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Selbst-Emancipation · 1885-06-02 · Heft 9 (2.6.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 9 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Selbst-Emancipation! Nr. 9. „Gemach, lieber Onkel; Jsmene, oder Rachel, wie sie von nun an heißen soll, hat noch keine Ahnung von dem Geheimnisse ihrer Herkunft. Zuerst muß ihr Alles beigebracht werden und dann erst kann ich Euch zusammenbringen." „Thu' es rasch, mein Sohn; wie soll ich Dir nur danken für das, was Du an mir altem Manne gethan hast. Verlange, was Du willst, und ich will Deinem Wunsche Nachkommen." „Ach. Onkel, ich bin sehr schwer zu befriedigen." sagte Simson lächelnd. Jetzt eile ich, Dir Deine Tochter in die Arme zu führen, dann werde ich meinen Lohn verlangen." „Und Du sollst ihn erhalten; ich ahne bereits, worin er bestehen mag. Also hat Simson eine Besiegerin gesunden?" „Ja, aber eine edlere, als sein starker Namensbruder im Alterthume." Simson und James verließen des Zimmer des Banquiers, ihn seiner freudvollen Stimmung überlastend. IX. Als Simson Rafaelowitsch wieder die Wohnung der Hartlys betrat, traf er das Geschwisterpaar zu Hause, in dessen Gesellschaft. aber eine junge Dame, die er nicht kannte. Es erfolgte die Vorstellung: „Herr Dr. Simson Rafaclowitsch — Fräulein Betty Marrlyk." Der junge Arzt verneigte sich leicht und warf dann einen langen, prüfenden Blick auf das Mädchen; er begriff jetzt die Leidenschaft Benjamins. „Sie sind wohl der Cousin des Herrn Benjamin Rafaelowitsch, der zu den besten Freunden unseres Hauses gehört?" fragte Betty. „Zu dienen, mein Fräulein; ich gestehe, daß ich mir gewünscht habe, Sie kennen zu lernen und ich bin hocherfreut, Sie hier bei meinem Freunde und meiner Freundin zu finden. Welcher glückliche Zufall ließ sie mit einander bekannt werden, meine Damen?" „Das ist höchst einfach," antwortete Jsmene, „mein Bruder hat hier einen um einige Jahre älteren Freund, deffen Bekanntschaft er einmal in London machte. Sobald er ihn hier in Wien aufgesucht und gefunden hatte, erfuhr er von ihm, daß er verlobt sei. Die Verlobte dieses Herrn ist eben Fräulein Marrlyk. Selbstverständlich ist es nun auch dazu gekommen, daß Harry die Braut seines Freundes und ich Freund und Braut kennen lernte. Betty und ich haben uns übrigens in zwei Tagen lieben gelernt, nicht wahr?" Simson war durch diese im muntersten Tone gegebene Erklärung verstimmt worden, denn er dachte an Benjamin. Doch ohne etwas merken zu lassen, gratulirte er dem Fräulein Marrlyk. Nach einer halben Stunde erhob sich diese, um nach Hause zu gehen. Harry Hartly bot .ihr seine Begleitung an, die sie auch annahm. Simson und Jsmene blieben allein zurück. „Wie gefällt Ihnen meine neue Freundin, Herr Rafaelownsch?" „Ein schönes Mädchen in der That; doch konnte ich mich eines unangenehmem Gefühles in ihrer Gegenwart nicht erwehren, weil sie indirect an der Zerstörung eines Menschenglückes Schuld ist." „Was meinen Sie damit?" „Mein Cousin Benjamin liebt dieses Mädchen mit einer verzehrenden Gluth; er gestand es ihr, sie wies ihn zurück. Damals war ihr Herz noch frei, doch heute ist sie schon verlobt. So ist also jede Hoffnung für den armen Benjamin dahin." „Dahin!" seufzte Jsmene unwillkürlich, durch die Worte Simson's traurig gestimnit. Dieses „Dahin!" erinnerte Simson