Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 8 (18.5.1885)
- Date
- 1885-05-18
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Selbst- E m a u c i p a t i o n! Seite II Gin Grncrneixirtev. Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) In den Alleen des Parkxs gingen Helene und Doc- ^tor Maier auf und ab. „Wie bin ich Ihnen für Ihre Güte und für die Mücksicht, mit der Sie unsere Schwächen behandelten, dankbar. Ohne Ihre Gesellschaft hätte mein launiger Einfall, hier in diesem Gebirgsnest unser Zelt auszuschlagen, durch die Eintönigkeit des hiesigen Lebens ein klägliches Ende genommen." „Also eine Schwalbe macht einen Frühling?" „Sie belieben zu scherzen! Aber ich bin ganz ernst -gestimmt. Papa drängt zur Reise nach Wien. Wir wollen dort festen Fuß fassen; es ist uns dieses Wanderleben endlich zu viel geworden, wir reisen seit drei Jahren durch aller Herren Länder, Vielleicht könnten auch Sie nach Wien übersiedeln?" „Ist es Ihnen ernst mit Ihrem Vorschläge Ein vorwurfsvoller Blick aus Heleiieu's Augen ivar die einzige Antwort aus diese Frage. „Aber meine thenerste Helene, wollen Sie denn ein so gewagtes Spiel zu Ende führen? Was wollen Sie an» mir machen? Bedenken Sie, dag ich weder Berinögen, noch Muhl», weder einen durch Geburt glänzenven Namen, noch "das Zeug besitze, mir einen solchen zu erwerben. Bedenken Sie, daß mein ganzes Verdienst ein bischen über drn Alltagsköpfen stehende Energie, meine ganze Leistung ein Doctor-Diplom ist, wie es tagtäglich aus tausend Kauzleieu am Erdenrund ausgefolgt wird für einige zur Zeit und zur -Sache gegebene Antworten. Ich weiß — ich habe einigen Eindruck auf Sie gemacht. Schauen Sie, ivie frank und frei ich rede. ... Sie sind dies von Ihren Saloiipuppeu nicht gewohnt. Das Bizarre gefällt Ihnen und bald werden Sie in meiner Ungezogenheit den Kothurn eines antiken .Helden erblicken. Aber ich warne Sie — nichts verursacht so schnell Ueberdruß, als das. was vom Alltäglichen abweicht. Das, was uns nie stark anzieyt, behält einigen Werth für immer." „Es ist eigentlich uitbescheideu von Ihnen," entgegnete lächelnd Helene, „daß Sie sich einbilden, eine so starke Anziehungskrast zu besitzen. Nein, keineswegs. . . Sie sind nicht wie jene Speisen, die nian nur als Würze genießen .kann. Es scheint mir, ich könnte ganz gut mit Ihnen auskommen. Uebrigens, Sie sind Herr der Situation! Kommen -Sie nach Wien, setzen Sie Ihre Studien fort, ich gebe .Ihnen drei Jahre Zeit. . . . Entdecken Sie in aller Eile irgend einen Krankheitsstoff, der bis nun zu nicht im leisesten geahnt, irgend ein Mittel, das so gut hilft, wie alle die tau>ende, die Sie zur Hand haben. . . . Meinetwegen schaffen Sie eine neue K> ankheit, lverden Sie groß, bekannt, berühmt und kommen Sie. zu meinem Papa. . . Er weiß ".wohl, daß er sein Vermögen und Ansehen nur einem einzigen glücklichen Einfall zu verdanken hat: er bezog nämlich vor Jahren rohe Häute aus dem Osten, fand dabei .reichlichen Gewinn, betheiligte sich sodann mit großem Erfolge an der Lederindustrie, übe, sprang endlich-zum Bankfache und hier wußte er-rechtzeitig aufzuhbren, was wohl noch mehr zn bedeuten hat, als das Eingehen in's Geschäft.