Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 10 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Selbst-E mancipatio,,! - Nr. 10 Stimmenverhältnisses bei der Wahl im Wiener Bezirke Leopoldstadt, das wir unseren Lesern nicht voreuthalten können, weil es die traurige Lage, in der wir trotz alles Assimilatioickdusels — oder vielleicht eben deswegen — uns befinden, veranschaulicht. Es bekam in dem genannten Bezirke, wie bekannt, Eduard Sueß, der liberale Candidat, 2600 Stimmen. Wenn man nun bedenkt, daß in der Leopoldstadt 1700 jüdische Wähler sind, welche Mann für Nt a n n (so schreibt der „Oest. Volkssr." und wir müssen es zum Lobe der jüdischen Wähler bestätigen) für Sueß stimmten, so entfallen nur 900 Stimmen auf christliche Wähler des Professors Sueß. Nun gibt es in der Leopoldsladt 5000 christliche Wähler, es sind also nur 900 „Judeuknechte", wie sich der „Volksfreund" ausdrückt, unter den christlich-arischen Wählern der Leopoldstadt zu finden, und unter diesen 900 — so hebt der „Volksfreund" mit gewissem Rechte hervor — wird eine erkleckliche Anzahl wieder nur aus geschäftlicher Furcht dem judenfreundlichen Candidaten die Stimme gegeben haben. Sapienti sat. — Im klebrigen schlägt der „Oesterreichische Volksfreund", als Organ der „internationalen" Antisemiten, plötzlich wieder einen sehr versöhnlichen Ton gegenüber den „deutschnationalen" Antisemiten an. Das wäre leicht erklärlich, wenn Ritter von Schönerer, das Haupt der Letzteren, sich wirklich herbeigelasscu hat, wie die Tagesblätter melden und was er selbst bestreitet, am Wahltage Arm in Arm mit dem Candidaten Mechanikus Schneider im Leopoldstädtcr Hauptquartiere der Antisemiten, im Riepl'schcn Gasthause, vor welchem der edle Sport des Cylindereiutreibens und Judendurchprügelus gepflegt wurde, zu erscheinen. Jedenfalls wäre er dort nothwendig gewesen, um dem antisemitischen Agitator Hollomay, der sich vom jüdischen Juwelier Groß, als dieser angegriffen wurde, auf gut semitisch durchbläuen lassen mußte, sein Beileid auszudrücken. (Ueber den Ausgang der Wahlen in Wien) frohlockt die Berliner „Neue Preußische Kreuzzeiturlg"; sie schließt ihre diesfällige Betrachtung mit den Worten: „Ich (der Correspondent) betrachte den gestrigen Tag als einen wichtigen für die Emancipation des christlichen Volkes aus der judenliberalen Herrschaft." Judenliberal ist assimilatorisch. Auch die Juden sollten sich endlich einmal von den „Judenliberalen" emancipiren; wir sind überzeugt, daß es dann bester würde, denn der nationale Jude mischt sich nicht in fremder Leute Angelegenheiten und die Quelle des Antisemitismus wäre also verstopft. (Der Gemeinderath) von Baden bei Wien hat in öffentlicher Sitzung dem neugewähltin Abgeordneten dieser Stadt, den antisemitischen Professor Fiegl mit einem Mißtrauensvotum bedacht und zugleich seinem durchgefallenen Gegencandidaten Profestor Dr. Lustkandl zum Ehrenbürger der Stadt- Baden ernannt. Wir nehmen an, daß diese Documentirung ihrer Judenfreundlichkeit den Badner Stadt- Vätern vom Herzen komme und nicht etwa blos der Erwägung entspringe, daß die Sommersaison da sei und die nach Tausenden'eintreffenden jüdischen Curgäste aus Wien nicht vericheucht werden dürfen. Aber trotz dieser toleranten Gesinnung des Badner Gemeinderathes bleibt leider die Thatsache wahr, daß fast zwei Drittel der Wähler antisemitisch stimmten. (Rumänisch.) Wir lesen in der „Drohob. Handelszeitung" über die schmähliche Behandlung, welche die jüdische» Gymnasialschüler in Plojcsti (Rumänien) von Seiten der christlichen Mitschüler zu erfahren haben. So müsse» sich z. B. die Erstercn von den Letzteren das Recht, zu sitze», erkaufen. Es werden'Anweisungen, „gut auf eine halbe Stunde" ausgestellt und nach Verlauf dieser Zeit muß der Betreffende entweder sofort ausstehe» oder neuerdings für das Sitzrecht