dort noch ein Feld sinden, auf dem er erfolgreich arbeiten könnte. So dachte Jacques Rafaelowitsch und unterrichtete zuerst seinen Sohn von dem Plane der Uebersiedlung nach Palästina, den dieser mit lebhafter Freude anhörte. Das war es ja, was Benjamin Noch that, eine neue Welt sehen, ein neues Leben beginnen, in einer anderen Luft als Betty athmen. Begreiflicherweise war diese Wendung auch für Rachel und Simsou eine angenehme Ueberraschung. — — Es war ein wunderschöner Märztag, als der Banquieur mit seiner Tochter Rachel, seinem Sohne und seinem Neffen sein Haus verließ, um in sein Geburtsland zurückzukehren. Anna, seit einer Woche Frau Klatt, weinte einige Pflichtthränen. der Banquier hingegen war sichtlich bewegt; war es doch sein Kind, wenn auch ein schlecht geartetes und wenig gelittenes, von dem er Abschied nahm. Rührend war das Scheiden Harrys, der nach dem Norden in sein Vaterland ging, von Rachel, die dem Anserwählten ihres Herzens nach dem Süden folgte. Der Wagen mit den Abreisenden rollte dem Wiener Südbahnhofe zu; ihm folgte ein zweiter, in welchem Anna, ihr Mann und Harry saßen, die den Abreisenden noch das Geleite bis zur Bahn gaben. Die beiden Wagen hatten sich noch nicht weit vom Hause des Banquiers entfernt, als sie an einem Straßeukreuzungspnnkte plötzlich durch eine lange Wagenreihe in ihrem Laufe gehindert, stille stehen mußten. Benjamin stieß einen leisen Schrei aus; sein Haupt sank wie müde auf die Brust herab. Es war eine Hochzeitsgesellschaft, die an ihnen vorbeigefahren war und die Braut, die nach kaum einer Stunde eine junge Frau sein sollte, war — Betty Marrlyk. Auch die anderen Jirsassen des Wagens hatten die bittere Pein dieser Begegnung mitgefühlt; sie schwiegen, weil sie nichts zu reden wußten. Nur Simson verlor auch hier seinen Gleichmuth nicht. Sanft legte er seine kräftige Hand auf Benjamin's Schulter und flüsterte demselben, sich zu ihm hinneigend, in's Ohr: „Sei ein Mann, Benjamin!" Wie schon einst, so wirkte auch jetzt der Klang von Simson's Stimme auf Benjamin. Er hob seinen Kopf und sandte noch einen unendlich schmerzvollen Blick der davoneileuden Wagenreihe nach. Dann aber beruhigte sich sein Mienenspiel und ein Zug von Entschlostenheit legte sich um seinen Mund; er ähnelte jetzt sehr seinem Cousin. Benjamin war in einem Augenblicke für den weitereil Lebenskampf gestählt worden. Bon jetzt an wird er nicht mehr mit verzehrender Hast, sondern mit mannhafter Ruhe für den jüdischen Nationalgedanken thätig sein. — — — —