an den Zweck seines Besuches. „Sie haben das „Dahin" mit einer Betonung ausgesprochen, Fräulein Jsmene, als ob auch Sie die unendliche Hoffnungslosigkeit kennen würden, die in diesem Wörtchen liegt." Jsmene warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. durch den sich aber Simson in der Fortsetzung dieses Gespräches nicht beirren ließ. ■ „Auch ich kannte diese Hoffnungslosigkeit, Fräulein Jsmene," fuhr er fort, indem er das Wort „kannte" betonte. Flammende Röthe überzog das Antlitz des Mädchens. „Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie leise. „Ich kannte diese Hoffnungslosigkeit, aber ich k e il n e sie nicht mehr; mein Herz ist voll von Hoffnung," antwortete der junge Manu. Jsmene erhob sich und trat ans ihn zn. „Sie meinen wohl, das ist doch der Sinn Ihrer Worte, daß unsere Liebe nicht mehr hoffnungslos ist. Ich thue nicht gerne schüchtern. Wenn es wahr ist, was Sie mir andeuten, dann sagen Sie cs sofort, sagen Sie es als eine Botschaft, die zwei Menschen von größter Pein erlösen soll." Aus den großen, schwarzen, sonst so starren Augen Simson's leuchtete Bewunderung, Begeisterung und Glück. „So erkenne ich meine Jsmene!" rief er, dann begann er zu erzählen — rasch und lebhaft. Jsmene wußte nicht, wie ihr geschah, als sie diese Geschichte hörte. Der Mann, den sie bisher als Vater, die Frau, welche sie bisher als Mutter angesehen hatte, waren nicht ihre Eltern. Harry nicht ihr Bruder; die schöne geheimnißvolle „Sorele" die war ihre Mutter, der Banquier, e r war ihr Vater, Benjamin ihr Brnder, Simson ihr Cousin, ihr Volk war das jüdische. Sie war eine I ü d i n, sie gehörtedem Stamme an, den sie verehrte, dem sie sich gewidmet hatte, demselben Stamme, dessen Sohn er, der Geliebte, Angebete war, jetzt konnte sie die Seine werden. Das war es. was sie den Schmerz darüber, daß die Personen, die sie bis jetzt als die Nächststehenden betrachtet hatte, plötzlich aushörten, die Ihrigen zu sein, vergessen ließ. Mit den Worten „Wie glücklich bin ich" trat sie nochmals auf Simson zu und streckte ihm unter Thränen der Freude die Hand entgegen. Er aber zog das Mädchen an seine breite Mannesbrust und drückte einen heißen Kuß auf ihre Purpurlippcn. „Meine holde Rachel." „Mein starker Simson." Wie sie sich so umfangen hielten, öffnete sich die Thüre und an der Schwelle erschien — Vanquieur Rafaelowitsch. Simson ließ Rachel los, die dem glücklichen Vater um den Hals fiel und ihm die zärtlichsten Kosenamen gab. Für den alten Mann war die Aufregung zu viel. Ermattet sank er auf einen Sessel nieder. Rachel labte ihn. so daß er bald wieder zu sich kam und mit glücklichem Lächeln bald seine Tochter, bald seinen Neffen ansah. „Ei, ist es schön von Dir, Rachel" sagte er lächelnd, „daß Du früher den Cousin als den Vater nmarmtest? Zur Strafe dafür sollst Du Simson zum Manne bekommen und Du Simson, weil Du diese Pietätlosigkeit zuließest, sie zur Frau nehmen müssen." „Wir fügen uns ins Unvermeidliche" sagte Simson, Rachel wieder an sich ziehend. Wieder ward die Thüre geöffnet. Jetzt war es Harry, der ins Zimmer trat. Rachel eilte ihm stürmisch entgegen, sie hatte ihn küssen wollen, aber sie wich zurück, denn sie erinnerte sich, daß er ihr fremd geworden. Harry konnte sich den Empfang und die ganze Scenerie nicht erklären.

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