Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 9 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Selb st-Emancipation! Seite 11 Er wurde bald informit. Die merkwürdigen Enthüllungen verblüfften auch ihn, aber er faßte sich bald und fing sogar oii, die Sache recht lustig zu finden. „Du wirst also mein Schwager, Simson,— Pardon, Schwager darf ich doch nicht sagen — wie nennt man Dich jetzt? Und Du, mein Ex-Schwesterchen, meine Jsmene- Rachel, wenn die Dinge so stehen, dann mußt Du mir den Kuß geben, den Du mir schon beim Eintritte geben wolltest. Von so schönen Mädchen kriegt man das nicht alle Tage." Nach diesen Worten drückte er ihr einen herzhaften Kuß auf den Mund; in seinem Innern that cs ihm weh', ein solches Mädchen nicht mehr seine Schwester nennen zu dürfen. (Schluß folgt.) Gin GnrcrnoixLrtev. Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) Mirjam wollte ihm auf diese Weise seine Lage leicht -machen und ihm alle Hindernisse zu seinem vermeintlichen Glücke aus dem Wege räumen. Die arme! Sie rechnete dabei nicht mit ihren Kräften. Seit Anselms Abreise verfiel sie mehr und mehr und jetzt war sie nur ein Schatten der einstigen kräftigen Mtrjam. Jtzre Züge waren schärfer geworden, ihre Gesichtsfarbe bleich, ihr Äuge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. Die Lippen zuckten wie bei einer Fiebernden. Und dabei arbeitete sie — trotz der Bitten der Mutter und der Schwester mit doppeltem Eifer als in den schwersten Zeiten der Noth. Es war wohl wahr, daß sie in der Arbeit eine Zuflucht vor dem an ihr nagenden Kummer fand, aber dieser zehrte sie dennoch sichtlich auf. . . und die Anstrengung die sie die Arbeit kostete, ward nicht von der geringen Zerstreuung ausgewogen, die sie in ihr fand. So vereinigte sich alles, um ihre Gesundheit zu erschüttern. Als Anselm nach Wien kam, war sie schon krank. Sie lehnte bereits halbe Tage am Sopha, klagte über Kopfschmerz, Unverdaulichkeit und allgemeine Schwäche. Der herbeigeholte Arzt wußte keinen Nath; er empfahl blos Ruhe und Zerstreuung. Dte Nachricht von Anselms Ankunft rüttelte Mirjam auf. Sie verlangte mit aller Gewalt, gesund zu werden. Sie ließ sich Fleisch und Eier vorsctzen, trank Milch, nahm die vom Arzte verschriebenen Eisenpulver, machte große Spaziergänge, las Humoresken und wirklich gelang es ihr nach acht Tagen, sich scheinbar -vollkommen herzustellen. Sie bekam sogar eiuen etwas lebhafteren und freudigeren Gesichtsausdruck. Die Kopfschmerzen und die anderen Störungen schwanden ganz und mit Ruhe konnte sie nun Anselms Besuch erwarten. Er ließ zehn Tage auf sich .warten. Aber er kam endlich. Als er bei seinem Eintritte Mirjam erblickte, erschrack er vor ihrem bleichen, abgehärmten Gesichte und der verchängnißvollen fieberhaften Nöthe, die bei jeder geringsten Erregung, bei jeder »och so unbedeutenden Anstrengung ihre Wangen färbte. Mit einem Male ward er des schrecklichen Abgrundes gewahr, an desien Rand er Mirjam gebracht hatte. Aber es war ihm unmöglich, umzukehren. Und vielleicht war es auch schon zu spät. „Ich habe Dich lange erwartet" begann Mirjam nach den ersten Begrüßungen „und ich wußte, daß Du kommst." „Du erschreckst mich Mirjam! Warum so düster, Warum so verzagt?" „Täusche mich nicht Anschel: Ich weiß, Du bist nicht -schuld daran! Aber Du kamst, von mir Abschied zu nehmen und ich will ihn Dir nicht schwer machen. Denke Dir Mser ganzes Verhältniß ist ein schöner Traum