Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 7 (1.5.1885)
- Date
- 1885-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092673-3092680--0084-3093010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Selbst-E mancipatio«! Nr. 7. Religion, den confessionellen Factor und dessen Bedeutung für uns und die Menschheit ein wenig mehr betonen und hervorheben mögen, sonst geben Sie den Gegnern selbst Angriffsobjecte in die Hand, indem . bei einer solch' einseitigen Gestaltung und Entfaltung des Judenthums mit, de» nationalen Licht- und Schattenseiten uns der Vorwurf gemacht werden könnte, daß wir lediglich eine .Race und keine Religion repräsentiren, also keinen Anspruch auf Berücksichtigung und besondere Beachtung haben. Zw ck und Ziel der „Selbst-Emancipation!" ist ja doch zunächst die moralische Ausrichtung des jüdischen Volkes, es angesehen und geschätzt bei allen Nationen des Erdkreises allmälig neu erstehe» und erstarken zu sehen. Diese Art universalistischen K o s m o p o l i t i s m u s ist meines Er- . achtens durchaus nicht verderblich und verwerflich. Diese meine unmaßgebliche Ansicht erlaube ich mir Ihnen, sehr geehrter Herr Redacteur, frei und offen mitzutheilen und Ihrer Meinung entgegenzustellen — gerade als Freund Ihres jungen, hoffnungsvollen Organes zur Einigung der zerstreuten, so zerspaltenen Gemciude und zersplitterten Glieder, des einstigen großen Ganzen — und glaube hiedurch meiner Pflicht als Angehöriger des jüdischen Stammes, wie auch als Anwalt der Wahrheit, ebenso in meiner Eigenschaft als Religionsweiser und Friedensvermittler im vollsten Maße zu entsprechen, indem , zur Erhaltung und Erhöhung der Einheit, Einigkeit und Eintracht unter den Glaubensbrüdern es sich empfehlen würde, in dieser Richtung Wandel zu schaffen und das Fehlende mit der Zeit thunlichst zu rrgänzeu. Dadurch würden Sie voraussichtlichen Anfeindungen und Anfechtungen aus dem eigenen Lager entgehen oder im vorhinein wirksam begegnen, denselben die Spitze abbreche» und schließlich geht der „Schalem“ über An es. Ich will damit durchaus nicht der beschaulichen, beschränkte», behaglichen, thatenlosen Ruhe des Friedhofes, der philisterhaften Feigheit und dem furchtsamen Verkriechen der Frömmler das Wort reden, indeß wird Jeder zligeben, daß zu gewissen Perioden der Kamps der inneren Meinungsverschiedenheiten zu schwinde» und zu schweigen hat, ans Rücksichtnahme für die höherstehende Gesammtheit der Gemeinschaft Israels und deren intellecluelle, wie materielle und moralische Wohlfahrt. Im Allgemeinen gilt auch hier der Spruch: Inter arma silent leges, die Beschäftigung mit dem Studium der Lehre weicht dem positiven, praktischen Leben und steht zurück vor dem Existenzkampf um's nackte Dasein, zumal in einer so ernsten, alle Kräfte an spannenden uno anspornenden Aera, wo gewisserinaßen die Augen der Welt — nicht immer allzu freundlich blickend — auf uns gerichtet sind, hier muß der Eine mit dem Cherew pifijoth, der Andere mit dem altbewährten Rommotli-el gewappnet gerüstet dastehen, ■ gleichwie zur Zeit des zweiten ^Tempelbaues — bereit zum Kampfe durch und gegen die lange Nacht der eghptische« Finsterniß, bis die Morgenröthe einer neuen, freien Fiiedenszeir anbricht und das Judenthum sein langbestrittenes, endlich dauernd erstrittenes Recht erlangt. Ub’nej Jisrael jozim b’jad ramali! Wir haben dem Ersuchen des werthgeschätzten Freundes unseres Btattes, seinen uns eingesandten Artikel in unserem ' Blatte zu veröffentlich,-», gerne nachgegeben. Wir thaten dies hauptsächlich deswegen, um unseren Gegnern zu zeigen, daß wir nicht fürchten, selbst gegen, uns Gerichtetes, wenn es nur objectiv und innerhalb der Grenzen des Anstandes gehalten ist, unseren Lesern vorzulegen Und