Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 9 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Selbst-Em ancipativn! Nr. 9. sich zu einem der größten und geistesgewaltigsten Völker zählt. Gut! Und was ist er noch? Ein getaufter Jude. Wir haben genug erfahren; also ein Mann, der die Person ificirteAssimilation ist, der zwar unseren Stamm nicht beschimpft wie der Antisemit — ist's ja auch der seine — der ihm aber bei aller Liebe für ihn Untergang aus Gründen des Fortschritts geschworen hat. — Wahrhaft, eine bittere Wahl für einen wahren Sohn unseres Stammes, zwischen einem Antisemiten und einem getauften Judensreund, aber Entrüstung über die Beleidigung der Hamans und die bittere Sorge fiir die nächste materielle Zukunft sind es, die ihn zu Gunsten des Zweiten sich entscheiden heißen. Freilich, nicht bei Allen werden es diese Motive sein, die sie zur Wahl des „Judenfreundes" bewegen. Andere wird eben gerade der Umstand, daß der Gewählte vollständig asiimilirt ist, locken, ihm ihre Stimme zu geben, denn die Assimilationsbestrebungen sind gerecht und edel — aus Gründen des Fortschritts. Das ist eben der alte Fehler, daß jüdisches Empfinden gestempelt wird zu einem reactionären Wollen. Als die jüdisch-nationale Idee austrat, da erhob sich ein jämmerliches Gezetter über „Rückschritt". In allen Tonarten wurde dieses Lied gesungen. Mit dieser Phrase gelingt es den Herren Assimilanten in der That, io Manchen, der für die segensreiche, erhabene Idee empfänglich wäre, verdutzt zu machen, denn zum „Rückschrittler" will man sich im erleuchteten neunzehnten Jahrhundert nicht so schnell hergeben, besonders, wenn man dem classischen Stamme des Fortschritts angehört. Wir unsererseits können aber den Rückschritt nicht sehen, der darin läge, wenn es gelänge, aus Parasiten einen kräftigen Stamm, aus Aufdringlingen selbstständige Männer, aus einem zersplitterten Volke eine geeinte, der Spitze der Cultur zu st redende, Nation zu machen. Wer das Rückschritt nennt, müßte auch die ähnlichen Bestrebungen der Deutschen, Griechen und Italiener mit dem gleichen Namen belegen und das dürften doch die wenigsten der Assimilanten thun. X.y. Flüchtige Blicke über Serbiens Sudenschaft. Selten vernimmt man in den öffentlichen jüdischen Organen etwas über unsere Brüder in den Balkanländern, während man von amerikanischen, ja selbst von den australischen Juden doch immer was zu hören bekommt. So möge es mir gegönnt sei», einige dürftige Mittheilungen zu bringen, um doch unsere nächsten, längs der Südgrenze der österreichisch-ungarischen Monarchie lebenden Stammesgenossen der Beachtung zu empfehlen. Die Gebirgskämme scheinen für unsere Brüder nach dem gegebenen Factum nicht besonders anziehend gewesen zu sein. Hier, im Lande der himmelhoch ragenden Felsen findet man nur sehr wenige Juden, und diese nur in den Niederungen längs der Flußläufe. Die Einwanderung der Juden auf den Balkan dürfte auf die blutige Verfolgung der Juden in Spanien zurückzuführen sein. Diese Annahme wird zur historischen Gewißheit, wenn man erwägt, daß in dieser Gegend nur spagno- Usche Juden wohnen, zu denen erst in der jüngsten Zeit einige Dutzend Kaufieute und Familien auS Oesterreich gestoßen sind. Ob die Juden mit den Türken in's Land gekommen, wie manche behaupten, ist schwer zu ermitteln. Die älteste jüdische Gemeinde in Serbien ist allerdings Belgrad, wo