Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 10 (17.6.1885)
- Date
- 1885-06-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Selbst-Em ancipatio Nr. 10 gehalt- und gestaltlosen Auffassung einiger von einer utopischen Wcltbürgerlichkeit träumender Phrasenritter. Das Bild dieser großen nationalen Zukunft ist es auch, das den Gründern dcS „Vereines jüdischer j u n g er M ä nn e r „Z u k u n ft" bei ihrem Unternehmen vorschwebte und sie bei der Namengebung leitete. Die Gründer des neuen Vereines verstehen die Vergangenheit unseres Stammes, täuschen sich nicht über seine jetzige Lage und diese richtige Erkenntniß giebt ihnen das Recht, an eine schönere Zukuust zu glauben, giebt ihnen den Muth, de» Kampf gegen die Gleichgiltigkeit, d,n Selbsthaß, die Selbstverachtung, den Selbstmord aufzunehmen. Durch die Bildung des Vereines „Zukunft" ist der Anfang einer neuen Epoche in dem Entwicklungsgänge der jüdischnationalen Idee bezeichnet, dadurch ist nämlich der heiligen Sache der Wieder, rweckung unseres Stammes der Weg in die weitesten Kreise des jüdischen Volkes in Oesterreich' Ungarn, sowie in Mittel-Europa überhaupt geöffnet. Dem Vereine „Zukunft" wird die hohe Aufgabe zufallen, die heute noch zum großen Theile unbekehrten, aber unbewußt nach dieser Bekehrung sich sehnenden, jüdischen Volksmaffen der deutschen und mittelslavischen Länder den Glauben an Israels Zukunft wiederzrlgeberi. Diesem echten Bruderbünde wird ein großer Theil des Verdienstes zuzumrffen sein, w enn auch hier zu Lande nicht blos darum gebetet, sondern auch darnach gestrebt werden wird, daß die Verjüngung Juda's eintrete dirn'bsrab b’jamenu — bald, noch in unseren Tagen. Israel und die Völker. Verschiedene Meinungen haben sich die Juden nach dem Ausgange der Wahlen über ihr Verhältniß zu den Völkern, unter denen sie wohnen, gebildet. Die antisemitischen Vorgänge suchten sie durch Mangel an Intelligenz zu erklären und behaupteten dies ganz kühn, obwohl auch Männer von Geist ihre heftigsten und erbittertsten Gegner waren. Ja, sogar in Wien, wo in einer Vorstadt einer der größten und intelligentesten Feinde des Judenthums, ein Pattai, in aller Ruhe durchdrang, und in der anderen die widerlichsten Scenen aus dem rohen Mittelalter sich abspielten, und wo es wirklich hauptsächlich nur durch die jüdischen Stimmen gelang, den antisemitischen Candidaten zu werfen, hatten jüdische Blätter den Miith, in die Sieaesposaune zu stoßen und die Niederlage des Antisemitismus zu constatiren. Hatten ja ihnen verwandte Organe schon früher der Welt jubelnd verkündet, daß selbst Schönerer, der Führer der Antisemiten, nach der Wahl zu den politisch Todten gehören würde, aber nicht nur, daß er mit imposanter Majorität durchdrang, gelang es ihm auch, Gesinnungsgenossen in anderen Bezirken durchzubringen. Was können die assimilatorischen Blätter an Entstellung der Thatsache» leisten, wenn selbst die heftigen Vorgänge in der Leopoldstadt, wo sic ein ganzes gegen sie aufgebrachtes Volk erblickten, das nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, um die ihnen verhaßten Fremden ohne Unterschied ihres politischen Glaubensdekenntniffes, zu unterdrücken und zu vernichten, ohne Eindruck auf sie geblieben sind? Kaum sind sie durch Waffengewalt den wüthenden Händen des Pöbels entriffen worden und schon wagen sie es, die Vortrefflichkeil ihrer Assimilationslehre zu preisen. Freilich haben sie „schlagende" Beweise darüber empfangen. Umso niederschmetternder ist leider das Scrutinium in der Leopoldstadt ausgefallen, wenn man