ihnen zuzurufen: Jetzt prüft und wählet! — Aber durch Veröffentlichung dieses Artikels ist auch der Beweis geliefert/ daß der jüdische Nationalgedanke selbst auf Männer, die mit der Milch der Assimilation großgezogen sind, tiefen Eindruck gemacht hat, wenn sie sich auch nicht recht von einigen cingeimpften, recht kleinlichen Skrupeln lossagen können. Doch jetzt zu den Einzelnheiten des Artikels selbst: Da wollen wir die geehrten Leser vorerst auf jene Stelle aufmerksam machen, wo uns der Vorwurf gemacht wird, daß wir das confesstonelle Moment zu wenig betonen, daß wir dadurch den Vorwurf auf uns ziehen könnten,., daß wir lediglich Race und keine Religion seien. also,keiucn Anspruch auf Berücksichtigung und besondere Beachtung haben. — Der erste Theil dieser Behauptung beruht auf einem Mißverständnisse, der zweite auf einer unrichtigen Auffassung. Wir betonen das confesstonelle Moment nicht deshalb weniger, weil wir es vielleicht unterschätzen, nein, sondern deswegen, weil es ziemlich unangefochten dasteht. Wir lassen uns darum nicht in confesstonelle Erörterungen ein, weil wir sollst den orthodoxen oder den fortgeschrittenen oder irgend welchen anderen religiösen Standpunkt einnehmen müßten, und dann nicht das sei» könnten, was wir b l o s s e i n wollen, nämlich ein Organ für dieEinigung allerJuden oh neUnte rschied der religiöse» Ansicht. Herr Dr. Grün anerkennt ja selbst, daß der Existenzkampf Allem vorgehe, nun gut — wozu also die religiösen Gegensätze schärfen?. Lassen wir den Meinungskamps auf einen geeigneteren Zeitpunkt, etwa auf die Zeit, wo es wahr geworden sein wird, was Herr Dr. Grün erhofft: Ild'nej disrael jozim b’jad ramali — und was nur wahr werden kann durch ein muthiges nationales Auftreten. Andererseits hat der hochgeschätzte Einsender des Artikels eine irrige Ansicht, wenn er davon spricht, daß die Juden als Race allein keinen Anspruch auf Berücksichtigung und besondere Beachtung haben. Es ist uns etwas ganz Neues, daß Racen als solche keinen Anspruch ‘ auf' besondere Beachtung haben. Ob „Glaubensgenossen" für uns Juden das bedeutendere ist als „Stammesgenoffen", oder das Umgekehrte der- Fall ist, diese Streitfrage lassen wir lieber unentschieden. Es ist auch ganz gleichgiltig. wenn'man nur beiden Momenten Gerechtigkeit widerfahren läßt. Khronik. (Reichsraths-Abgeordueter Dr. Bloch) hat an den jüdisch-nationalen Verein „Mikra Kodesch“ in Lemberg für die ihm vom Vereine anläßlich seines Auftretens in der Affaire „Rachel Stieglitz" zugekommene Dankadreffe, nachstehendes Schreiben gerichtet: „Löblicher Vorstand des „Vereines „Mikra Kodesch“ Lemberg. Für Ihre mich „sehr ehrende Zuschrift, worin Sie mir von Ihrem „Beschluß der General-Versammlung vom 4. d. . M. „Mittheilung zu machen die Güte hatten, sage ich „Ihnen aufrichtig meinen Dank. Wollen Sie den ge- „ehrten Vereins-Mitgliedern meine Sympathie und - den „Ausdruck der Theilnahme vermitteln, die ich für deren „ersprießliches Wirken in dem Kampfe zur V erfüll g u n g d e s I u d e n t hum s, z uv H e b u n g u n d „Weckung des i n t e l l e c t u e l l e n und n a t i o- „nalen Geistes empfinde. Kampfgenossen! „Räunllich von einander getrennt, stehen wir doch Schulter „an Schulter für die heiligsten Traditionen unseres 4000- „jährigen Volkstammes, dessen Fahne wir gemeinsam hoch- „tragen, ein; jede That, jede Regung eines Einzelnen in diesem „großen historischen Kampfe kvimnl der Gesammtoeit zu „Gute. Reichen ttyr uns die Hände zu Einigkeit und Brüder- „lichkeit, zur gegenseitigen Hilfsbereitschaft und Unterstützung „in dem Kampf wider alle erniedrigende Selbst- „preisgebung, wider die Schlaffheit und „Lauheit von der einen Seite, dem feigen >,f chmäliche n Verrathau f der anderen. Nächstens