Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 10 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10. Selbst-E mancipatio»! Man nenne uns irgend einen Wahlbezirk der Monarchie, wo d e r Grad von Widerstandskraft, Ueberzeugungsmuth, entwickeltem Bürgersinn. politischer Regsamkeit zu Tage getreten wäre, wie ihn die jüdischen Wähler von Kolomea verriethen! Man zeige uns noch eine Stadt im österr. Kaiser staate, wo neunzig Percent der wahlberechtigten Bürger sich an der Wahlurne eingefunden hätten! Man sage uns, ob es noch irgendwo möglich gewesen wäre, daß mehr als die Hälfte der Wähler und darunter viele, sehr viele Mittellose, so vielen und mannigfachen Drohungen, Verlockungen und Versuchungen Stand gehalten hätte. Die 17 Stimmen, die Herrn Dr. Bloch zum Sieger machten, sind, an und für sich betrachtet, eine winzige Majorität, aber sie wachsen zu einer enormen Zahl heran, wenn man überlegt, was es seine Gegner gekostet hat, um die Minderheit so groß zu machen. Die Juden des Wahlkreises Kolomea-Buczacz-Snyatin und namentlich Kolomeas haben de» 9. Juni d. I. zu einem Ehrentag des ganzen jüdischen Volkes gemacht, sie haben uns in unseren Bestrebungen mit neuen Hoffnungen erfüllt, denn sie zeigten uns, wie weit der Unabhängigkeitssinn beim hebräischen Stamme ausgcbildet ist. Ein Volk mit dieser Willensstärke ist nicht schlecht, Ihr Herren A n t i s e m i t e n, ist nicht altersschwach, Ihr Herren Affimilanten! Dr. Bloch ist der erste nicht-assimilatorische Jude imösterreichischen Parlamente, der erste jüdische Reichsrathsabgeordnete, der Erste, der dem jüdischen Nationalgedanken ungemein nahegekomme» ist, von welchem er sich auch hoffentlich nicht mehr entfernen wird. Und weil Dr. Bloch solche Gesinnungen hat, so war er den guten Affimilatoren lästig und sie wollten sich seiner entledig»». Doch es gelang nicht; sie hatten eben auf die jüdische Unbeugsamkeit vergeffen, mit der man nicht so bald sich abfinden kann. Die Affimilatoren haben durch die Wahl-Niederlage des Lemberger Advokaten Dr. Byk eine fürchterliche Schlappe erlitten, von der sie sich voraussichtlich nicht mehr erholen werden und die, wir erwarten es mit freudiger Gewißheit, der Anfang des Endes der Verschmelzungspartei ist. G () r o n i L (Die Wiederwahl des Dr. Bloch.) Bange Stunden waren es, welche die Freunde des Dr. Bloch am vergangenen Montag und Dienstag verbrachten. Die aus dem Wahlkreise eingelaufenen Berichte hatten von einer schonungslosen Agitation der Bykianer berichtet. Am 8. Juni um 4 Uhr Nachmittags lief das erste Telegramm in Wien ein; es sprach von einem für Doctor Bloch glänzenden Wahlfortgange. Zwei ebenfalls günstige Telegramme kamen in der Nacht vom 8. auf den 9- Juni. Die Morgenblätter des 9. Juni aber brachte» die Nachricht, daß die Wahl in Kolomea am 9. ihre Fortsetzung finden werde und Dr. Byk bessere Aussichten habe. Zugleich verliefen die Vor- und Nachmittagsstunden des 9. Juni, ohne daß eine Nachricht an die Gemalin Dr. Bloch's eingetroffen wäre, und die Mittagblätter erzählten von einem Vorsprung Dr. Byk's um 500 Stimmen in Buczacz und Sniaty». Bei solchem Stande der Dinge ließen die Anhänger Dr. Bloch's beinahe jede Hoffnung fahren. Da traf plötzlich um halb 8 Uhr Abends das Siegestelegramin ein. Einige Minuten später war durch die Güte der Frau Dr. Bloch bereits der Ausschuß des akademischen Vereines „Kadimah“ von dem Siege verständigt und begab sich, seine eben abgehaltene Sitzung unterbrechend, in die Wohnung der Frau Dr. Bloch, um derselben zur Wiederwahl ihres GemalS zu gratuliren. Unmittelbar darauf