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Selbst-Emancipation · 1885-04-17 · Heft 6 (17.4.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 6 (17.4.1885)
Date
1885-04-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6. Seite 11 Selbst-Emancipation! ©in ©nrancipir f er« Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) IV. Es war ein schöner Traum, den die beiden träumten: Der Lenz kam heran und es war ihnen, als ob die ganze Natur ein Jnbellied anstimmte. Nie war der Himmel so blau, das junge Laub so grün und der leise Abendwind so erfrischend. Es war seit vielen Jahren der erste Lenz, den Anselm aus vollem Herzen genoß^ Er hatte Alles aufgeboten, Mirjam's Angehörigen und ihr selbst nach seinen schwachen Kräften das Leben leichter zu machen. Er hatte nach dem Tode der Mutter ein kleines Vermögen von etwa zwei- oder dreitausend Gulden geerbt und jetzt glaubte er den besten Gebrauch davon machen zu können. Mirjam durfte nicht mehr so angestrengt arbeiteri, ihre Schwester nahm die unterbrochenen Studien auf, die Mutter genoß die erforderliche Pflege. Anselm kam oft in's Hans. Des Abends las er dem kleinen Kreise vor, erzählte Einzelheiten aus seinem Leben. Einige seiner Freunde machten wohl Glossen zu seinem „Familienleben". Sie konnten ihn aber nicht dazu bringen, ihre lärmenden Abendgesellschaften anfzusuche». Mirjam hatte ihre freie Zeit dazu benützt, einige Lücken in ihrem Wissen auszufülle». Sie trieb sogar Botanik, hinter dem 'Rücken Anselm's. Aber in ihrer „Gelehrsamkeit" war etwas Plumpes. Sie wußte nicht den in zu großen Portionen aufgenommenen Stoff gehörig zu beherrschen. Und so machte sie den Eindruck als wenn sie mit ihrem Wissen prunken wollte. Anselm machte sie unaufhörlich auf dieses Vonsichgeben des jüngst Gelesenen, jüngst Gehörten aufmerksam, doch srine Ermahnungen betrübten nur Mirjam ohne zu eineni Ziele zu führen. Indessen hatte Anselm seine Studien beendigt und wurde zum Doctor der Medicin promovirt. Er beabsichtigte, in der Provinz sich anzusiedeln und nach Erlangung einiger Praxis Mirjam mit ihrer Miitter und Schwester zu sich kommen zu lassen. Eines Abends besprach er mit Mirjam, seine demnächst bevorstehende Abreise. „Nimm uns gleich mit!" bat das Mädchen. „Ich mllß doch erst sehen, wie ich mciu Unterkommen gewinne. Es ist schwer!" „Ich will arbeiten ... ich will so bescheiden leben. Laß uns nicht hier allein . . . nimm uns mit . . Thränen perlten in den Augen Mirjam's. „Was ist Dir, mein Kind?" „Nichts, mein Thnrerer! Aber mir ist so bange und mein Hkrz ahnt schweres Unglück. Ich habe keine freudigen .Tage erlebt, ehe ich Dich kannte und nun Du fortgehst, will mir scheinen, daß mein guter Stern mich verläßt und ich hier allein bleibe, allein in der Finsterniß." „Ich kehre ja wieder, mein liebes Kind ... ich kehre wieder und wir trennen uns nie mehr . . ." „Nein . . . nein, Du kommst nicht ... Du bist mir für ewig ..." Ein Schluchzen unterbrach die Worte des Mädchens. Weinend warf sie sich in Anselm's Arme. Es kostete Anselm nicht wenig Mühe, Mirjam zu beruhigen. Nach langem Zureden schien sie beruhigt ... aber in ihrem Herzen tobte noch ein ganzer Sturm von Gefühlen . . . und er legte sich noch lange nicht. Anselm reiste ab und blieb lange-— lange aus. . .. Wohl kamen Briefe von ihm, doch diese Briefe beruhigten nicht Mirjam. Sie hatte immer das Gefühl, so oft sie Anselm's Zeilen