Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 9 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092673-3092682--0110-3093038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Selbst - Em Patron.' Nr. 9. die jüdisch-natioualenBestrebungen als die einzig wahren erkannt und gewürdigt werden. Lichter wird es in den Köpfen der Wenigerleuchteten werden und wärmer in den Herzen der einzelnen Söhne Jacobs für einander und für die Gesammcheit. Larnnslsolui. Ghronik. (Dr. Bloch) hat alle Aussichten, wiedergewählt zu werde», so sehr sich auch dessen Gegner, die Leibgardisten des Herrn Dr. Byk (dieser, nicht, wie es in voriger Nummer irrthümlich hieß, Dr. Warschauer, wurde vom poln. Centr.-Wahl-C. ausgestellt) bemühen, ihrem Manne zu einem Mandate zu verhelfen. Es wird mit den unglaublichsten Mitteln gegen Dr. Bloch gekämpft. Seine Privatverhältniflc werden ausgebeutet, um gegen ihn lügenhafte Waffen zu schmieden, mit den infamsten Verdächtigungen wird gegen ihn gefochten. Dagegen wird Dr. Byk der Ultrapole — im Jahre 1873 noch Ultradeutscher — (übrigens hört man, um einen Ausdruck Karl Emil Franzos' zu gebrauchen ganz vernehmlich den Jordan sowohl durch feine deutschen, als auch polnischen Worte rauschen) bis in den Himmel erhoben. Nebst infamen Pamphleten gegen Dr. Bloch werden auch tausende von Lobeshymnen auf Dr. Byk, gedruckt und in Umlauf gesetzt. Es wird die Forderung aufgestellt, daß Männer gewählt werden müffen, die im Lande geboren sind und im Lande wohnen. Das Letztere ist nun bezüglich Dr. Bloch's nicht der Fall. Aber auch Dr. Wolski, der vor sechs Jahren von Lemberg gewählt wurde, hatte sein Domicck in Wien und doch scheuten sich die „Polen christlicher Religion" nicht, ihm ihre Stimmen zu geben. Freilich die „Polen christlicher Religion" werden noch von den „Polen mosaischer Religion" polnische Gesinnung lernen müssen. — Außer den Gegnern von der Couleur „Agudas Achim“ hat Herr Dr. Bloch auch noch die Gegnerschaft einiger Wühler zu ertragen, die sich „gesetzestreue Juden" nennen. Diese Herren, die als streng Orthodoxe von Wien aus agitireu, haben mit den kernigen geistes und charactergesunden Orthodoxen Galiziens gar nichts gemein. Weil sie in ihrer wahrhaft reactionären Dunkelmänne r-T e n d e n z sich eine Art Hilfe vom klerikalen polnischen Hochadel versprechen, liebäugeln diese „GesetzeLtreuen" mit dem Polenthum. (An die christlich-arische Wählerschaft) des 2. Bezirkes in Wien richtete ein Comit« von Wählern aller Stände einen Aufruf, worin zur Wahl des unfern Lesern jä wohl bekannten Mechanikus Ernest Schneider, Präsidenten des österr. Neformvereines, aufgefordert wird. 'An allen Straßenecken des zweiten Bezirkes Wiens, der Leopoldstadt, der „ersten Burg des Judenthums"» wie sie von den Antisemiten genannt wird, wo fast die Hälfte der Einwohner Juden sind, prangen die Wahlplakate für Schneider in allen Farben des Regenbogens. Zur Stunde, wo die geehrten Leser unser Blatt zu Gesichte bekommen, wird das Schicksal dieses Candidoten schon entschieden sein, vielleicht in dem ihm ungünstigen Sinne. Doch der Umstand schon daß er ziemliche Aussicht auf Erfolg hat und jedenfalls einer erklecklichen Minorität sicher sein kann, und daß es überhaupt so weit gekommeu ist, daß in Wien fünf (vier offene und ein verkappter) Antisemiten und von diesen einer sogar in der Leopoldstadt candidiren, kann jedem national gesinnten Juden Stoff zum Nachdenken geben. (Selbstmord eines Rabbiners.) In Philadelphia machte Dr. David Stern, früher Rabbiner in WilkeSbarr, Pennsylvanien seinem Leben durch eine Kugel ein Ende, nachdem es ihm mißlungen war, eine sogenannte „Sonntagögemeinde" in New-Iork zu gründen. Dr. David Stern, einer der weitestgehenden Reformer und