Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 6 (17.4.1885)
- Date
- 1885-04-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 6. Selbst - E m aneipation! und dabei dem uns ja schon bekannten Herrn Sobler die Hand reichte, welche Vieser an seine grinsenden Lippen führte. Anna, die Tochter des Banqnier Rafaelowitsch, konnte ein hübsches Mädchen genannt werden, doch verrietheu die für ihr Alter übermäßig entwickelte Körperfülle und das fette ausdruckslose Gesicht eine mehr sinnliche Natur, auch trugen das hellblonde Haar und die graublauen tück'schen Augen dazu bei, dem Aussehen des Mädchens etwas Unangenehmes zu geben. „Freilich wäre es mir lieber gewesen," fuhr Anna fort, „wenn mein Herr Bruder die Marrlyk geheiratet haben würde und dadurch um sein Erbtheil gekommen wäre, wiewohl ick andererseits dieser stolzen Mamsell meinen Stiefbruder nicht gegönnt hätte. Nun sind die Dinge anders gekommen; meinem Vater drohte der Bankerott und es war überhaupt in Frage gestellt, ob es Erbtheile geben werde. Da galt es vor Allem, den Vater aufrecht zn halten und so mich zu sichern und das haben Sie bewerkstelligt." „Zu viel Lob, Fräulein Anna," krächzte Sobler mit einem Lächeln, das einem Gähnen gleichkam und stierte mit verliebten Blicken das Mädchen an. „Lob gebührt Ihnen, ungetheiltes Lob," sagte Anna Rafaelowitsch, indem sie ihn fast zärtlich anblickte. Sobler wollte clwas erwidern, als ein Diener die Thüre öffnete und mittheilte, das gnädige Fräulein werde im Salon erwartet, wo eben die Familie Klatt zu Gaste gekommen sei. „Ah, meine zukünftige Schwägerin ist da," sagte Anna, als sich der Diener wieder entfernt hatte. Jetzt müssen Sie mich wieder verlassen, lieber Sobler." Der mit dieser vertraulichen Anrede Beehrte zuckte vor freudigem Schreck zusammen. „Vielleicht besuchen Sie mich noch heute, wo ich Ihnen über die jetzige Zusammenkunft Bericht erstatten und wir das Weitere in Berathung ziehen werden." Unter den devotesten Verbeugungen verließ Sobler das Zimmer, Anna sah ihm spöttisch nach; dann wandte sie sich zum Spiegel, wo sie ihre barock-, geschmacklose Toilette musterte, und begab sich in den Salon. Als Anna in den Salon trat, fand sie eine kleine Gesellschaft beisammen, bestehend aus dem Banqnier, seinem Sohne und Fräulein Klitt nebst Eltern und Bruder. Die üblichen Begrüßungs-Phrasen wurden gewechselt, dann nahm die Unterhaltung, wenn man das themalose Gespräch so nennen konnte, einen eintönigen Fortgang. Benjamin benahm sich im Ganzen höchst theilnahmsvoll gegen das häßliche und schon gänzlich verblühte Geschöpf an seiner Seite, welches man in den nächsten Tagen zu seiner Braut machen wollte. Etwas auinnrter war die Unterhaltung zwischen Anna und dem Bruder des Fräulein Klatt, der sich bemühte, dem jungen Mädchen den Hof zu machen, was ihm freilich schlecht genug gelang, so daß Anna innerlich über den unbeholfenen „Juden" lachen mußte. „Sie sehen so gar nicht jüdisch, aus," war das einzige Compliment, mit welchem der junge Mann dem Mädchen zu schmeicheln wußte, das. nun einen Blick in den Spiegel warf, um sich gleichsam von der Berechtigung dieser Behauptung zu überzeugen. Benjamin, der diese Schmeichelworte zufällig gehört halte, sah verächtlich ans ihren Sprecher, und war gerade daraii, an seine Schwester, deren triumphirenden Blick in den Spiegel er bemerkt hatte, eine bissige Bemerkung zu richten, als die Thüre aufging und der Diener Herrn Dr. Simson Rafaelowitsch anmeldete. Benjamin sprang erregt ans. „Simson