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Selbst-Emancipation · 1885-05-01 · Heft 7 (1.5.1885) · p. Seite 9

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 7 (1.5.1885)
Date
1885-05-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7. Selbst-Emancipation! Seite 9 jÜntlttn Ijitlaf UtttiHdj, Roman von Nehemia Berner. (Fortsetzung.) Erstaunt sahen Alle auf den Banquier. Ein Lächeln der Befriedigung glitt über Simson's Gesicht. Jacques Rafaelowitsch faßte sich bald wieder und sagte, indem er um Entschuldigung bat: „Das Fräulein gleicht Zug für Zug einem Wesen, das mm schon lange todt ist, deren Andenken aber ewig in mir lebt. Die merkwürdigste Aehnlichkeit, wie sie sonst. nur zwischen Schwester», oder zwischen Mutter und Tochter obwaltet, hat mich für einen Augenblick außer Fassung gebracht." Jsmene stutzte. Es war bekeits das zweite Mal, daß uian in ihren Zügen tiiit Aehnlichkeit mit längst dem irdischen Leben entrückten Personen gefunden hatte. War etwa die „Sorele" der sterbenden Frau in R* 2* und der Gegenstand der Jngenderinnerungen des Banqmers identisch. Iliiwillküilich warf Jsmene einen rathsuchenden Blick auf Simsou, deu dieser nur mit einem Lächeln erwiderte, aus dem sie nicht klar werden konnte. „Ueber zeugen Sie sich selbst, meine Tbeuren," sagte der Banquier, der fühlte, daß es nicht angehe, die Gäste mit einer halben Erklärung abzuipeisen, „ob ich nicht Recht habe, wenn ich von einer seltenen Aehnlichkeit spreche. Ich will Ihnen das Bild eines Weibes zeigen, um das der "immel die Erde so sehr beneidete, daß er es ihr >n der ugendblüthe raubte." Der Banquier, dessen Stimme einen weichen Klang und dessen Gesicbt einen milden Ausdruck angenommen hatte, führte die kleine Gesellschaft durch eine Reihe von Gemächern, bis sie in sein Arbeitszimmer gelangte. Dort entnahm er dem Schreibtische einen Schlüssel und steckte ihn in das Schloß einer Thüre, die »och kein anderer Bewohner dieses Hauses als er selbst, geöffnet gesehen hatte. Während der Schlüssel sich ächzend nn Schlosse drehte, malte sich Neugierde und Ungeduld auf den Gesichtern der Wartenden. Knarrend öffnece sich die Thüre. Man trat in ein vollständig finsteres Zimmer; es hatte offenbar keine Fenster, denn sonst hätte Mondes- oder Sternenlicht — es war Abend geworden — doch mindestens einen Schimmer von Helle verbreitet. Der Banquier schien sich nichtsdestoweniger hier recht gut anSzukennen, denn im nächsten Augenblicke war das Gemach voil einer Ampel matt beleuchtet. ' Die Gäste und Kinder des Banquiers sahen sich neugierig um. Es war ein ziemlich kleines, aber elegant eingerichtetes Zimmer, mir trug das Meubl ement den Charakter schweigenden Ernstes, der durch Wandgemälde, die orientalische Landschaften und Städte, sowie Scenen aus der Bibel vorstellte», noch wesentlich erhöht wurde. Der Banquier wandte sich nun einem in der einen Ecke des Raumes angebrachten schwarzen Vorhänge zu und schob ihn zurück, das Porträt eines jungen Weibes in Lebensgröße wurde stchlbar. Staunen, nein Schrecken fast ergriff die Anwesenden. Das war ja Jsmene selost, die ihnen hier aus dem Goldrahmen entgegenblickte, nur in einer fremdartigen, morgenländischen Tracht.' Aller Blicke waren abwechselnd auf das Porträt und das vor demselben in starrem Entsetzen stehende Mädchen gerichtet. „Wer ist sie, diese Frau?" frug endlich Jsmene, als sie ihre Fassung wieder gewonnen hatte, „wer ist sie?" wiederholten jetzt die Anderen. „Es ist das Weib meiner Jugendjahre,", antwortete der Banquier, „Deine