Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 8 (18.5.1885)
- Date
- 1885-05-18
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heile 10. Selbst - Ei» ancipatio »! Nr. 8. nicht Geschwister sind. — Aber mit der Zeit begann den Herrn eine Reue ganz anderer Alt zu quälen. War es denn sicher, daß das gefundene Kind geflissentlich weggelegt worden? Konnte vier nicht ein anbei er Zufall gewaltet haben? Die Kleider des Kindes zeugten wohl von Armuth der Ellern und jetzt war Jsmene die Tochter eines Millionärs; aber war es nichtsdestoweniger nicht ein Unrecht, einem etwa in ungestillter Sehnsucht sich verzehrenden Vater- oder Mutlerherzen das geliebte Kind voizncnthakten? Das sagte sich der selige Herr Härtly, aber er durfte keine Schritte unternehmen, wenn er sich und seine Frau nicht blo-stellen wollte. Diese, die ihn verstand und mit ihm mitfüvlte, starb im jugendlichen Alter von dreißig Jahren; der Wrtw,r hatte nun Niemanden mehr, dem er sich antiertiauen mochte als mich, und er fand in mir einen verschwiegenen Mann, vor deni er sein Herz ansschütteir konnte. Wenige Jahre nach dem -Tode seiner Frau begann er zu kränkeln; sein Zustand Verschlimmerte sich zusehends, er wankte dem Grabe knlgcgen. Die peinigenden Gedanken betreffs Jsmenens beichästigten ihn mehr a>s je; was er bei Tage dachte, war auch der Gegenstand seiner nächtlichen Träume. Er war nicht nnr gläubig, sondern ebenso abergläubisch und so ließ, er eines Morgens nach einem solchen Traume den Notar holen und machte sein Testament. In demielben fand jklw räthselhafte Stelle Platz, die Sie ja kennen, Herr Doclor. . „Ich weiß, daß sie. dort den Ihrigen wiedergegeben werden wird," sagte er „und Du James, verrathe nichts früher, als bis Jemand an Dich herantritt, der behauptet, daß Jsmene. nicht meine Tochter ist und aus Deinem Munde die Bestätigung hören w'.ll." Darum habe ich bis jetzt geschwiegen, Herr Doctor, und darum spreche, ich jetzt. Doch darf ich nun. vielleicht wiffen, ob es Ihnen wirklich > gelungen ist, Fräulein Jsmenens Elter», zu finden?" „Ja, lieber James," eiwiderie Simson, der der: Erzählung des Dieners .mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt war, „ich kenne des Fräuleins.wahre Herkunft. Ihr ,oUl Alles, erfahren, nnr ein klein wenig Geduld noch. — Wodurch könnt Ihr den Wahrheitsbeweis Eurer Aussagen erbringen? Habt Ihr. kein anderes Zeugniß als Ellre Worte?" .„Freilich.sind Beweise vorhanden — die Kleidungsstücke, welche Fräulein Jsmene aui Tage, als. sie gefnuden wurde, trug."! . „Die existren noch? — Dann sind wir ja fertig!" rief Simson freudig überrascht. „Wo sind sie, in London vermuthlich? — Oder habt Ihr sie vielleicht gar, einer Anordnung Eurrs Herrn gemäß, auf dieser Reise mitgchabt? Das-entspräche so ganz der Art des verstorbenen. Hartlh." „Errathen Herr Doctor; die Kleidungsstücke sind in meinem Koffer,, soll ich sie vielleicht bringen?" .. „Ja, sofort,, wenn Ihr .so gut sein wollt, lieber James; wir begeben uns dann Beide zum Banquier Rasaelvwitsch.'