- ..." Sie lächelte schalkhaft. Anselm neigte sich und küßte ihr die Hand. Mirjam's Bild war schon lange aus seiner Seele geschwunden. Und wie konnte sie auch Stand halten gegenüber diesem mit allen Reizen verfeinerter Bildung und . natürlicher an- .geborener Schönheit ausgestatteten Mädchen. „Es war blos Mitleid gewesen," deutelte Anselm, wenn er auf Mirjam zu denken kam, „ich habe sie nie geliebt. . . . Auch wird sie ganz glücklich sich schätzen, daß ich sie aus ihrer bejammernswerthen Lage herausriß. ..." „Ich will auch weiter ihrer gedenken. Aber eine Verbindung kann ich ohne Schädigung meiner Zukunft mit ihr nicht emgehen. . . . Sollte ich deshalb so viele Jahre mich geplagt, so viele Entbehrungen gelitten, so viele Schwierigkeiten überwunden haben, ehe ich den großen Weg von dem armen Kabbala-und Talmudzögiing bis zum Punkte zurücktegte, auf dem ich hcnre stehe, mit durch eine unselige Verbindung mir ein Haus zn schaffen, wo ich keines einzigen Vortheiles der mit so vieler Mühe erkämpften Lebensstellung froh werde, um eine Frau zu heiraten, die mich nicht versteht und die blind an Lebensgenüffe» vorbeigeht, nach denen mein H.rz sich sehnt. Nein, das war nur ein böser Traum! Aber warunl just Mirjam? Sind doch Tausende ebenso arme, ebenso edle und ebenso schöne Gestatten. Also: es war vielleicht doch mehr als Mitleid.aber Liebe war es nicht! Nein, dieses Verhältniß werde ich lösen.. . Mil diesem Gedanken wagte rs Anselm, Helenen näher zu treten und so ward er oein reichen, verwöhnten Mädchen erst ein unningänglicher Gesellschafter und bann mehr. Es befremdete wohl mitunter Anselm, wie kühl Helcne, trotz aller Redensarten, sich ihm gegenüber benahm, wie streng an der Form festhaltend, wie ceremoniell fast ihr Verkehr war. Sollte denn dieses so sorgfältig erzogene Mädchen just in der Richtung vernachlässigt worden sein, die die meiste Pflege beim Mädchen erheischt, sollte sie nicht fühlen, aus vollem Heizen sich einem geliebten Wesen hingeben, aus voller Brust das Schöne, Hohe, Edle tieben gelernt haben? Aber ein einziger Blick Helenens, ein wärmer gesprochenes Wort brachte Anselm um alt' seine Zweifel. .. und dann machte er sich im Stillen Vorwürfe, dieses „nach jeder Richtung hin vollkominene Geschöpf" verdächtigt und herabgesetzt zn haben. Jetzt, da ihn Helene dazu aufforderte, war er fest entschlossen, nach Wien abzitreisen uild so seine bisherige, mühselige erworbene Praxis aufzugebeil. Er hatte es so eilig, daß er noch vor der Abreise von Helenens Vater in Wien anlangte. YI. Mirjam war von Anselm's Schritten, von seinem Verhältniß zn Helene auf's Genaueste unterrichtet, denn was die Leute ihr auch nicht zn erzählen mußten, das erriethen ihr lliigewöhiiticher Scharfsinn und das Mißtrauen eines liebenden Herzens. Sie hatte von dem ihr zur Verfügung stehenden Gelde Anselms, seit dem Augenblicke, da sie gegen ihn mißtrauisch wurde, keinen Heller für sich verwendet, sie nahm ihre alte Arbeit mit einer gewissen verzweifelten Resignation wieder auf. Es war ihr jetzt. Dank einigen Bekanntschafteil, die sie durch Anselms Verinittliiilg und auch selbst gemacht hatte, ein Leichtes, sich Arbeit zu verschaffen. Auch ihre. Schwester bekam eine Anstellllng in einem bedcutenden Geschäfte als Veckänferin, und so hatten sie nicht nur Einkommen genug, um ihre Bedürfnisse zu decken, sondern sie konnten sogar sparen. Es war letzthin Mirjam's Lieblingsgedanke gewesen, jo viel zu ersparen, um Anselm. Alles rückerstatten.zu können, was er ihr in ihrer Roth gab. Mit großer Unruhe sah sie nur ihrer ersten Begegnung mit Anselm entgegen. Sie fürchtete und wünschte sie zugleich. Wie tief sie auch Anselm gekränkt hatte, verzieh sie ihm und sie nahm sich sogar vor, ihn glauben zn machen, seine Gleichgiltigkeit berühre sie nicht. . (Fortsetzung folgt.)