gewesen, ^und wer will denn ewig träumen. Die Zeit, wo die Götter herabsteigen, Erdenweiber zu freuen, ist nicht mehr; Jedem das Seinige! Verzeihe, daß ich Dich nicht früher, viel früher aufmunterte. Da war Zeit und Gelegenheit mir und Dir viel Kümmerniß zu ersparen. „Aber Mirjam, beruhige Dich doch, Du bist krank, diese Aufregung wird Dich tödten!" „O nein, nein, das tödtet nicht. Ich war krank uud bin noch nicht ganz hergestellt. Auch mußt Du ermessen, daß wir armen Nähterinnen unter ganz anderen Bedingungen unser Leben fristen müssen als es Dir z. B. möglich ist." „Mirjam, das habe ich nicht verdient. Ich habe es ehrlich mit Dir gemeint — und ich bin Dir noch heute, wie einer Schwester gut, aber ich will Dich nicht betrügen; Du weißt ja alles: Du bist mir nicht mehr, was Du mir gewesen. Aber Du weißt es auch, daß mein ganzes Vermögen immer zu Deinem Gebote steht und Du begehst ein Verbrechen, wnin Du davon kernen Gebrauch machst," „Laß ab, auch wir dürfen unseren Stolz haben. Ich kann von Dir nichts nehmen und just das Gefühl einer gewissen Unabhängigkeit macht mir das Leben noch einigermaßen werth. Nimm mir nicht auch dieses Bewußtsein. Laß mich vielmehr dafür Sorge tragen, daß ich Dir langsam znrückerstatle, was ich von Dir in noch traurigeren Tagen, als es die jetzigen sind . . .für meine Schwester und meine Mutter genommen habe. Wenn Du mir ohne Widerrede diese Bitte gestattest, dann will ich von Dir ohne Gram wie von einem alten Freunde denken und nur mit Gefühlen innigen Dankes an Dich mich erinnern, wie Du mich in meiner Armuth aufsuchtest und Dein kleines Habe hingabst und alle Deine kleineir Bequemlichkeiten des Lebens opfertest, um unseren Mangel zu heben. O nein, glaube nicht, daß ich Dir welchen Groll nachtrage. . . o nein, ich werde Dir immer Dank schulden, aber laß mich auch nicht unter der Bürde dieses schuldigen Dankes zusammenbrcchcn. nimm meine Ersparnisse als kleine Abschlagszahlung für das mir so freundlich gewählte Darlehen. Anselm gierig im Zimmer auf und ab. Es ging ein Sturm durch seine Brust, als wenn sein Herz vor Weh ihm springen mußte. Man kann nicht lieben wollen . . . aber seine Ahnungen sagten ihm, daß er ' schweres Unrecht an Mirjam beging. Jndeß faßte er sich, er konnte ja nicht mehr zurück. Eine mußte er verlassen. So verließ er Mirjam. Ihren Gesundheitszustand erklärte er sich durch ihre Aufregungen, ihren Versicherungen, daß sie ruhig sich in ihr Geschick ergebe, schenkte er willig Gehör. Er redete sich Muth zu und sagte ziemlich entschlossen: „Mirjam, ich will Dir glauben, daß Du ruhig sein wirst und Deiner Ruhe willen, will ich auf die Zurückzahlung Deiner Schuld eingehen. Aber erstens mußt Du den Verrag in kleinen und weit von einander liegenden Raten zahlen, zweitens mußt Du nur versprechen, Laß Du Dich nie von Deinem leidigen Stolze wirst verleiten lassen, auf Kosten Deiner nothwendigen Bedürfnisse mich zu zahlen." „Ja, das verspreche ich Dir. Ja und noch mehr, ich will Dich rufen, wenn ich Deiner bedarf, denn ich weiß, daß Du mir nahe, sehr nahe stehst uud. . . Sie endigte nicht. Anselm wendete sich ab, um seine Rührung zu verbergen. „So soll ich nicht kommen, nur wenn Du mich rufst?" „Nur wenn ich Dich rufe, aber glaube mir, das wird bald geschehen!" Anselm schauderte zusammen. Unwillkürlich griff er nach Mirjams Hand, um ihren Puls zu untersuchen. Aber sie fieberte uicht, sie war ganz normal. (Fortsetzung folgt.)