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Selbst-Emancipation · 1885-04-17 · Heft 6 (17.4.1885) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 6 (17.4.1885)
Date
1885-04-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. SelbK-Emaneipation! Seite L und man fand im Keller des Nachbarhauses daS Kind ermordet. Zu so scheußlichen Mitteln greift der antisemitische Fanatismus, um das Volk gegen die Jude»« aufzureizen. — In B u k a r e ft kam eine Christin in de» Laden eines jüdischen Damenschneiders und beschnkdigte ihn, daß er ihr Kind umgebracht habe, um dessen Blut für die Mazzoth zu brauchen. Ihre beiden Kinder seien an dem Laden vorbeigegangen und nur rineS sei zurückgekommen. Sie machte einen solchen Lärm, daß sich Pöbel ansammelte, der eine drohende Haltung anzunehmen begann. Durch das Dazwischenkommen eines Popen aus dem benachbarten Kloster wurden Ausschreitungen verhindert, bald kam auch Polizei, die die Ruhe wieder herstellte. Das Kind wnrde bald darauf wohlbehalten ausgefunden. — In P i s e k (Böhmen) sagte ein Knabe gegen einen jüdische» Kaufmann ans, derselbe habe ihn abschlachten »vollen, wodurch große Aufregung in der Stadt entstand. TagS darauf widerrief der Knabe. Der Kaufmann besteht aber anf Fortsetzung der eingeleiteten strafgerichtlichen Untersuchung. (Rumänisch.) Ein jüdischer Kaufmann kam nach Äuzeu. Bor der Stadt wurde er von einem Strolche angefallen und seiner Geldbörse beraubt. Er lief dem Strolche nach, als er aber auf seiner Hetzjagd in die Braschowengaffe kam, wurde er, anstatt in der Bevölkerung Unterstützung zu findeil. von derselben mit Steinen beworfen, so daß er in Lebensgefahr gerieth. Zufällig kamen drei mit ihm befreundete serbische- Kauflente des Weges und nahmen-ihn in Schutz. Doch der Pöbel hörte nicht auf imi) bediohte auch die Serben. Der Jude fing nu» einen gerade auf ihn losfliegeiidei» Stein ans und wmf ihn auf den Schleuderer so unglücklich zurück, daß dieser blutend zusammenstürzte. Der Jude wäre jetzt verloren gewesen, wenn nicht Polizei gekommen wäre und ihn aus das Comaniffariat geführt hätte, wo sich feine Unschuld herauSstellte. Doch gab ihm der Commiffär den Rath, die Stadt schleunigst zu verlassen, was er, unter Begleitung der drei Serben bis zum Bahnhofe, auch sofort that. — In der obenerwähnten Gaffe werden d»e Juden stets so freundlich empfangen, und zwar macht eS bei den liebenswürdigen Herren, wie der Eorrespondent des „Hajocz“, " dem wir diese Nachricht entnehmen, sehr launig bemerkt, ke»uen Unterschied, wenn der Steinigungseandidat ein noch so ^ssimilirteS Aussehen hat. Die Leute feien eben gute Physiognomiker. („Epistel« über die allgemeine Berjudnng") ist der Titel einer Broschüle, welche Frl. Josephine I u r e t in Wim veröffentlichen wollte, die jedoch durch die Staatsanwaltschaft verboten wurde. DaS antifemitifche Fräulein erhob Einsprache gegen diese Confiscation; ihr Vertreter war Dr. Patt a i, der Freund deS Ritter v. Schönerer, auch sie selbst hielt sich eine glänzende Bertheidigungerede, aber das alles half nichts. Das Landesgericht Wien als Preßgericht hat laut Urtheil vom 28. März d. I. diesem Einspruchkeine Folge gegeben. (Mechanikus Schneider.) Kcnnt der Leser vielleicht diesen gewaltigen Mann? Run, er ist Vieeprästdent des österreichischen RefvrmvereineS (Antisemitenvereine-) in Wien. Dieser Herr gibt nächstens, wie er im „Oesterr. Bolksfreund" verkündigt, eilte Entgegnung auf Dr. Eibogen'S „Mahnruf an daS arbeitende Bott- *) unter dem gleichen Titel heraus. Welchen Dust diese GeisteSblüthe wohl haben wird? — (AnttfentttiSmnS als Milder«»gsgr»«d.) Die in Berlin erscheinende antisemitische Zeitschrift „Die Wahrheit" griff in drei Artikeln die Ehre deS jüdischen Schriftstellers Dr. Ksthut, sowie die seiner Frau u,ld seiner Familie an. Dr. Kohpt erhob gegen den Redatteur degenannten Mtz« Ar. S. Literarisches. Blattes eine EhrenbelndigungSklage. Der Richter gab dem Klagebegehren nach und v-rurtheilte dm antisemitischen Redatteur zu einer Geldstrafe von 75 Mark. In den UrtheilSgründen aber führte er als MilderungSgrund an, daß Beklagter Antisemit nnd demnach verpstichtet sei, gegm die Juden Abfälliges zu äußern. Korrespondenzen. Odeffa. 