bezahlen. Die-Schulbehörden verhalten sich vollkommen gleichgiltig- . diesem Treiben der vielversprechenden neu - römischen Schlingel gegenüber. Rumänische Astimilationsjuden, was sagt Ihr dazu? (Prozeß Ritter.) Zweimal wurden die Eheleute Ritter, einmal vom Rzeszowcr, dann wieder vom Krakauer Schwurgerichte zum Tode verurtheilt und beide Male wurde dieses Urtheil vom Wiener Cassations-Gerichtshofe aufgehoben und eine Ergänzung der Verhandlung angeordnet. Zuletzt nahm der Krakauer Gerichtsrath Lnbaczek die Ergänzung der Gerichtsacten vor und soeben arbeitet der Staatsanwalt Lazinski die neue Anklageschrift aus. Die neue Verhandlung wird im September in Krakau stattfinden. (Aus Rußland) kommt die Meldung, daß dort die Errichtung von Handelskammern nach französischem Muster, aber mitAusschluß der jüdischen Kansleute bevorstche. — Ferner sollen die Juden vom Militärdienste befreit werden, dagegen eine Kopfsteuer zu zahlen habe». Diese Erniedrigung empfiehlt der „Oest. Volksfr." auch der österreichischen Regierung. Das fehlte uns noch. (Assimilatiousphrasen.) Ein Pröbchen dieser Spccies aus der ungarischen Probepredigt des Dr. Ater. Rosenberg in Arad, wie wir sie in deutscher Uebersetzung im „Ungar. Israelit" lesen: ... „Immer und immer lege er (der Rabbiner), dem ilngarischen Juden ans Herz, daß er blos hier in d e r S y n a g o g e, auf dem Gebiete des Glaubens ein braver, aufrichtig fühlender Jude sei, d r a u ß e n j e d o ch auf dem Felde bürgerlicher Thätigkeit sei er vom Scheitel bis zur Sohle M a g y a r e. Ungar, er fühle ungarisch, er denke ungarisch, er spreche ungarisch, ungarischkämpfe und.opfere er für König und Vaterland. Jener Glaube von der Ankunft des Messias, will nicht besagen, das verkünde tapfer und offen der Rabbiner, sowohl den befangenen Gläubigen, wie den verleumderischen Feinden gegenüber — daß wir aufbauen zwischen Jerusalems engen Mauern den Zionstempel mit seinen Opferaltären, sondern daß in den großen Zeiten der Welterlösung die ganze Erde ein Jerusalem sein werde, daß alle Nationen in allen Zungen anbeten werden den unsichtbaren reingeistigen Gott ..." — Herr Doctor Roscnberg erkennt also gewissermaßen einen Gegensatz zwischen „Jude" und „Magyare" au und empfiehlt nur eine Art ökonomischer Zweitheilung. Hier in der Synagoge Jude, draußen jedoch Magyar. Recht schlau, Herr Doctor. Rur denken wir anders: Wir unsererseits glauben, daß wir Juden jüdisch für König und Vaterland kämpfen und opfern sollen, denn „jüdisch" ist doch mindestens ebenso aufrichtig und wahr als „magyarisch." Und wenn der Herr Doctor in so herzhebender, kosmopolitischer Schwärmerei von den „großen Zeiten der Welterlösung" spricht, die ganze zukünftige Erde als „ein Jerusalem" betrachtet, so vereinigt sich diese über Zeit und Raum so erhabene Dcnhweise des ehrwürdigen Herrn Doctor ja ganz und gar nicht mit seiner national-ungarischen Engherzigkeit und dre Mauern Budapests oder Arads haben doch vor denen Jerusalems nichts voraus. Gerade innerhalb der letzteren dürfte mehr für die G es amm t me ns ch h eit geleistet worden sein, als innerhalb ver ersteren. Dazu aber, daß einst alle Nationen in allen Zungen anbeten sollen den unsichtbaren reingeistigen Gott, wird ein mächtiges, national organisirtes Israel mehr beitragen können, als das verachtet-, verhöhnte jüdische Krüppelvolk der Gegenwart. (Hofprediger Stöcker) har gegen Bäcker, den Redacteur der in Berlin erscheinenden „Freien Zeitung" wegen eines in. diesem Blatte erschienenen Artikels „Hofprediger, ReichstagS-Candidat und — Lügner", eine Ehrenbeleidigungsklage angestrengt. Der Proceß hielt nun in der vergangenen Woche ganz Berlin in Athen,, indem der Vertheidiger während der Verhandlung gegen den Ankläger Stöcker den Vorwurf des Meineids erhob. Dieser hat nämlich früher einmal eidlich ausgesagt, daß er den Socialisten Ewald