Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 9 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Selb'st-Emancipation! Seite 9 Die heilige Sprache. Ein dumpfer Schmerz Durchwühlt mein Herz Und meine Zähren fließen; Mir glüht die Sttrn', Es brennt mein Hirn. Ich kann kein Auge schließen. Im feuchten Sand wühlt meine Hand, wühlt auf der Erde Lasten, Und Moderduft Entsteigt der Gruft; Ich faß' den Leichenkasten. Denn dieser Sarg verschloß so stark i Der heil'gen Sprache Wesen; Und Isra'ls Nam' ' Und Isra'.'s Stamm Mit ihr ward er vergessen. In trüber Aacht, 'ne höh're Macht Mich dränget aus der Kammer. Die Sternlein bleich Am Himmelreich, Sie härmt gewiß mein Jammer. Der Deckel knarrt, Mein Auge starrt, will schau'n, was birgt dies Bette; — Der Wahnsinn raubt Mein schweres Haupt-: Ich sehe ein Skelette. Du in den Höh'n,! © hör' mein Fleh'n,! Beleb' die Sprache wieder! I Erbarm' Dich schon Der Nation Und rett' die stummen Brüder l Rasch vor mir flieht Und mich nachzieht Des Irrlichts wild Gefunkel, Es führt mich fort Zum düstern Drt,; Zum grausen Friedhofsdunkel. — Und wo vorher Im Freudenmeer Der Spiegel strahlt der Seele, Ietzt schaurig hohl Und würmervoll Glotzt eine schwarze Höhle. — Und duld' nicht mehr, Daß falsche Lehr' Dein liebes Volk bethöret, 1 Das nun entzweit | Und ohn' Geleit Zu falschen Götzen schwöret. > Der Mond wirft fahl Den blaffen Strahl Auf kalte Leichensteine. Da liegt seitab Ein frisches Grab, Ich feh' es an und weine. Verzweiflung zerrt Mich hin zur Erd', Der Gram lähmt meine Glieder; Denn dieser Sarg, © Gott l er barg Die — Sprache meiner Brüder! Mög' Deine Hand Sie von dem Rand Der Selbftzerfleischung leiten. Auf daß pe dann Wohl Mann für Mann Bei Deiner Fahne streitenI; --——% jlintlmi HsiLsInNiIlr^. Roman von 4k e h c in i a Berner. (Fortsetzung.) „Mir wurde erzählt, daß nur die Tante Sorele an jenem Tage verunglückt sei; Rachel aber, Dein Töchterche», lei gerettet wvlden." Der Banquier sprang erregt von seinem Sessel auf. „Simson, Simson, was sagst Du? Du spielst ein leichtsinniges Spiel. Willst Du in meinem alten, zu Stein gewordenen Herzen eine Hoffnung wachrufen, die nie in Erfüllung gehen kann?^ Soll ich einem Phantom nachjagen und dann durch die.ungewöhnliche Aufregung und in Folge neuerlicher Enttäuschung zu Grunde gehen?" „Nichts von dem Allen, lieber Onkel; ich will, daß sich Deine Tage verjüngen, daß Du Dich wieder glücklich fühlen mögest, wie einst, als Deine erste Frau noch lebte. Kein Phantom ist's, das ich Dir vorführe und dem Du folgen sollst. Du brauchst nicht in ein ungewisses aufreibendes Suchen Dich einzulassen; Deine Tochter Rachel lebt bestimmt und sie ist gesunden; ich kann sie Dir jederzeit zuführen." Der Banquier stürzte auf seinen Neffen zu und faßte ungestüm seine Hand: „Ist es also wahr? Ich kann es nicht fassen. Gott, Gott, bin ich denn dieses Glückes Werth?" Simson ging zur Thüre hinaus und kam nach eini® gen Momenten mit einem Päckchen zurück, dessen Inhal* er vor dem Banquier entfaltete. „Kennst Du das Onkel?" Jacqnes Rafaclowitsch sah näher hin. „Das sind ja die Kleidchen meiner kleinen Rachel; ich erkenne noch den gestreiften Stoff, den ich ihr kaufte, als ich von Jerusalem nach Jaffa reiste. Simson laß' Dich umarmen, Du, der Du meine traurigen Tage wieder heiter gemacht hast. Kennst Du sie, Simson? Wie sieht sie aus? Gleicht sie meiner geliebten Sorele? Du kennst ja diese aus dem Bilde. . . . Gott, ich ahne, ich fange an, zu begreifen. Jsmene Hartly ist meine Tochter?" Simson nickte blos mit dem Kopfe. Freudenthränen entstürzten den Augen des alten Mailnes; er faltete die Hände und schickte ein heißes Dankgebet zum Himmel empor, der ihm' nach mehr als zwanzig Jahren seine geliebte, verloren geglaubte Tochter, die Tochter des angebeteten Weibes seiner Jugend zurückgegeben hatte. — „Erzähle mir, Simson, wieso alles geschehen ist, wie sie zu den Hartlys kam." Simson holte James, der im Vorzimmer wartete, und hieß ihn die ganze Geschichte wiederholen. Der Banquier hörte aufmerksam zu und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Nun jetzt zu ihr, oder bring' sie zu mir, mein Vaterherz erträgt längeres Warten nicht mehr."