Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 7 (1.5.1885)
- Date
- 1885-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7. Selbst-Eman cipo tion! mit Blindheit geschlagen, daß sie Flittergold vom edlem Metalle nicht zu unterscheiden wüßten und daher wird hoffentlich all Eurer Liebe Mühe umsonst sein. L. Race und Religion. Von Rabbiner Dr. Grün in Hohenems (Vorarlberg). Motl o: »W-S D» dou d>n Bäiern ererbt. Erwirb es, um es zu besitze»!* Jeder wahre und warme Jünger und Anhänger der jüdischen Nation und Confession wird und muß Ihnen Tank wiffen für Ihre initiirteu, eifrigen Bestrebniigen im Dienste und Interesse unseres Volksthnnis. zur Förderung und Festigung des N a t i o n a l g e f ü h l s. zur Hebung und Wiederbelebung unserer Nativ nal-Literatur. Doch darf es dabei nicht sein Bewenden haben, diese gemeinnützige Thätigkeit mit wohlmeinenden Wünschen und freundlicher Sympathie zu begleiten und zu v rfolgen. vielmehr ist jeder einzelne C o n u a t i o n a l e moralisch verpflichtet, nach Kräfte» sein Schäiflei» zum Wiederaufbau des nationalen geistigen Tempels beizutragen, als Israelit, d. i. als Gottesstreiter, beizntreten und sich anzuschließen der großen, geschlossenen Phalanx >m Heere Judas, gegen unsere gemeinsamen Widersacher mit Wort und That zu kämpfen, mit Waffen des Geistes und durch die Schärfe des materiellen Schwertes die Existenz Israels inmitten der es so sehr bedrängenden und bedrohenden Gegner zu stärkerr und zu kräftige». „Risches“ obligeJ Da ist es wahrhast erhebend zu beobachten, wie die Heranwachsende Generation mit bahnbrechendem, nachahinenswerthem Beispiele kühn vorangeht und hier bewährt sich das altbekannte Wort unserer Weisen: Heil unserer Jugend, die vor den Alten sich nicht schämen darf, aber auch diese nicht beschämt. Denn es gehört in der That ein gewisser Mnth der eigenen Meinung dazu, mit der bisherigen, langjährige» Gepflogenheit unter d u israelitischen Studenten frischweg zu brechen, bei denen es durch geraume Zeit leider üblich war, ihre Nation«- eiiizelnen sephardischen Familien zum dauernden und etwa drei aschkenasischen Familien zum vorübergehenden Wohnsitze dienen? Eine Stadt in gesunder Lage, mit bestem Klima, von duftenden Gärten rings umgeben, die zu jeder Jahreszeit Ueberfluß an Wasser hat, sollte nicht Anziehungskraft genug zur Ansiedelung daselbst besitzen? Die dortige Bevölkerung ist nicht dicht, daher auch die Lebensmittel billig'; die Wohnnngsniiethe für die schönsten Häuser, die aus Mangel an Bewohnern leer stehen, ist eine sehr mäßige. Der Mangel an Handwerkern ist sehr fühlbar, so daß jüdische Handwerker, die sich dort ansicdeln würden, es gewiß nicht zu bereuen hätten. Auch Händler könnten hier ihr Auskommen finden, da das Geschäft blüht und. die hiesigen Ka»ifleute im ganzen Lande bekannt sind. Hier wird die Seife fabricirt, welche allerorts zum Kleider waschen dient, in Wolle und Baumwolle werden große Geschäfte gemacht, auch gibt es Ziegenmilch genug zur Käsebereitung und im Sommer kommen die Milch- und Käsehändler nach Livhem. um dort ihren jährlichen . Bedarf einzukausen. Würden unsere Brüder sich hier niederlassen, so würde der Handel großen Aufschwung erfahren und der Umsatz gewiß bedeutend sein. Denn bei dem Geschäslsgeiste und der Umsicht, die unseren Stammesbrüdern eigen sind, würden sie ohne Zweifel neue Handelsartikel und neue Absatzgebiete ausfindig machen, die ihnen und den übrigen Bewohnern des heiligen Landes zu einer ungeahnten Qllelle reichsten Segens werden könnten. U Und wenn auch die derzeitigen Bewohner Palästinas l i t ä t zu verleugnen, die