Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 6 (17.4.1885)
- Date
- 1885-04-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 6. Selbst-Emoncipation! Offener Brief von «lbraha« «onstantinowSkh in Odessa an Herrn Professor Franz Delitzsch in Leipzig. (Aus dem Hebräischen übersetzt.) (Schluß.) „Euer Hochwürden können mir glauben, daß eS nicht Eifer für Adonai Zebaoth ist, der mich ergriffen hat und gleich einem Fanatiker verzehrt; was sollte es denn mir schaden, wenn auch Tausende solcher Unwissenden mit ihrer Thorheit öffentlich auftreten? Nicht über den Heuchler Gordin ergießt sich mein Grimm, auch gegen Friluker oder Josef Rabinowicz empört sich nicht mein Inneres. — WaS können diese Thoren durch ihre Komödie mehr erzielen, als höchstens die Zuschauer zum Lachen zu bringen? Sie wer» den uns nicht das geringste Uebel zuzufügen im Stande sein. Wer solchen Leuten, deren ganzes Wissen höchstens in einer unvollkommenen Kenntniß der heiligen Sprache besteht, die aber sonst unwissend und aller Weisheit baar sind, Gehör schenken, Leuten, die feine Leiter, keine Lehrer hatten und auch sich selbst wenig gebildet haben. Leuten, die vor einem Silberstücke und einem Laib Brot sich bücken, die im Rathe angesehener Männer des Wissens und ehrenhafter Schriftsteller nie gesehen wurden und in der Versammlung der Vernünftigen nie aufgetreten sind? — Nur weil die Achtung und das Ansehen Euer Hochwürden dadurch berührt wurden, daß Sie durch Ihren Namen das Treiben des Josef Rabinowicz verherrlichten, und sein mit Thorheiten und Heucheleien überfülltes Werk förderten, nur deshalb kann ich, wie ein jeder Jude, der Ihren, Namen ehrt, nicht umhin, zu bedauern, daß ich Sie in dem von dem Neu-Jsraeliten Josef Rabinowicz aufgeführten scandalösen Schauspiele nntwirkend erblicken muß. „Zieh' doch her", höre ich Einen dem Andern zuflüstern, „wie der winzige Jsop an der Wand des Gebäudes Israel der großen Ceder im Christenthume beikommt, wie der Wicht den großen Mann nach Herzenslust irreleitet, so daß dieser ihn einem Gesandten Christi, einem der Apostel gleichstellt." Ein Zweiter fügt diesen Worten noch hinzu, daß man aus der Gegenwart auf die Vergangenheit schließen könne, denn wenn es noch in der Neuzeit einem unangesehenen Individuum aus rrnserer Mitte gelingen kann, einen im Glauben wie im Wissen zu den Hervorragendsten der Christenheit zählenden Mann derart zu täuschen, daß dieser ihm die größte Achtung entgegenbringt und ihn mit unverdienter Ehre förmlich belastet, wie konnte es noch bei den Alten sein? — „Noch rm Mutterleibe kämpfte Jacob mit seinem Bruder Esau und besiegte ihn auch!" sagt ein Dritter. „Komm und siehe den Unterschied zwischen den Abgefallenen in Israel und den Propheten anderer Nationen", bemerkt nun ein Vierter. Ein Fünfter aber meint: „Mag sich Josef Rabinowicz seines Antheiles freuen; er fand im Christenthume eure weitausgebreitete grasreiche Wiese, von deren Säften er sich nährt. Die englische Mission bewirthet ihn mit ihr.m reichen Vorrathe und reicht ihm als Lohn seines Betruges zärtlich ihre Mutterbrust." — Alle Nebligen denken: Mögen die Großen im Christenthuine über ihren Gewinnst sich freuen, mögen sie dem Geringsten im Judemhume, der ihnen in Betreff ihrer Religion das kleinste Zugeständniß macht, frohlockend entgegenkommen! Mögen sie diese winzigen Jnsecten durch ein Mikroskop betrachten, und so den noch jungen, unwissenden Friluker zum alten, rm Streben nach Wissenschaft ergrauten Greise, den Gordin zum angesehensten Manne machen, den Josef Rabinowicz aus Kischenew zum Josef, der das Verborgene, .entdeckte, »um Manne, dem die Kenntniß des Allerhöchsten, den. er