.' . „Wozu?" . „Das .werdet Ihr sehen." Der alte Mann eilte davon, um das Päckchen zu holen. Freude, Aufregung, Neugier beflügelten seine sonst so langsamen Schritte. Nach wenigen Minuten kam er. zurück. Simson besah mit gemischten Gefühlen die morschen Leinwandruid. Tuchreste, die der Schlüssel sein sollten zw seinem Glücke, Im Hause des Banquiers war Ruhe eingetrcten. Das drohende Gewölk, , das seine Firma umgeben hatte, war zerrheitl; das gute Verhältniß zwischen Vater und Sohn war wieder hergestellt. Daß Benjamin nicht, mehr im Hause Marrlyk verkehrte,, wußte der. Banqmer; den Grund dieses plötzlichen Bruches zu kenne», verlangte er nicht; wozu auch,. wenn es nur zu keiner. Ehe mit Betty Marrlyk kam. Die politische Meinungsverschiedenheit konnte feinen Anlaß zum Zwiste geben, weil diese dem alten Rafaelowitsch nur als Mittel gedient hatte> um dem Mißmiithe gegen seinen Sohn rillen stachligen Ausdruck zu geben Was lag ihm im G unde da, an, wie sein Sohn dachte? Und dann, Simson war ja auch Nationaljnde und doch ein ganzer Manu. — Das Einzige, was den Banquier in diesen Tagen der Erholung quälte, und was ihm auch eben jetzig wo er in seinem A beitsziminer saß, keine Ruhe ließ, war die Erkenntiiiß des gehäßigen, unlauteren Charakters Anna's, die, wie er erfahren hatte, nicht davor zurückgeschreckt war, gemeinsam mit einem Sobler Ränke zu schmieden. Sie glich eben ganz ihrer Mutter, seiner zweiten Frau, an deren Seite er sich jahrelang unglücklich und unbefriedigt geführt hatte. Wie ganz and.'rs hätte Sorele's Tochter, hätte Rachel werden müssen, wenn sie am Leben geblieben wäre! Des Banquiers Gedanken schweiften zurück in die fernen Tage der Jugend, er gedachte seiner Sorele und eine Thränc stahl sich in die sonst so kalt blickenden Augen. Da trat der Diener ein und melvete Herr» Doctor Simson Raiaelowitsch. Der Banquier strich sich mit der Hand über 'die Stirne und einpfiilg seinen eintretenden Neffen mit heiterem Lächeln. „Grüß' Dich Gott, Simson!" antwortete er auf de« Gruß des jungen Mannes. „Setze Dich und erzähle iittt etwas Neues; Du weißt ja so anregend zu erzählen." „Du schmeichelst. Onkel; doch heute nicht umsonst, denn was ich Dir heute erzählen will, wird gewiß Dein ganzes Interesse wachrufen. — Ich bin nämlich gekommen, das am Tage meiner Ankunft Dir gegebene Versprechen einzulösen, das heißt. Dir den Zweck meines hiesigen Aufenthaltes mitzutheilrn." „Ei, endlich. Ich gestehe, daß ich neugierig bin. Also rasch, beginne!"; „Geduld, Onkel," sagte Simson lächelnd, „so rasch geht das nicht; ich bin ein gar wunderlich:,: Kauz- Meine Erzählung wird damit beginnen, daß ich Dich zuerst sprechen lasse." „Das ist freilich sonderbar; womit, kann ich Dir also dienen?" „Halte es nicht für eine Art jugendlichen Leichtsinns, wenn ich Dich bitte, lieber Onkel, mir Deine Lebensgeschichte bis zu dem Momente zu erzählen, wo Du Benjamin nach Wien nähmst." Ein ernster Schatten legte sich über das bisher' lächelnde Gesicht des Banquiers. „Ich weiß zwar nicht, was das nützen soll; doch nehme ich an, daß ein Maiin wie Du nicht ohne Gnuid mich in jenen schmerzlichen Erinnerungen wird kramen, Jacques Rafaelowitsch begann zu erzählen .und es schien Simson, . daß dies nicht mehr der getdstolze, yerz- und gemüthlose Börsenmann war, der da sprach, sondern ein feuriger, freiheitvcrlangender, liebender Jüngling. Die Geschichte, die er erzählte, hatte Simson. schon einmal von. seinem Pater gehört, nur war sie. jetzt lebendiger und ausführlicher vorgetragen. Der Banquier war in seiner Erzählungbei dem Zeitpunkte angelangt, in welchem er den Brief aus Jaffa erhielt, der ihn von dem plötzliche», schrecklichen Tode seiner Gattin und seines Töchterchens"benachrichtigte. „Was dieses Unglück betrifft, bin ich anders berichtet worden,. lieber Onkel," unterbrach Simson den Banquier. „Anders? — Und wie denn?" fragte dieser. . - (Fortsetzung folgt.) ■ ’