ging von Seiten des Vereines ein Glückwunsch-Telegramm an Dr. Bloch selbst ab. Dasselbe lautete: „Reichsraths-Abge,rdnetec Dr. Bloch. „Buczacz. Der akademische Verein „Kadimah“ ruft Euer „Ehrwürden, Ihre Wiederwahl als ein freudiaes Nalional- ..ereianiß für Gesammt-Jsrael betrachtend, ein donnerndes, „dreifaches Hoch zu. Für den Verein: Birnbaum, Präses." — Am selben Abend gingen auch noch viele andere Glückwunsch-Telegramme von Wien ab, darunter auch ein in polnischer Sprache abgefaßtes, von Studenten jüdischer Nationalität aus Galizien. — In Lemberg wußte man bereits um 4 Uhr Nachmittags von dem Siege Dr. Bloch's. Die Stimmung daselbst unmittelbar nach Eintreffen der freudigen Nachricht kann man am besten aus dem Inhalte zweier Telegramme beurtheilen, die an die Redaction der „Selbst-Emancipation!" einliefen. Sie lauten: Lemberg, 9. Juni, 6 Uhr Abends. Der Jubel der hiesigen Judenschaft ob des Sieges Bloch's ist unbeschreiblich. Bekannte und Freunde umarnien sich auf der Straße. Hunderte wollen iUuminiren. Der jüdischnationale Verein „Mikra Kodesch“ sandte sofort Beglückwünschungs-Telegramm. An die christlichen Verhelser zum Sieg«, Wisniowski und Szczepanowski, ließen eine Anzahl von Akademikern und Handelsbeflisfenen Danktelegramme abgehen. Lemberg, 9. Juni, 10 Uhr Abends. Hunderte von Juden finden sich am Bahnhöfe ein, um Dr. Bloch zu erwarten. Derselbe ist jedoch nicht angelangt. Unter „Hoch Bloch!" verläßt die Menge den Perron. Kolomea war es. das bei der Wahl den Ausschlag gab; hier stimmten von 1800 Wahlberechtigten 1628. Am zweiten Wahltage beteten fastende Frauen und Kinder auf den G-äbern um den Sieg Bloch's. In der Nacht vom 9. auf den lO. Juni mußte zur Ausrecbterhaltung der Ordnung Militär reqmrirt werden. Es wurden mehrere blinde Schüsse abgegeben. — Am 14. Juni langte Doctor Bloch ui Kolomea an und wurde von einer vieltausendköpfigen Menge aus Kolomea irnd den Nachbarstädten in's Hotel begleitet. Die Stadt ist voll unendlichen Jubels. Nur ein Act anwidernder Gemeinheit störte das schöne Fest, indem aus dem Fenster des Stationsvorstaildes Longchamps, eines Führers der Byk-Partei, heißes Wasser auf die Menge gegossen wurde. Eine Ruhestörung hat jedoch nicht stattgesunden. (Im neuen österreichischen Abgeordnetenhause) habeit die Antisemiten einen Zuwachs bekommen. Außer den von uns schon gemeldeten Siegen der Antisemiten Schönerer, Pattai und Fiegl ist noch der Sieg eines der fanatischesten Judenfeinde, Türk, in Jägerndorf (Schlesien) zrl verzeichnen; auch ist Gefahr vorhanden, daß der Wahlkreis des Abgeordneten Schöffel, der nach der Wahl resignirte, an einen Antisemiten verloren geht. Rechnet man zu diesen p er fecten Antisemiten noch die zwei halbantisemitische» Abgeordneten Pernerstorfer und Garnhaft, — als solche bezeichnet sie der „Oest. Volkssr." und der muß es ja genau wissen — fermr die sogenannten „Deutschen der schärferen Tonart" aus Böhmen, welche auch nicht gerade von Liebe zu den Juden triefen, sowie die religiösen Judenhaffer auf der Rechten a la Greuter und die stilleren Antisemiten der verschiedenen slavischen Nationalitäten, so hat man ohne große Mühe ein halbes Parlament beisammen und denkt man dann noch an die Millionen von Bürgern, die hinter diesen Abgeordnete» stehen, so muß man unwillkürlich lächeln über die Wiener jüdische Zeitschrift „Neuzeit", die vor einigen Wochen behauptete, der ganze Antisemitismus Oesterreichs beschränke sich aus zwei Männer, Schönerer und Fürnkranz. (Der „Oesterreichische Volksfreund",) das bekannte Organ der Wiener Reformpartei, gibt ein Bild des