die Spagnolen zwei Synagogen und einen Die Reichsrathswahlen und die galizischen Juden. Die bedenkliche Lage, in welche die Juden Galiziens hineingeratheu sind, zeigt fich nirgends so offenkundig, wie bei der Reichsrathswahl. Hier sehen wir eine nach Hunderttausenden zählende Volksmenge, die alle Pstichten dem Staate und dem Lande gegenüber erfüllt, politisch rechtlos werden. Die 500.000 Juden stehen heute vor einem Comits aus 12—15 Männern, um fußfällig einen Vertreter zu erbetteln. Und für diesen einen Juden werden derlei Arg» nente in's Feld geführt, um seine Würdigkeit den polnischen Magnaten zu beweisen, daß ein selbstbewußter Mann mit Scham und Aergerniß von dieser Wurstelpratcriade sich abwenden muß. Wohin sind die eisernen Charaktere in Jirael. wo gewahrt man den stählernen Nacken der antiken Volksführer? Nirgends — Alles schmiegt sich und biegt sich, wie eine Linde im Winde, dorthin sich neigend, wo der Wind weht. Sehen wir uns einmal an, um was eigentlich ein solcher Candidat die Rockschösse! des Grafen X und Fürsten Y küßt. Um eine Stellung, welche einem denkfähigen Mensche» die Möglichkeit benimmt, frei und ungehindert zu denken und das Gedachte auch auszusprechen. Eine sehr problematische Ehre, fürwahr, sechs Jahre lang eine», wenn auch unsichtbaren Maulkorb zu tragen, ein Held hinter den Coulissen zu sein. Wollen wir denn einen Juden in den Reichsrath entsenden, um daselbst den Factor der Polen, den typisch gewordenen „Arrendar Moschku" zu spielen? Bewahre!!! Wir wollen einen unabhängigen Juden gewählt sehen, der bei all' seinem Patriotismus und bei aller Liebe zu d e m Volkei unter dem sein eigenes Volk wohnt, für diesen ureigenen jüdischen Stamm zu wirken, als seine erste und höchste Aufgabe betrachtet. Das muß man doch dem Dr. Bloch lassen, er ist, durch späteren Ankauf erweiterten großen Friedhof besitzen, in dem einzelne Grabsteine von Aschkenaschim sich befinden. Wie verlockend wäre es, die Geschichte in Stein geschrieben, die Grabsteine zu befragen; diese gäben uns ja sicher Ausschluß, möchte wohl der eine und der ändere bei sich denken, und so dachte auch ich und ging hinaus auf das Bett hachajim in Begleitung des Vicepräfidenten der spanischen Gemeinde, Herrn Jacob Alkaley, der zu den intelligentesten und wärmsten Juden Serbiens gehört und dem auch jüdisches Wissen zu Gebote steht. Leider war meine Mühe nicht belohnt. Die alten L-ichensteine sind verwittert, weil sie in horizontaler Lage über den Gräbern angebracht und so den atmosphärischen Niederschlägen besonders ausgesetzt sind. Manche Namen, die man mit schwerer Mühe gelesen hat, haben wohl einen guten Klang, allein was nützt der Name ohne chronologische Verifikation. Mein liebenswürdiger Führer, dem ich hier für seine gütigen Mittheilungen danke, erzählte mir, daß vor etwa zwei Jahren ein merkwürdiger Fund auf diesem Friedhofe, gemacht wurde, es sei nämlich ein Grabstein mit dem Namen Jiak Abarbanels gefunden worden. Diesen zu sehen war mir nicht vergönnt, da ich beruflich abreisen mußte. Ob dieser Grabstein unfern großen Abarbanel wirklich gedeckt hat, ist mir unbekannt; allenfalls wird die jüdisch-literarische Welt dem Cultusvorstande in Belgrad es nie verzeihen, daß derselbe den Grabstein von seiner Stätte entfernt und sich nicht veranlaßt gefunden, den Ort auf welche Weise immer für kommende Generationen kenntlich zu machen. —