Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 6 (17.4.1885)
- Date
- 1885-04-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6. ©ft 6 st- Emancipation! Seitf 3. Wer hat beim Durchlesfii der Berichte, die die Wiener Presse über JosesRabinowicz, sein Auftreten und seine Lehre brachte, nicht deutlich heraus gefühlt, daß da dieses ganze Treibe» Billigung finde? Wer sitzt denn aber in den Redactionsstuben der meisten Wiener Tagesblätter, wenn nicht Juden, vom Assimilationsfieber befallene Juden? Diese Berichte waren darauf berechnet, in dem Leser die Meiunng zu erwecken, daß Rabinowicz einen Kampf für Licht und Fortschritt begonnen habe. Die sonst so confissionslosen Wiener Journale waren plötzlich so religiös geworden, daß sie, wie aus ihrem Tone leicht ersichtlich, in der Verbreitung des Christusglaubens einen Fortschritt erblickten. Nur durch die Favorjsirung seitens der Assimilanten ist Rabinovicz, ein in seinem Heimatlande unbeachteter und wegen seiner Unbedeutendheit mißachteter Mann im Auslande zu einigem Ansehen gekommen. Ja, man erzählt sich ganz merkwürdige Dinge von der geheimen Unterstützung, die der Kischenewcr Apostel durch die hervorragendsten Männer jüdischen Bekenntnisses erfährt. So soll ein in der Wiener Gesellschaft viel genannter und bekannter Jude es nicht verschmäht haben, niit Rabinowicz, der sich hier InooZnito einige Tage ausgehalten haben soll, in Sachen „Neu-Jsraels" zu coiiferire». Man muß zugeben, daß die Herren Seelenerlöser jetzt einen richtigeren Weg eingeschlagen haben, aber auch der wird sie nicht zum Ziele führen. Die Nationaljuden werden sich ihnen, als den größten Feinden der Fortexlsteuz unseres Stammes, mit voller Kraft rntgegenstemmen; den Rationalju'den wird es gelingen, die Massen des Volkes zu überzeugen, daß die Assimilanten bewußt oder unbewußt Josef Rabinowicz unterstützen, bewußt oder un< bewußt zur Taufe hin dräu gen. K.J. Was Ihun? Betrachtungen eines Juden über die Zukunft feiner Nation. I d i baue ub i patria. Die Begriffe Nationalität und Assimilation vom allgemeinen Standpunkte betrachtet. Humanity begins at b ume. Jedes einzelne Individuum, sowie jede Gruppe von Individuen erfordert zu seinem vollkommenem Gedeihen, zu seiner regelmäßigen Entwicklung, außer mehreren anderen Bedingungen, ein günstiges Medium. Dieses o rganisch-n othwendige Medium bietet,wenigstens während der historischen Periode der Geschichte der Menschheit, die Race, und in den Grenzen einer Race stellen dieses Medium die Nationen dar. Die Geschichte liefert viele Beweise dafür, daß in dieser Sphäre der Verwandtschaft, in dieser intimeren Welt unsere Fähigkeiten sich im Allgemeinen freier und schneller entwickeln können, als unter gegensätzlichen Verhältnissen, daß im ersten Falle viele unnütze Reibungen vermieden werden und die Zähigkeit und -Ausdauer im großen Kampfe um's Dasein gestärkt werden. Es scheint, als ob die Entwicklung einer Nation derjenigen eines Embryo ähnlich ist. Das eine gewisse Zeit im mütterlichen Organismus bleiben muß, um genug stark und gut ausgerüstet in die Außenwelt zu treten. Dies ist der Grund, weshalb jede Race, jede Nation seit jeher mit! ftaunenswerther und unerschöpflicher Energie nicht nur ihr physisches Dasein , sondern auch ihre individuellem geistige Integrität und Unabhängigkeit vertheidigte. Was Anderes könnten wir hier als bewegendes Motiv anführen? Bei jedem Volke entsteht entweder bewußt oder in höherem Grade noch unbewußt die Ucberzeugung, ßdaß es nur auf. diesem Wege die r.