Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 9 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9. S elbst-E^Mncipa tion! wie keiner seiner Vorgänger, den Rabbi Schreiber fAR nicht ausgenommen, mit Offenheit in seiner Politik gangen. Er verkündete, daß es sein Mandat sei, Mrs jüdischen Interessen zu wahren, die leidig so sehr in den Staub getreten und das mag ihm wohl beim polnischen Ceiitral-Wnhlcomits, das keineswegs die thatsächliche polnische Volksmeinnng zun, Ausdrucke bringt, und bei jüdischen Duckmäusern oder Affimilatoren als schlechte Politik augerechnet werden. Jeder Jude, dem sein Volksthum lieb und werth ist, wird Dr. Bloch sreudig die Hand reichen, wird wohl daran denken muffen, daß er diesen Mann und zehn solcher Männer, wenn es solche gäbe, in die Reihen senden muß, wo uni er Volk zu horchen und gehört zu werden, überhaupt aber verstanden zu werden hat. Darf uns überhaupt die Zahl der Sitze so karg zngemeffen werden? Die Juden, als das Städte bewohnende Element, dir Juden, als der meikantil und jetzt auch ökonomisch lvichtige Factor in Galizien, sollten durch folgende Sitze im Reichsrathe verireten sein: Lemberger Handelskamnier, Brodyer Handelskammer und Stadt Brody, Tarnopvl, Sambor, Drohobycz-Stryj, Stanislau-Tysmienica, Kolomea-Biiczacz-Snialhii, Krakauer Handelskammer. Das entspräche dann der numerischen Stärke des jüdischen Stammes in Galizien, das wäre natürlich und gerecht. Allein, die Intelligenz der Juden, denen doch die Führerrolle znfalleii sollte, gehört zu jener Categorie der Fortschrittsgeister. denen der Geist fortschreitet, so sie etwas im Interesse der Gesammtheit zil thun in die Lage kommen. Ihr Mnlh wird eingeschüchtert, so ihnen ihr Judenthum von Jemandem unter die Nase gerieben wird. Ein welkes Blatt der polnischen Journalistik, wenn es zu rumoren ansängt, treibt die ganze gatizisch-jüdische Intelligenz-Sippschaft haufenweise in's Versteck. Was Wunder, wenn die politisch iioch Unerfahreneu mit ihr zusammen Fersengeld zahlen, werin ihnen jeder Bürgersinn abhanden kommt! Die zwei oder drei Interessenten, die um jeden Preis gewählt werden möchte», suchen zu beweisen, wie werthvoll ihre Acquisitioii für die u a t i o. n a l - p o l u i s ch e S a ch e Die Lage der Juden unter türkischer Herrschaft scheint eine sehr günstige gewesen zu sein; man wies ihnen einen ausgedehnten Stadttheil an, und erfreuten sie sich eines ansehnlichen Wohlstandes. Ferner wurde strenge darauf gelehen, daß Juden in die städtischen Aemter gelangten. Wichtig für die Judenschaft Serbiens war auch der Umstand, daß ihnen die größtmögliche Toleranz in religiösen Dingen gesichert war und die Märkte immer an Wochentagen abgehalten wurden. Das ist nun jetzt geändert ivorden und alle Bemühungen der serbischen Judenschast gegen die Verlegung des Markttages von Samstag aus Montag bleiben erfolglos, was viel zur Entjudung der Inden beiträgt. Viele spagnolische Kanfleute nehmen in ihrer altanerkannten jüdischen Bewährtheit lieber Schaden, sperren ihre Läden und verpassen so den einzigen uild wichtigen Markttag in der Woche. Dasselbe kann man den wenigen aschkenasischen Juden nicht nachrühmen. Zum Niedergänge mancher jüdischer Geschäftshäuser führte die Revolntions-Zeit, wo die Türken von den Juden Opferwilligkeit verlangten. Es ist wohl selbstverständlich, daß die ehemalig osmanischen Juden, ihrem gegenwäitigen Herrscher mit gleicher Loyalität zugethan sind. Sie dienen im Heere, dienen in den Aemterii, die ihnen zugänglich sind, haben in der Skuptschina in Herrn Oser ihren Vertreter. Im allgemeinen erfreuen sich die Juden eines