Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 10 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Selbst-Emancipation! Seite 11 Während sie so standen und sprachen, betrat mit sichtlicher Hast ein Mann den Saal. Er gehörte augenscheinlich der Geschäftswelt an, war mit einiger Nachlässigkeit gekleidet und trug ein stark aufgeregtes Wesen zur Schau. „Ich bringe eine schöne Neuigkeit", Hub der Augekommeue an. „Was ist?" riefen mehrere Stimmen dazwischen und der Maler blieb in seiner Erzählung beim Engpässe von Termophylä stehen und der Muficus verstummte in seinen nach der Tonleiter steigenden Ah- und Oh-Ausrufen als er eben glücklich unweit des hohen 0 angelangt war. „Was ist?" frug jetzt auch Helene, die am Arme Anselms, als wenn zwischen beiden nichts vorgefalleu wäre, munter wie ein Kind herbeikam. „Gar nichts . . ." begann der etwas behäbige Mann . . . „es sind blos Judenkrawalle in Rußland ausgebrochen!" „Judenkra .... walle", intonirte die Scala fortsetzend der Musicus. „Unerhört!" kritisirte der Maler, der einzige Christ der Gesellschaft „so was kommt in Sicilien, in Morea und allen diesen gesegneten Ländern nie vor." „Am Nordpol auch nicht", bemerkte Anselm „weil es unter den weißen Bären weder Juden noch Christen gibt." „Wahrhaft schrecklich" ergänzte der Allgekommene seinen Bericht, „es ist Blut geflossen. Laut Depeschen aus Kiew fliehen tausend jüdischer Bewohner nach der österreichischen Grenze oder nach den westlicher Gouvernements. Die Armen verlieren ihr mühselig erworbenes Gut . . sie lassen ihr Habe den wilden Plünderern schutzlos preisgegeben." „Das sind ja russische Juden", beiilerktc Fräulein Helene, „die haben ja nichts mit uns gemein! Das sind Leute, die vielleicht kein besseres Schicksal verdienen. Sie wollen nicht arbeiten . . betrügen das russische Volk! Das sind dann natürliche Folgen!" „Natürliche Folgen!" begleitete der Musicus, „wollen nichts arbeiten, betrügen das Volk", Anselm bebte am .ganzen Leibe. „Sie, mein junger Herr! Waren Sie je in Rußland?" fuhr er ziemlich barsch den kaum ausgewachsenen Musikkünstler an. „Ich in Rußland? Gott bewahre! Was sollte ich in Rußland thun? Dort ist keine Wagnerische Musik! In seinem neuesten Werke hat eben Herr Professor ..." „Was Professor! . . Ich frage Sie nun, was verleiht Ihnen das Recht über Ihre Stammesgenoffen in Rußland, die Sie nicht kennen, abzuurtheilen? Haben Sie denn wirklich außer den Ohren keinen einzigen Sinn mehr?" Helene schaute verlegen bald auf den Musicus bald auf Anselm. Dieser aber fuhr ruhig fort: „Ich selbst habe als Kind und Jüngling meine Zeit unter jenen „arbeitsscheu" verschrieenen Orthodoxen verlebt, gegen die Ihr die Anklage zu erheben Euch nicht schämt, daß sie durch Betrug und Ausnützung des um sie wohnenden Volksstammes ihr Leben fristen! Ich frage Euch wer von Euch arbeitet so viel wie der arme jüdische Getreidehändler, der Scheffelweise dem Bauern sein Korn abnimmt und es dann zu Markte trägt, um so einen Handel möglich zu machen, der ohne ihn nicht denkbar ist, oder wie der jüdische Haüsirer, der alte Lumpen zusammenkauft und dann mit Ameisenfleiß jedes kleinste Stück vor dem cndgiltigen Verderben rettet . . oder . . . doch, wozu die Reihe ins Endlose fortsetzeir? Ihr bleibt ja dennoch bei Euerer Ueberzeugung! Wer nicht Wagnei's Opern versteht, ist ein Müssiggängcr, nicht wahr?" „Aber Herr Doctor", begann