mit offenen Augen schaut, offenbart wurde, der von „der Gottheit bestimmt wurde, die über zweitausend Jahre unerklärt gebliebenen Worte des Propheten in Erfüllung gehen zu lassen! So denken Alle, aber sie fragen auch: „Wo bleibt nun die Verheißung des Propheten Jesaias (XI, 6): „Es wird der Wolf mit dem Lamme zusammen wohnen und der Leopard mit dem Zicklein?" wo ist das Ende voller Wunder, wo Alles nur nach Wissen und Erkenntniß streben wird (Daniel XII, 4)? Wie sind die Kreuzzüge, wie ist der Antisemitismus jeder Generation bis auf die heutige zu deuten, wenn die göttliche Verheißung : „Es wird für Zion ein Erlöser kommen" schon in Erfüllung gegangen ist? Nun werden Euer Hochwürden hoffentlich überzeugt sein, wer dieser Herr Rabinowicz ist, und den Werth dieses Mannes, auf den Sie so stolz sind, kennen gelernt haben. Ich habe Ihnen hier nur einen Theil seiner Eigenschaften geschildert. Dixi et salvavi animam meam. Jetzt können Euer Hochwürden nach Ihrer Einsicht handeln. In Hochachtung und Verehrung Euer Hochwürden ergebener Abraham Konstantinowsky. Odessa, in Schebat 5645. Neu-Israels Helfershelfer. Wir haben de» vorstehenden „offenen Brief" mit Vergnügen abgedruckt, da er ein Stnislicht auf das rigenchümliche Vorgehen der Missionäre wirst. Die Herren Judenbekehrer hatten bis vor nicht langer Zeit nur en detail gewirkt, hatten sich damit begnügt, wenn nur von Zeit zu Zeit so ein Ungläubiger durch den Eintritt in die Kirche eine Anwartschaft auf das Paradies erlangte; aber plötzlich ergriff sie der Ehrgeiz, en gros Geschäfte zu machen, die Begierde »ach einem „Massen Seelenfang". Aber wie das anstelle»? Die Prediger des Evangeliums sahen sich nach allen Seiten um und da entdeckten sie das Entstehen der modernen jüdischen Nationalbewegung. „Sollte sich das nicht benützen lassen?" calculirten sie und begannen eine rührige Agitation; Herr Professor Dr. Delitzsch, der vielleicht ein wenig mehr, .als es seinem guten Rufe unter den Juden zuträglich sein kann, in Sachen der Mission arbeitet, schrieb schon über eine „jüdisch-nationale, christgläubige Bewegung." Doch die guten Leute, hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sie stießen auf den hartnäckigsten Wiedrrstand von Seiten der Nationaljuden, was sie gar nicht erwartet zu haben schienen. Der wahre Nationaljude ist eben von der Urberzeugung -durchdrungen, daß zwischen jüdischer Nationalität und mosaischer Religion eine so innige Wechselwirkung herrscht, daß rin Aufgeben einer dies er beiden auch 1 denUntergangder andern notwendig zur Folgehabenwürde. > Nachdem nun die Herren Missionäre sich hier sin i ihrer Erwartung getäuscht sahen, blickten sie sich anderi wertig nach Hilfe bei der Ausführung ihrer großen Pläne t um und sie schlugen schließlich den gerade entgegengesetzten l Weg ein. Die Assimilationsbestrebungen im Judenthume : sollten dienstbar gemacht werden: Josef Rabinowicz und t seine Anhänger bedeuten nichts anderes, als eine höhere r Sprosse auf der Leiter der Assimilation; die übrigen » Affimilanten stehen einige Sprossen tiefer, sie haben sich! noch nicht zu der Höhe emporgeschwungen, die der Kische- ) newer Prophet einnimmt; aber gar manche von ihnen be-, c schäftigen sich damit, unvermerkt die höher stehenden , „Neu-Jsraeliten" zu st ü tz e n, damit diese nicht schwindelig f werden, vielmehr die Spitze der Leiter erreichen und e, die Untenstehenden dann nachziehen können. Die Spitze i, dieser Leiter aber ist die — T a u f e. D i e Taufe a ist — wir sprechen es laut und unbekümmert um das e voraussichtliche Gejetter. daS erhoben werden wird, aus — 3 die letzte Consequenz -der Assimilation«- : sucht.