geachteteten Rufes, als biedere Geschäftsleute; das Handwerk ist wenig vertreten. Ein jüdischer Uebertreter der Gesetze ist eine rara avis. sei. Also nicht als Juden, sondern als Polen wollen sie gewählt sein. Dieses Vorgehen hat unser Volk, welches durchschnittlich raffinirt zu nennen ist, wenn es auch keine schulen besucht hat, zum Nachdenken veranlaßt, und das falsche Spiel des Einen oder de« Anderen wurde demaskirt. Unser Volk verwarf mit einem Schlage die Politik uild die Fahrer, die ihnen schlecht und theuer zu stehe» kommen. Außer den unreinen Händen, welche ihre Geldsäcke bei jeder Wahl in Sicherheit bringen, gibt es wohl noch Inden, welche überzeugt, daß es der heiligen jüdischen Sache zu Gute kommt, in's politische Wahltreffe u gehen, ohne Rücksicht auf den Wink von oben, den Befehl des polnischen Central- Wahlcomites. Alle Achtung in dieser Bestehung vor dem Feuereifer und der nationalen Denkart der Cha ssidim. Wenn gleich diesen auch die Führer der galizischen Judenschast echte, warme Inden, aufrichtige, charakterfeste Politiker wären, dann würden sie dem Lande und dem Staate ein denk- und arbeitsfähiges Element geliefert haben, das aufgesucht werden müßte von Freund und Feind. Die Juden Galiziens, welche an Zahl dcn Eiliwohiiern manches österreichischen Kronlandes überlegen sind, hätten dann ihre politische Unabhängigkeit documentirt und sich keinen beliebigen Candidateu ailsoctroyreu laffrn müffen, weil er für die Interessen Anderer entsprechend erscheint und eine gelügefullt- Börse besitzt. Diese Wahlcampagne dürfte unserem Volke eine Ueberraschung bieten, wie keine zuvor, und bis vielleicht auf ein,» Mann, werden die jüdischen Sitze verloren sein. — Es ist dies die erbärmliche Consequenz jeirer unglücklichen Führung der Juden in Galizien, jener »»glücklichen Zerstäubung und Zersplitterung der Kräfte. Möge den Juden Galiziens eine glücklichere Zeit herankommen, eine Zeit, wo es ihnen klar geivorde», daß der Weg der Assimilation ihren politischen und ihren nationalen Ruin beschleunigt, sie immer weiter von dem Zukunfts-Endziele des hebräische» Volkes wegleitet. Das Bewußtsein dessen beginnt bereits aufzudämmern, und wie, wenn Dämmerlicht, auch Tag heranbricht, so werden einst Was die Thätigkeit der Gemeinden als ganzes anbelangt, erfüllten dieselben alle Humanitären und pietären Pflichten je nach Maßgabe ihrer Kräfte. In Belgrad z. B. werden arme jüdischen Familien für Peßach oft mit Allem versorgt, im Winter mir Holz und selbst die armen Kraukcn werden durch eine» eigens augestellten jüdischen Armenarzr ilnentgeltlich behandelt. Schlecht bestellt aber ist es überall mit dem hebräischen Unterrichte. Belgrad, die Metropole und die reichste Gemeinde, hat nicht die geeignete rabbinische Persönlichkeit, welche als solche über die heil. Schätze unserer Väter wachen könnte. Bei alldem haben die Belgrader spanischen Juden eine Thalmiid-Thora und sind auf der. Suche nach einem modernen Nabbinervzmar, aber nicht etwa »ach einem Assiinikatlonsrabbiiileitt. Dieser Rabbiner soll daun, wenn ein solcher sich sindct, zum Landesoberrabbiner mit 6000 Frc. jährlichem Gehalt nebst Quartier und Emolumenten ernannt werden. Dieser Chefrabbiner soll promovirter Doctor der Philosophie sein, ein gewiegter Kenner des jüdischen Schristthnms, französisch, serbisch und spagnolijch geläufig sprechen und predigen können. — 'Freilich wäre dieses ein Posten von hervorragender Bedeutung für die Judenschast des ganzen BalkangebietheS. Die Aufgabe, die ein solcher Rabbiner zu erfüllen hätte, wäre groß, dafür der innere geistige Lohn enorm. Dr. B. B. (Fortsetzung folgt.)