Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 7 (1.5.1885)
- Date
- 1885-05-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Selbst-Em an cipation Nr. 7. War es die innere Wahrheit dieser Worte, war es die metallisch klingende Stimme des Mannes, der sie sprach, war es die stolze Ruhe, die auf dem Gesichte desselben, zu welchem jetzt Benjamin emporblickte, ausgebreitet lag, was .war es, das auf den Ermahnten einen liefen Eindruck machte? Es war dies alles zusammen, es war Simson's ganze überlegene Persönlichkeit, unter deren Einfluß sich Benjamin beugte. „Simson, ich bewundere Dich, Du stehst hoch über mir; ich will versuchen, Dir zu folgen." „Versuche cs und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Du wirst wieder die Zufriedenheit erlangen, die Dir jetzt gänzlich abgeht." „Zufriedenheit an der Seite eines solchen Weibes!" murmelte Benjamin. „Was sagst Du da?" Benjamin erzählte Simson von seiner bevorstehenden Verlobung mit Fräulein Klatt und von den Beweggründen, die ihn zu diesem Schritte vermocht hatten. Simson hörte aufmerksam zu, dann sagte er: „Und Du meintest, daß die Menschenseele sich ewig gleich bleibe, Du ahntest nicht, daß sie fortwährenden Veränderungen im beständigsten Menschen unterworfen sei. Wenn Deine Liebe auch noch so mächtig und tiefwurzelnd ist, es wird doch eine Zeit kommen, wo Du ruhiger denken wirst. Wohl ist bei Deiner Natur, anzunehmen, daß das Bild jenes Mädchens nie aus Deinem Herzen schwinden wird, aber nicht immer wird es von den züngelnden Flammen einer an Raserei streifenden Verzweiflung umlodert sein. Mit stiller Wehmulh nur wirst Du einst an die Dir Verlorene zurückdenken und dann wird Deine Seele wieder fähig werden der Sehnsucht nach Glück, nach Zufriedenheit, nach Lebensfreude. Wenn aber diese Fähigkeit wieder eintreten wiid, daun wird wie ein Bl>igewichl dieses Weib an Dir hängen. Was Du heute nicht von Dir weisest, weil es Dir in Deiner Verzweiflung eine Art wilder Freude bereitet. Dich selbst noch mehr zu quälen, das wirst Du einmal gerne ungeschehen machen wollen, aber dann wird'- zu spät sein." Benjamin mar bewegt; es kam ihm vor, als wenn die erlösende stille Wehmuth, von der Simson sprach, schon einziehe in seine Brust, als wenn Balsam geträufelt würde auf seine Wunde. „In wenigen Tagen schon," erwiderte er mit einem Seufzer, „muß mein Vater stürzen, wenn' ich diesen Schritt nicht Ihne. ' Es wird kaum noch Zeit übrig bleiben, ein anderes Rettungsmittel zu versuchen. Wärest Du nur um eine Woche früher gekommen!" Simson sah sinnend zu Boden, plötzlich hob er den Kopf empor und sagte: „Ich hab's. Daß mir das nicht gleich einfiel! Ich kann Dich mit Bestimmtheit versichern, daß das Bankhaus Nafaelowitich aufrecht bleiben wird, ohne daß Du diese widernalüiliche Verbindung eingehest." Jetzt erst ward sich Benjamin bewußt, wie sehr diese Ehe seinem ganzen Wesen widerstrebt hatte, denn er fühlte leine Seele von einem dumpfen Drucke erleichtert, als sein Cousin ihm so entschieden, einen Ausweg zu finden, versprach. „Ich danke Dir, Simson; Du hast mich heute doppelt gerettet. — Doch, wie willst Du es an stellen, um mir diese Heirat zu ersparen?" Simson lächelte. „Laß das meine Sorge sein; es soll mit Hilfe Deiner Schwester geschehen." „Meiner Schwester?" Bciijamin's Mienen drückten Enttäuschung, aus. „Wundert