Helene, „es war ja gar nicht so arg gemeint. Wir anerkennen ja das Unglück, aber wir müssen gerecht sein!" „Traurige Gerechtigkeit, wenn sie Gerechtigkeit wäre! Haltlose Selbstverachtung, wenn dies Urtheil jedes Grundes entbehrt!" „Jndeß würde es doch zu keinen Excessen kommen", meinten jetzt unisono Helenens Vater, Helene, der Musicus und der Angekommene, „wenn die Juden das Volk nicht durch ihr Verhalten reizten." „Der Stimmenmehrheit muß ich weichen", sagte bitter Anselm, aber mir ist jener Brutus odios, welcher seinen Sohn dem Staate opferte, um wie mehr muß ich vor Anschauungen zurückschaudern, die ein Todesurtheil unseres ganzen Stammes unterfertigen." Er sprach noch eine Weile über ganz gleichgiltige Dinge, wobei er Helenen nicht die geringste Aufmerksamkeit erwies — dann empfahl er sich höflich und ging fort. —■ Er nahm seinen Weg nach Mirjam's Wohnung. (Schluß folgt.) Miscelten. (l.sg b'Omsr in Jerusalem.) Der Lag b’Omer ist für die Juden in Jerusalem ein wahrhaft nationaler Fest, tag. Es gibt kaum eine jüdische Familie, welche nicht an diesem Tage das Grab Simon des Gerechten besucht. Außerdem wird dieser Tag von den dortigen Inden auch durch Musik, Tanz, Essen und Trinken gefeiert. Interessant ist es, daß auch Nichtjuden an diesem F.'ste tgeilnehmen. Ueberall sieht man türkische und christliche Familien unter den jüdischen verstrellt. Die Juden des heiligen Landes theilen sich in spagnoliiche, deutsche, marrokaiusche, ungarische chaffidische u. s. w. Draußen aber am Grabe Simon des Gerechten schwindet jeder Unterschied, da f ü h l e » s i ch alle Juden eins. (Wiener Jsr.) (Ein Modell des Tempelberges in Jerusalem.) Banrath Schick, als junger Mann bereits im Dienste der sogenannten Pilgerinission von Basel nach Jerusalem gesandt, hat Modelle der verschiedenen historijchrn Baulichkeiten Jerusalems angelegt, welche Berühmtheit erlangt haben. Das bedeutendste aber ist sein jüngst vollendetes großes Modell vom Tempelberge, worin öas Studium eines ganzen Lebens niedergelegt ist. Das Modell ist in Holz ausgeführt. Der Tempetberg hat Vaoo der natürlichen Größe und auf diesem der Natur in treuester Weise uachgebildeten Baugrund werden nun der Reihe nach die Terassenmauern, Substructionen, Auffüllungen,. sowie die in sich wieder zerlegbaren Gebäude aufgesetzt, wie sie mit möglichster Wahrscheinlichkeit vou den Zeiten Salomo's bis auf unsere Tage bestanden haben. (Juden in Italien.) Nach einer veröffentlichten Zusammenstellung der Direction des statistischen Centralbureaus in Rom belief sich nach der Zählung vom 1. Jänner 1832 die Zahl der Juden in Italien auf 36.298 bei einer gesammten Einwohnerzahl von 28,459.628. Am meisten Juden zählt Piemont 7543, Toskana 7300, Provinz Rom 6210, die Emilia 5094, Benetien 4098, Lombardei 2819, die Marken 2265. Ligurien 563, Campanien 300, Umbrien 103, Apulien 9. Die Abruzzen, Basilicata, Calabcien, Sicilien und Sardinien haben keine jüdischen Bewohner. Die großen Städte der Halbinsel besitzen fast alle eine jüdische Gemeinde. Die jüdische Gemeinde zu Rom zählt 6200 Mitglieder. (Die Jude» des Kaukasus.) Wir entnehmen dem „Lavlras": Im Norden des Kaukasus wohnen Inden, die Tag» Tschofot genannt werden. Sie stammen aus Persien, wo ihre Vorfahren im fünfzehnten Jahrhundert wegen starker Verfolgung auswanderten. Handel und Äckerball betreibend, gelangten sie bald zn Wohlstand. Als die Russen