ölhige materielle und geistige Kraft gewinnen kann. Es gibt keine einzige Nation, die nicht mit allen Fibern der Seele den Asfimilations versuchen widerstrebte. Was bedeutet Assimilation? Vernichtung typischer Züge einer Nation und Aneignung typischer Eigenschaften einer fremden Nation. Die zu vernichtende Nation h t durch Jahrhunderte gewisse Ideale, gewisse Elemente des Fortschrittes ausgearbeiter, die ihr die Möglichkeit sich zu erhalten und sich fortwährend zu entwickeln geben. Es find dies die sogenannten nationalen Züge. Nehmet sie weg — und die Nation hat aufgehört zu existiren. Sich assimiliren bedeutet für eine Ratio»: ver-' schwinden. Niemand will aber freiwillig einen Selbstmord begehen, um — dem Anderen Platz zu machen. . . . Ein derartiges Beispiel läßt sich in der Geschichte schwer finden, am wenigsten in der Geschichte derjenigen Nationen oder Stämme, die genügend erstarkten, bevor sie in die Außenwelt traten, die Zeit gehabt hatten, einen nationalen Typus anszuarbeiten. Demgegenüber sind der Versuche einer Nation, eine andere zwangsweise zu assimiliren, unendlich viele. Augenscheinlich ist der Grund dieser unnatürlichen Versuche darin zu suchen, daß das affimitirende Volk nicht ganz klar sich den Sinn seiner Forderungen vorstellt. Im Namen welchen Princips erlaubt sich eine Nation der anderen zu sagen: Entsage Deiner originellen Organisation, Allem, wozu Du Vorliebe hast, Deinen Idealen — und nimm die meinigen an? Um dieses teuflische, ungerechte Postulat zu verwirklichen, gibt es zwei Wege: Ueberzeugung oder Unterjochung. Ist es aber so leicht möglich, eine Race von einer Sache zu überzeugen, die im Grunde falsch ist, von der unbedingten Ueberlegenheit nämlich einer Nation, respective Race gegenüber einer anderen? Es ist sonnenklar, daß jede Nation ihre originellen Eigenschaften, ihre Ideale hat, die aber der ganzen Menschheit gleich theuer sind. Das kann nicht genug betont werden,. insbesondere in Bezug auf die Albernheiten, auf denen die Theorie der sogenannten geistigen Ausgcwähltheit basirt. Als Italien, Griechen» land, Bulgarien für ihre Unabhängigkeit kämpften, so handelte cs sich hier nicht dlos um rngnationale Interessen. Nein! Die Kriegsthaten der muthigen Helden fanden einen mächtigen Widerhall in jedem menschlichen Herzen in allen Welttheilen. Jeder Denkende fühlte, daß man dort für das heilige Menschenrecht und für die zertretene Menschenwürde kämpfte. Kein Volk entsagt so leicht, auch das kleinste nicht. Kein Volk soll entsagen — im Inter esse der ganzen Menschheit. Diew ah re We lt b ü r g e r li ch k e it beginnt zu Hause. Mit der Ueberzeugung geht es also gewöhnlich nicht. Es bleibt also nur Unterjochung — Gewalt übrig. Gewalt! Das ist das Lieblingscement der Kupplerin, die man Geschichte nennt. Sie bietet uns ja nichts anderes, als eine ergreifend-traurige Erzählung von Gewaltthätigkeiten, die eine Race nach der anderen, eine Nation nach der anderen, verübte. Dabei wurde die eigentliche Assimilation niemals ganz erreicht, sondern blos geistige und moralische Entstellung des Besiegten, Degeneration desselben und was den Sieger betrifft, so ist schon die Tendenz, sich auf Kosten eines anderen zu entwickeln, ein unzweideutiges Merkmal seiner moralischen und geistigen Impotenz. Das unterjochte Volk geräth in Verhältnisse, die ungünstig find für sein geistiges Gedeihen, für die Entwicklung seiner Fähigkeiten, seiner Ideale. Gewöhnlich erlahmt dann allmählich das heilige Streben nach Freiheit. Wenn aber dieses Streben gänzlich erlischt, wenn das Volk sich selbst zu verleugnen anfängt, dann ist seine Lage höchst kritisch geworden. Im Hintergründe steigt das Phantom des Todes empor, nicht aber des tapferen, heldenmüthigen