bedenkt, welch' Zwerglein gerade in diesem Bezirke einem Professor Sueß gegeiiüberstand und daher so mancher intelligenter Mann sich scheute, für solch' einen politisch Unbedeutenden seiire Stimme in die Wags chale zu werfen. Dennoch mußte heiß und heftig gestritten weiden, denn der Sieg war nichts weniger als sicher. Frohlockend brüsten sich die czechisch-nationalcn Jude n mit ihrem auch von den Czechen gewählten Dr. Zucker, und nicht genug stolz können die germanische» Semiten auf die Wiederwahl einiger Stammesgenossen sein, aber nur auf die Kleinigkeit scheinen die Herren zu vergeffen, daß dies dort stattfand, wo der Nationalitätenkampf wüthet und man den sich als politisch klug und reif haltenden Juden nur als Mittel zum Zwecke braucht. Warum sind gerade in rein deutschen Bezirken antisemitische Candidaten durchgedrungen und warum haben sich die „judenfreundlichen" Czechen An Wien im 2. und im 10. Bezirke, wo sie einen ansehnlichen Theil der Bevölkerung bilden, für judeiifeindlicheDeputirte so stark begeistert und erwärmt? Wo es eine Nationalität aufzurichten gilt, werden die Juden als zur selben gehörig anerkannt; ist aber dieses Ziel erreicht, so hält sich der Arier für viel zu fürnehm, um mit dem gedrückten Semiten fernere Gemeinschaft zu haben. Was haben nur die Juden Alles für die Constituirung des magyarischen Reiches geleistet, und welchen Dank ernteten sie dafür? Wohl haben sie auch dort ihre Beschützer und Gönner, wer kann sagen — aus welchen Gründen? Es wäre doch schon einmal an der Zeit, daß die Nachkommen Jakob's sich nicht mehr zu Schleppträgern fremder Ideen herabwürdigen, sondern offen und muthig ihre Nationalität bekennen und für dieselbe arbeiten. Eine stetige, wenn auch winzige Leistung würde immer mehr heranwachsen, und endlich zum Ziele führen, wohingegen die falschen Wege immer den Sturz des mühsam aufgerichleten Gebäudes bewirken. So lange die Worte der falschen Profeten im Hause Juda Anklang finden, so lange kann kein Heil kommen. Zwar werden Blätter von der Gattung der „Ojczyzna“ gleich hungrigen Wölfen über uns herfallen, weil unser Blatt die nackte Wahrheit predigt, eine im Leben schlecht forthelfende Eigenschaft, welche unsere Gegner in ihrer berechnenden Manier schon längst abgestreifl haben; sie wird sich dennoch trotz der vielfachen Dämme und Bollwerke, welche unsere Feinde gegen sie errichtet haben, Bahn brechen, wie die Strahlen der ausgehenden Sonne durch die herrschende Finsterniß. L. K . . . . l. Volkswille. Jetzt können wir mit vollem Rechte den antisemitischen Lästerzungen, die unaufhörlich von der allgemeinen, sittlichen und geistigen Niedrigkeit der jüdischen Race zu erzählen wissen, zurufen: Lüge, Lüge, Lüge ist Alles, was Ihr von der Inferiorität unseres Stammes sagt! Jetzt sind wir vollends befugt, den assimilatorischen MeMmen, die unermüdlich alles Fremde als anbetungswürdig hinstellen, entgegenzudonnern: Schande, Schande, Schande ist Alles, was Ihr von uns verlangt! Durch Hinweis auf den endlichen Ausgang eines von der ganzen Judenschaft mit Spannung verfolgten Kampfes, auf den Wahlsieg des Dr. Bloch sind wir im Stande, Antisemiten und Assimilanten, diese beiden Todfeinde der israelitischen Volksehre, ad absurdum zu führen. Der Sieg Dr. Bloch's ist nicht nur ein Sieg des volksthümlichen Jndcnthums über den Assimilationstaumel, als den wir ihn vor Allem feiern, er ist auch ein Triumph der guten Bolksinstincte über die bösen, wie er großartiger nicht gedacht werden kann, ein ehrendes Zeugniß des jüdischen Nationalcharakters.