berechtigte Eigenart anfzugeben und in der jeweiligen Umgebung gänzlich aufzugehen. Nun, sicherlich haben wir es nicht nöthig, uns unserer . selbst zu schämen, oder über unsere Vergangenheit, wie etwa über ein bemakeltes oder bedeutungsloses Vorleben zu erröthcu; mir genügt dies allein nicht und dürfe» wir hiebei durchaus nicht stehen bleiben, denn für das Vergangene, für den veralteten, antiqnirten Ruhm gibt nicht allein der Jude nichts, sondern hiefür erhält er auch gar keine Anerkennung. Blos auf unsere Verdienste und Vorzüge in der Vorzest hinzuweisen, vom Stammcapital zu zehren, lediglich als brüchige, abbröckelnde, zerfallende Ruine des ehemaligen Offenbarungsvolkes sich fortzuerhalte», gibt uns noch lange nicht die Berechtigung zur Fort- und Sonderexistenz, wenn wir nicht zugleich auf lohnenswerthe, löbliche Leistungen, in der Gegenwart, auf Beruf und Bestimmung der Jetztzeit, mit einem Worte: auf unsere messianische Mission, auf unsere Aufgabe als Vertreter und Vertheidiger der religiösen Wahrheit pochen und uns berufen können. Wir sind nicht blos Stamme s-, als vielmehr, was wichtiger und bedeutsamer, Glaubensgenossen, und als solchen sind uns die glorreichen, gläiizenden Traditionen, die geschichtlichen Erinnerungen, gemeinsam, wie auch eine große, verheißungsvolle, erhabene Zukunft. Darum ist auch in unseren biblischen wie nachexilischen Festen und Fasten zumeist der religiöse und nationale Charakter gleichzeitig ausgedrückt und ausgeprägt. Wohl ist es wahr und. nicht zu bestreiten, daß durch die Stärkung und Steigerung der National-Jdee indirect auch das religiöse Interesse an Gewicht und Werth gewinnt und zuuimmt — wie wir in Folge der Glanzepoche des spanisch-maurische» Judenthums auch eine religiöse Renaissance wahrnehmen können, und wie ja auch bereits, in unseren allerjüngsten Tagen der Antisemitismus, selbstredend ohne es zu beabsichtigen, Gutes beivirkt hat, statt Böses zu schaffen; trotzdem möchte ich mir die sich jedem unbefangenen Beobachter oder unparteiischen Beurtheiler Ihrer werthen Zeitschrift unwillkürlich anfürängende Bemerkung erlauben, daß Sie denn doch das Moment der nicht in der Lage sind, ihre Wohnsitze zu wechseln, warum sollen die neuen Ansiedler immer nur nach Zion ihre Schritte lenken, um das dort schon vorhandene Proletariat zu vermehren, während ihnen hier in Sichern. eine bessere und menichenwürdigere Existenz in sicherer Aussicht steht? In früheren Zeiten, wo nur Einzelne sich in Jerusalem niederließen, die vom Geräusche der Welt und allem irdischen Streben sich zurückziehen wollten und nur von der Sehnsucht ergriffen waren, in dieser heiligen Stadt zu leben und zu sterben, da ließ sich dieses fromme Verlangen leicht begreifen und war es auch vollkommen gerechlferligt, sich nur da uiederzulaffen, wo schpn eine große Anzahl von Stammesgenoffen sich befand. Heutzutage aber, wo kräftige junge Männer, die mit ihren Familien auch noch das irdische Leben durchleben möchten, das heilige Land anfsuchen, warn» sollen sie sich nicht ebensogut in Sichern, mederlassen, wo alle Vorbedingungen einer besseren Zukunft vorhanden sind? Mögen diese unsere Worte Gehör finden und Diejenigen, welche rhr Augenmerk auf das heilige Land gerichtet, dazu veranlassen, bevor sie sich auf den Weg machen, das Ziel ihrer Reise sich vorher festzusetzen ünd dieses dann unverrückt im Auge zu behalten. Dann werden sie bald von anderen Seiten Nachahmung finden, die bisher verödeten Plätze werden bevölkert werden und der Spruch des Propheten wird sich erfüllen: „Wieder sollen überfließen Meine Städte vom Guten!" (8 echaijah 1,17.)