hier?" rief er im Tone der freudigsten Ueberraschung. Auch der Banqnier war erstaunt, doch sagte er gleichgiltig zum Diener, ec möge den Herrn bitten, einzutreten, da man ihn ähnlichst erwarte. Aber der Auftrag war unnöthig gewesen, da Benjamin mittlerweile hinausgeeilt war und nach einigen Augenblicken mit Simson das Zimmer betrat. . Der alte Rafaelowitsch warf einen prüfenden Blick auf den Ankömmling, dann erst umarmte und küßte er ihn und stellte ihn der Reihe nach den Anwesenden als seinen Neffen vor. „Ah, mein Fräulein Cousine," sagte Simson mit verbindlichem Lächeln und einer galanten Berbengung, als er Anna vorgestellt wurde. Diese suchte ihr süßestes Lächeln hervor zum großen Aerger des dabei steheilden Herrn Klatt Die Familie Klatt empfahl sich bald. „Was führt Dich denn her, lieber Simson?" begann jetzt der Banqnier. „Wie geht's meinem Bruder, Deinem Vater? Beantworte mir Alles genau!" „Meinem Vater geht's recht gut, er läßt Dich und Benjamin natürlich Lrüßen. Was mich hieherführt? Ei, Verschiedenes; ich will Euch heute nicht damit ermüden, ich bleibe ja einige Tage hier und werde da Zeit genug haben, Euch von meinen Reisezwecken zn erzähle»." „Ganz wie Du willst. Hast Du schönes Wetter auf der Reise gehabt und gute Gesellschaft?" „Ich kann mich diesbezüglich nicht beklagen. Besonders in letzterer Hinsicht hatte ich eine sehr angenehme Fahrt, da ich mit einem mir befreundeten Geschwisterpaare von Jaffa aus bis hieher zusammen reifte. Es sind dies ein steinreicher junger Engländer und seine Schwester." „Ja, warum hast Dn sie nicht auch hergebracht? In einer fremden Stadt thnt es einem wohl, in riuem anständigen Hanse verkehren zu können." „Schön, Onkel, daß Du mir zuvoi gekommen bist; ich wollte Dich eben darum bitten. Da wirst übrigeits Deine Freude haben an den Leuten: es sind sehr liebe Menschen. Der junge Mail», Hariy Hartly ist, wie gesagt, auch sehr reich, er wird in nächster Zeit die Fabrik, seines verstorbenen. Vaters ans der vonnundschafttichen Verwaltung in eigene überiiehinen. Seine Schwester, Jsmene Hartly, ist schön und geistreich." „Hartly," sagte der Banqnier nach kurzem Sinnen, „ein glänzender Name in der Geschäftswelt. In London, nicht wahr?" „Ja wohl." Anna, die hinausgegangen war, trat wieder ein, von einen, Stubenmädchen gefolgt, das einen Imbiß für den Gast brachte. Die Tochter des Hanfes selbst spielte die Wirthin und dies ans möglichst' graziöse Weise. - Simson dankte, genoß ein wenig und entfernte sich, indem er sagte, er gehe den Geschwistern Hartly die Erlaubniß zum Besuche melden und werde bald mit ihnen znrückkoinmen. „Ein Mann im vollen Sinne des Wortes," sagte Benjamin, als Simson hinausgegangen war, im Tone des Enthusiasten. . „In der That ein Prachtkerl," bestätigte der Banqnier. „Ein charmanter Mensch," lispelte Anna. „Unter den possierlichen Figuren unserer-jüdischen, jungen Männer eine Ausnahme.'" - . Benjamin wollte heftig erwidern, doch der Vater ließ den Streit nicht ausbrechen. „Still Kinder, wozu der Streit? Duweißt ja, Benjamin, Anna hat einen losen Mund." Der Banqnier suchte jetzt jede Kränkung von' Benjamin fernzuhalten, da er sich diesem zum Danke verpflichtet fühlte.- Nach einer Stünde kam Simson mit Jsmene und Harry zurück: - - - - - - „Fräulein und Herr Hartly,- — mein - Onkel,- mein Cousin, mein Fräulein Cousine/' stellte Simson vor, unverwandt auf den Banqnier blickend/ - ----- Plötzlich entfärbte sich dieser- -/fassungslos starrte er Jsmene an. (Fortsetzung folgt.)