Afsimilanten, hat auf sich das Recept angewandt, das die von ihm vertre- § Theorie dem ganzen jüdischen Stamme empfiehlt, g von ihm, lassen wir die Todten ruhen. (Aus Kiew) wird gemeldet, daß der dortige Obermeister mit größter Strenge die Ausweisung der ai'Oundischen, größtentheils österreichischen Juden durchführt. Nicht einmal die kürzeste Zeit zur Regelung der Privatverhältnisse wird den Ausgewiesenen bewilligt. (Verein zur Beförderung der Handwerke unter deu inländischen Israeliten.) Dieser seit dem Jahre 1885 in Wien bestehende Verein versendet soeben seinen Ausweis für das Jahr 1881. In diesem Jahre hat der Verein 752 jüdische Knaben versorgt und dieselben folgenden Handwerken zugcführt: Leichten Handwerken (Buchbinder, Handschuhmacher, Hutmacher, Korbflechter, Schneider, Schuster) 264; weniger leichten (Lederarbeiter, Riemer, Sattler) 243; schweren (Gelbgießer, Gärber,Kupferschmiede, Maschinenschlosser, Schmiede, Steinmetze) 179; Handwerke, wie Schriftsetzer, Goldarbeiter, Uhrmacher ivählten im ganzen 66. Der Verein zählt derzeit 516 ausschließlich in Wien wohnhafte Mitglieder, die 1884 zusammen 8035 fl. 5 kr. an Beiträgen geleistet haben. (Dem akademischen Vereine „Kadtmah“) wurde von Sir Moses Montrfiore der Betrag von 5 Pfund Sterling zur Verwendung zu Vereinszwecken übermittelt. Der Ausschuß ernannte den greifen Großen unseres Volkes, der bereits Ehrenmitglied des Vereines ist, im Sinne des §. 9 der Statuten auch zum Stifter desselben. (Bei dem Festeommerse) der Vereine deutscher Studenten in Wien sagte der Rechtshörer Fritz Druschba vom Vereine deutscher. Studenten aus Nordmähren im Verlaufe seiner Rede: Der Bund der vier deutsch-nationalen Studentenvereine Wiens beuge sich weder vor dem Krummstab. noch vor der krummen Ras e, noch vor der großen slavischen Nation. Vielleicht rührt diese freundliche Erwähnung unseres stammlichen TypuS manchen krummnasigen mährischen Juden, so daß er zur Einsicht gelangt und die geradenasigen Germanen nicht länger belästigt. (Aus Petersburg) wird genieldet, daß auch den ausgedienten jüdischen Soldaten, die bis jetzt überall in Rußland wohnen durften, in manchen Orten der Aufenthatt verboten werden soll. (Ju Finnland) wohnen nach der statistischen Aufnahme überhaupt nur 598 israelitische Familien; und zwar 400 in Helsingfors. 162 in Abo, 38 in Tamerrfors, 8 in TawastehuS. Es dürfte im wohlverstandenen Landcsinteresse liegen, den fleißigen und betriebsamen Juden nicht nur nicht deu Aufenthalt in Finnland zu versagen, sondern deren Ansiedelung zu befördern. (Judenbekehrung.) Die englische Gesellschaft für Bekehrung der Juden hat in ihrem letzten Jahresbericht zehn Bekehrungen zu verzeichnen. Da das Einkommen der Gesellschaft 35.000 Pfund Sterlilig (700.000 SK.) beträgt, läßt sich ein Schluß auf die Kostspieligkeit der Verchristlichung jüdischer Seelen machen. (Ans Hannover) wird gemeldet, daß daselbst die Polizei mit der Ausweisung der daselbst seit etwa zehn Jahren angesiedelten, ausländischen Juden (zum großen Theile aus Rußland und Galizien) begonnen hat. Dieses Schicksal hat bis jetzt blos ordentliche, unbescholtene Leute getroffen. Im preußischen Gesetz giebt es keinen Paragraph, der den Staat zwingen würde, die Fremden bei sich zu dulde», aber wir erinnern uns nicht einer ähnlichen Massenausweisuug gegenüber Fremden einer andern Nationalität. Der in Hannover erscheinende „Jeschurun" schildert das Elend der Ausgewiesenen und stellt die traurige Perspective, daß es auch in anderen Staate» unter dem gleichen Rechtstitel zu ähnlichen Ausweisungen komme» werde, in Rußland und Rumänien werden überdies auch die einheimischen Juden zur Auswanderung gezwungen werde». „Arm und elend werden sie eine neue Heimat zu erspähen suchen. Wo