10. April. Peßach ist nun vorbei und — Gott sei Dank, daß er vorbei ist. Wir athmen wieder auf. Unheimlich war es bei unS während dieser Festtage, trotz deS herrlichen Wetters. Die Ruhe der Juden wurde nicht gestört, nicht nur nrcht bei uns in Odeffa. sondern nirgends in Rußland. Doch, welche Ruhe! Eine Ruhe, erzwungen durch Bajonnette! Die Polizei wurde durch Militär- und Kosaken-Abtheilungen verstärkt, die während der Feiertage durch alle Straße zogen, um dem Pöbel Respekt einzuflößen. Respekt wogegen? Gegen unser Hab und Gut. gegen unsere Menschenwürde! Und das ist wohl das Schlimmste nicht. Biel schlimmer ist eS, daß ein großer Theil unserer russischen StammeSgmoff n dies Alle» ganz in der Ordnung findet. Leon Schwarz. Lemberg. In der hiesigen jüdischen Gemeinde herrscht große Entrüstung gegen den Cantor D.. der die christliche Bevölkerung gegen seine Glaubeiisgnoffn anfgereizt hat. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen: Der mit der Gemeinde wegen seiner vielen herrlichen Eigenschaften, die hier aufzuzählrn zu weitläufig wäre, zerworfene stimmlose Herr Cantor (alias Obercantor) buhlte durch das Ah' quaken einiger polnischer Rationallieder in ein« ohrch» zerreißenden Polnisch im Gotteshau se um die Gunst der P. T. ^Kndas-^obün-Jüngelchen. Die s scheint der Tempelverwaltung, die längst des Herrn CantorS loS werdm wollte, ein wenig mißfalle»» zn haben, und sie fand daher seelenvergnügt einen stichhältizm Grund, um Herrn D. den Laufpaß zu ertbeilen. Aus Rache hiefür erließ Herr D. im diesigen polnischen Tageblatte „Kn, her LwowSkk" eitlen geharnischten Artikel gegen die Judenschast. Er — heißt eS dort unter Anderem — einer der berühmtesten Sänger Europas (sie!) habe die verlockendsten EngagementSanträge nach Berlin und Mailand ausgeschlagen. um nur einzig und allein die Lemberger Juden zu beglücken, sie auf die richtige Bahn der — Assimilation zu leiten und sie durch Bortrag polnischer Nationallieder für's Vaterland zu begeistern. Doch die Juden» undankbar w e sie einmal seien, bewarfen ihn hiefür mit Unflath nnd vergalten ihm seinen polnischen Patriotismus mit — der Entlastung. Armer Konfederatka-Chafen! Sie sind ein rechter Pechvogel! Schade nur, daß es unS an Zeit mangelt. Sie zu bedauern. — In den Halbfeiertagen de- PeßachfesteS fand im jüdifch-nattonalen Vereine „Mikra Kodesoh" unter dem Prüstdium der Herrn Rabbiners Dr. Kodak die zweite Generalversammlung statt. Auf der Tagesordnung stand die Ergänzungswahl eines BicepräieS an Stelle denach Serbien abgereiste» Dr. Bierer und die Wahl zweier Mitglieder in den Ausschuß. Zmu Bicepräse» wnrde der hier allgemein geachtete Philantrop Herr Jakob Stroh, und in de« Ausschuß Herr stad. jur. Diamaud und Herr Berkowitz gewählt. Als Einige, Über die Tendenz deS VereineS noch im Unklaren, die Wahl der RedreteurS der „Ojczyzna“ beantragt hatten, wurde ihnen von den kadimahnifch Gesinnten tüchtig heimgeleuchtet. — Zum Schluß würde Akademiker Diarnand beantragte Resolution: .Die Genera l-Berf ammlun g drückt dem ReichSrathS-Abgeordneten Herrn R-bbiner Dr. Bloch für fein mannhafter AHfirrten in der Affaire Rachel Stieglitz den tief-

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