Mutter, Benjamin, meine schöne, kluge Sorele." Jsmene schauerte bei dem Klange dieses Namens zusammen; es war also offenbar dieselbe Person, mit der sie schon in der Colonie verwechselt worden war. Wieder warf sie einen hilfeflehenden Blick ans Simson. Der junge Mann lächelte. Sie erkannte, daß er Alles wußte, während sie noch immer im Dunkeln tappte, noch immer nicht die Beziehung zu finden vermochte, in der sie zu dieser Sorele stand. Inzwischen schob Jacques Rafaelowitsch den Vorhang wieder vor; die Herren und Damen verließen das Zimmer. Nun löschte der Banqnienr das Licht aus, schloß die Thüre. bewahrte den Schlüssel wieder in seinem Schreibtische und führte die Gesellschaft in den Salon zurück. Hier versuchte man, über gleichgiltige Dinge zu sprechen, doch es gelang nicht. Ein Jeder stand noch unter der Einwirkung des soeben Erlebten; man trennte sich bald. VII. „Bist Du mit uns zufrieden, Simson?" „Ihr übertreffet meine Erwartungen, lieber Ben- > jamin; ich hätte nie gedacht, daß in Wien, wo der Ver- I locknngen zum Abfalle eine solche Menge sind, so viele Herj zen so wann für unsere Sache schlagen." „Wer uns einmal angehört, fällt nie mehr ab, denn er findet bei uns das, was ihm früher mangelte, innerliche Befriedigung." „Ja. so ist's; möchten die Verblendeten doch alle einmal einsehen, daß es schmählich sei, wenn ein Volk sich selbst aufgibt, daß es falsch sei, wenn man Loslösung vom jüdischen Volke- und Fortschritt als eines hinstellt." „Wir werden sie auch einst alle überzeugen," sagte Benjamin, „denn wir schreiten zwar langsam, aber stetig vor. Der Tag wird kommen, dessen bin ich sicher; waS mich selbst betrifft, so biete ich alle meine Kräfte auf, um an dem großen Bekehrnngswerke mitznhelfen." In Venjamin's schwärmerisch-matten Augen leuchtete es auf und sein Gesicht röthete sich; seine Hände zitterten — man konnte merken, daß er nervös sei. Simson sah ihn prüfend an. „Venjaniin, Du bist aufgeregt. Dein Eifer ist lobenswerth, doch es ist etwas Unnatürliches in demselben. Es macht auf mich den Eindruck, als ob Du durch Deine fiebernde Haft peinliche Gedanken von Dir weisen wolltest. Sage, Benjamin, habe ich nicht Recht?" Der Gefragte senkte den Blick zu Boden und antwortete in gepreßtem Tone: „Du bist im Rechte." „Und darf ich nicht wissen, was Dich bedrückt, was Du dilrch Deinen krankhaften Eifer übertäuben willst?" „Ja, übertäuben, Du wähltest den richtigen Ausdruck. Siehe, ich liebte ein Mädchen, ein herrliches Mädchen; ich bat es mn seine Hand, doch erfolglos. Meine Hoffnung ist mit meiner Verurtheilung zu Grabe getragen, aber meine Liebe selbst nicht; sie ist vielmehr noch heißer, noch leidenschaftlicher geworden. Ich fand kein löschendes Mittel für diese Glut und da verfiel ich auf einen eigenthnmlichen Gedanken: Feuer gegen Feuer. Gegen den Brand der Leidenschaft die Fieberhitze der Ruhelosigkeit. — So, da hast Du mein Geständniß!" Simson's Mienen verriethen nicht den erschütternden Eindruck, den die hervorgcstoßenen Worte Benjamin's auf ihn gemacht hatten. Auch seine Stimme klang ruhig und entschieden als er antwortete: „Du hast unbewußt den rechten Weg zum Vergessen eingeschlagen; aber Du kannst von demselben abirren, wenn Du Dich einer verzehrenden Hast hingibst. Arbeite für unsere heilige Sache, aber nicht, um Dich zu betäuben, sondern um Dich zu beruhigen. Der jüdische Nationalgedanke braucht Männer und Männer müssen mit Ernst, mit Ruhe an jedes ihrer Werke gehen."

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