Dich das so sehr?" „Solltest Du meine Schwester nicht durchschaut haben. Du Menschenkenner?" „Oh, ich kenne sie sehr gut, sie ist ein engelgutes Mädchen." Benjamin sah seinen Cousin zweifelnd an. Doch dieser hatte eine undurchdringliche Miene angenommen, was jenen abhielt, eine deutlichere Erklärung zu verlangen. Die ideale Schönheit Jsmenen's hatte sofort den Neid Anna's hervorgerufen. Auch ärgerte sich dieie, ohne recht den Grund zu wissen, über die Scene im Salon und im. geheimen Zimmer ihres Vaters. Zu Neid und Aerger .gesellte sich in den nächsten Tagen die Eifersucht. Anna hatte auf Simson ihr Auge geworfen; er gefiel ihr ausnehmend gut, aber bald hatte sie auch mit dem Scharfblicke des liebenden Weibes bemerkt, daß Simson trotz seiner stolzen Ruhe, seines gemessenen Ernües. trotz der zurückweiseuden Kühle, die ihm eigen war, für die junge Engländerin Interesse hege. Anna empfand bitteren Haß gegen Jsmene. „Was nur dieses 'hochfahrende, englische Fräulein hier zu suchen hat," rief Anna dem eben in's Zimmer tretenden Sobler entgegen. „Mir will immer scheinen, als wenn sie in geheimer'Mission da wäre. Können Sie denn hier gar nichts ausfindig machen. Herr Sobler?" ° „Alle meine Bemühungen in dieser Richtung führten bis jetzt zu keinem Erfolge," erwideite der Gefragte kleinlank. „Sie scheinen auch nicht das Pulver erfunden zu haben, lieber Freund," sagte Anna in höhnischem Tone. Sobler wurde dunkelroth im Gesichte und senkte den Kops. Er nahm schweigend den Tadel seiner Gebieterin hin. „Was wissen Sie sonst Neues?" begann Anna nach einer kurzen Pause. Sobler seufzte. „Leider eine schlechte Nachricht, die ich Ihnen zu bringen habe," krächzte er kaum vernehmbar. „Lassen Sie hören!" stieß Anna barsch und ungeduldig hervor. „Benjamin weigert sich, das Fräulein Klatt zu heiraten." Anna erblaßte. „Davon weiß ich ja gar nichts. Und wie verhält sich der Vater dazu?" „Anfangs machte er Lärm; nach einer Unterredung mit ihrem Cousin aber ist er lammfromm geworden und scheint sich darein;u fügen." Die Farbe kehrte in Anna's Gesicht zurück. „Dann dürfte ja der Vater einen ander»n Weg gefunden haben, um seine Verbindlichkeiten zu erfüllen." „Wohl möglich; doch kann auch der weise-Tugend-, Held, Ihr Herr Cousin aus dem gelobten Lande" — Anna warf einen geringschätzigen Blick auf ihren Verbündeten — „Ihren Vater so ningestimmt haben, daß er lieber Bankerott macht, als seinen Sohn eine unglückliche Ehe eingehe» läßt." „Das glaube ich. nicht," meinte Anna, „ich kenne meinen Vater zu gut; sein geschäftlicher Ruhm, geht ihm über Alles; da vergißt er >elbst, daß Benjamin der. Sohn seiner ersten Frau ist, die er besonders liebte." „Das wird sich ja übrigens in wenigen Tagen zeigen," erwiderte Sobler. „Steht Ihr Vater dann noch aufrecht, dann hat er Mittel und Wege gefunden, um sich ans der Verlegenheit herauszuhelfen. Ich kenne aber seine Lage genau und wüßte nicht, welcher Weg ihm noch offen stünde, es sei denn, daß ein Millionär aus reinem Wohlthätigkeitssinn ihm eine große Summe ans. nnbestimmte Zeit leiht. Solche Dinge ereignen sich aber heutzutage nicht Anna saun über die letzten Worte 'Sobler's nach. Dieser Fall schien ihr nicht so nnmö.qlich; sie hatte eine .bestimmte Person im Auge. Mußte sie von der Gehaßten noch indirect Wohlthaten aiiliehliien. - ,