las, als entferne er sich jeden Tag mehr von ihr . . . als erfülle er nur eine Pflicht, indem er ihr schrieb. . . . Vielleicht lag auch etwas in den Briefen, was zu solchen Folgerungen berechtigte. Genug. Mirjam ward von Tag zu Tag nachdenklicher uud düsterer... Sie sprach weniger und konnte nicht einmal dem Fortschritte ihrer Schwester mit dem gewöhnlichen Interesse folgen. Ueberdies fanden sich gute Menschen, die in ihrer erzlicheu Mittheilsamkeit ihr Nachrichten von Anselm hinterrachten, die keineswegs geeignet waren, sie ruhiger zu stimmen. Dies Alles zehrte an ihr nnd inachte sie krank. V. Dr. Anselm Maier hatte sich in einem Badeorte nahe seiner Geburtsstadt angesiedelt. Die Saison war noch nicht zu Ende und der Curort zog durch seine schöne Lage und durch sehr gerühmte Eisenquellen immer neue Gäste an. Der junge Arzt erwarb sich gleich bei seiner Ankunft den Ruf eines tüchtigen Menschen . . . und da es in dem Curorte mehr vergnügungsfüchtige als thatsächlich leidende Gäste gab, so ivar es auch nicht schwer, mit Glück die Patienten zu behandeln. Dr. Anselm Maier war übrigens ein Mann von tadellosen Manieren geworden, kleidete sich immer schwarz, wobei er besorglich jeden kleinsten Fleck, jedes geringste Staubkorn vom Tuch wegzuwischen bemüht war. lrug die elegantesten Schuhe und den feinste» Hut und lichtgelbe Glacehandschuhe. Seine Leutieligkeit gewann ihm die Freundschaft der Einwohner des Orte»; man lud ihn in Privatkreise, wo es nur eine Belustigung, >vo es »ur eine heitere Znsammenkuiifl gab. In kleinen Curorten schaart sich ja ohnehin die Intelligenz immer zusammen! Und nun erst ein nach allen Regeln der Etikette wohl gebildeter Mann — ein Doctor der Medicin — ein weißer Rabe in der Sahara des geselligen Lebens — wie ninßte der gesucht werden! Das schmeichelte Anfangs Anselm — aber bald gewöhnte er sich daran und fand es ganz natürlich, daß er gewissermaßen der Mittelpunkt des ganzen gesellschaftlichen Verkehres wurde. Eines Tages berichtete ihm die Miethfrau, bei der er zwei Zimmer bezog ... daß eure Familie aus Deutschland angekommen ist, die gleich viel von sich sprechen gemacht hat. ... Es sei ein ältlicher Herr von äußerst elegantem Exterieur, seine um vielleicht zwanzig Jahre jüngere Frau und seine etwa achtzehir Jahre zählende Tochter. Die Familie sei sehr reich, was man daraus schließt, daß sie das grüne Haus an der Ecke des Pai kes ganz für sich mietheten und mit Pferde und Wagen, Dienstboten, einem Koch und einem Kutscher Einzug hielten. Die Tochter sei eine bezaubernde Erscheinung und mit einer Eleganz nnd einem Zartsinn gekleidet, daß sich die Kleinstädterinnen wohl ein Muster nehmen können. Dabei sei sie außerordentlich gebildet, denn sie spiele Clavier, spreche französisch,< italienisch und noch irgend welche Sprachen, die man gar nicht zu benennen weiß. Das Fräulein heiße Helena. Durch diesen ausführlichen Rapport seiner Quartiergeberin neugierig gemacht, bestrebte sich Anselm, mit der neuangekomm neu Familie bekannt zu werden. Es war dies umso leichter, da die Fenster ihrer Wohnung auf den Park, den öffentlichen Promenadegarten des Curortes gingen und er so täglich an dem Hause vorbeiging. Jnüeß erleichterte man ihm die Sache, indem man ihn in's Haus lud, um seinen ärztlichen Rath einzuholen für die Mutter des Fräulein Helene. (Fortftzmig folgt.)

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