Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 5 (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Selb st-Emancipation! Seite 5. des-Adelsbrifes. Rücksicht zu-nehmen. Nur die— Juden mit ihren Ädelsbrirfen werden nicht respectirt.. . . (Procef; .Ritter.) Der Cassationshof i» Wi n hat das Urtheil des Krakauer Schwurgerichtes, nach welchem Moses Ritter und seine Gattin als des Mordes schuldig erkannt und zum Tode v.-rurtheilt wurden, in nicht öffentlicher Sitzung aufgehoben und die Vornahme einer neuerlichen Untersuchung, dem Krakauer Landesgerichte aufgetrage». Der Proceß Ritter wird also, wenn die Staatsanwaltschaft in Krakau von der Verfolgung-nicht zurücktritt, zum dritten Male vor das Schwurgericht kommen. Nach der „Oesterreichischen Wochenschrift" soll der Rücktritt des Staatsanwalts von. der Anklage bereits erfolgt sein. Korrespondenzen Lemberg. Am ln. d. M. verließ zum größten Bedauern der hiesigen gutgefinnten J»d>nschaft, und namentlich der jüdischen Jugend, der hochverehrte Med. Dr. Rubin Vierer, unsere Stadt. Der Name eines Dr. Vierer ist zur Genüge bekannt, als daß ich vier die Verdienste, die sich dieser Mann für das Jndenthum. und speciell fürdas nationale und zwar hauptsächlich in Galizien erworben, .aufzählen sollte. Nur Eines sei hier erwähnt, daß Doctor Vierer hier der Erste war, der uns die Schuppen von den Augen nahm, und den verderblichen Lehren einer Assimilation und Selbstverleugnung des jüdisch-nationalen Bewußtseins ein donnerndes Halt zurief. Sein aufopferungsvolles, nnermüdliches Wirken auf diesem Felde war geradezu staunrns- und bewunderungswürdig. Es würde zu weit führen des vielen, vielen Guten, das Herr Dr. Vierer hierzu gedenken. Wie sehr Dr. Vierer von seinen Freunden und Anhänger» g liebt und geachtet wurde, beweist der Umstand, daß sich vor dessen Abreise, trotz der ungünstigen ^Witterung, am Bahnhofe, der Ausschuß des Vereines!,.Llikra1r Kodesch“, der bekanntlich dasselbe Ziel und dies selbe Tendenz wie die Wiener „Kadimah.“ an strebt, v o l lkzähl ig unter Anführung des Präsidenten Sr. Ehrwürden, des Herrn Rabbiner Dr. I. Kobak ve> sammelte. Ferner waren vertreten: die hiesige akademische Jugend, die hiesigen Mitglieder und Anhänger der „Kadimali“ die Handelsjugend und außerdem noch viele Freunde und Gesinnungsgenossen des Herrn Vierer. Eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges hielt Sr. Ehrenwürden Herrn Rabbiner Doctor Kobak mit tiefbewegter Stimme und bis zu Thränen gerührt an Herrn Dr. Vierer eine Ansprache. Er begann: „Ich glaube die richtige Gesinnnng unserer gemeinschaftlichen Freunde zur Aeuß-rnng zu bringen, wen» ich es aussprecke, daß uns in dieser ernsten Abschiedsstunde eine zweifache Empfindung beherrscht. Zuerst ist es das freudige Gefühls daß Sie einen ehrenvollen Ruf erhalten, zum Wohle der Menschheit zu wirken, und ist es zu hoffen, daß Sie auch im Interesse der Judenheit zu wirken Gelegenheit haben. Ihr lauteres jüdisches Bewußtsein, welches ja mit der- Humanität eines ist, begleitet Sie überall hin, und ist es mit Zuversicht zu erwarten, daß Sie Ihre uneigennützigen idealen Bestrebungen stets und aller Orten fortsetzen und nirgends den Kampf mit den finstern Mächte» der R-gation scheuen werden. Aber Wehmuth erfüllt unser Herz, daß einer der wahren Männer Israels, deren wir hier mehr denn anderwärts brallche», uns verläßt, und uns allein im Kampfe mit dem Nihilismus zurückläßt. Ich als Freund habe an Ihnen eine freundliche Unterstützung gehabt. Sie haben mir die Kräfte zugeführt, welche mit Begeisterung und Hingebung/ mit Treue und Opferfähigkeit um das echt jüdische Panier sich scharen, und wir alle fühlen erst jetzt, wie uns der Freund und Bundesgenosse fehlen wird." Herr Dr. Kobak erinnert au die Abschiedsworte des Propheten . Elias an Elischa und schließt mit den Worten: „Und so geleite Sie der Segen Gottes und der beste Wunsch Ihrer Freunde, und wollen Sie uns stets in guter Erinnerung behalten, wie wir es Ihnen gegenüber thun werden, indem wir Ihr edles Streben uns immer vor Augen halten werden und der Nachahmung uns befleißigen." Hierauf ergriff Herr sind. zur. I. Feld das Wort und sprach: ..Hochgeehrter Herr Doctor! Ihre Abr-ise betrübt die j übischen Akademiker im hohe» Grade. Wenn ich sage: die jüdischen Akademiker, so verstehe ich darunter nicht diejenigen, welche blos der Zufall dazu v e r d a m mt hat, von semitischen Eltern a b z u st a m m e»; ich meine vielmehr jene jungen Leute, die noch für ihre n at io n a l e Vergangenheit Gefühl und Verltänduiß haben, und die soeben mit schwerem Herzen von Ihnen Abschied nehmen. Bevor Sie in unserer Mitte erschienen waren, herrschte in der hiesigen akademischen Welt ein Chaos von Begriffen. Der größere Theil derselben, denr nur die Magenfrage vorschwebte, suchte sein Heil in der Verleugnung seiner Abstammung uud war bestrebt, sich fremden Elementen, wenn auch mit verächtlicher Zudringlichkeit, anzmchin egen. Die geringere Zahl derjenigen dagegen, die es vorzogeu. ihrer alten Fahne treu zu bleiben, schwebte in G fahr, in Folge der Terrorisirung der verblendeten Mehrzahl, sowie auch wegen Mangel an Einheit und Leitung den Boden u„ter ihre» Füßen zu verlieren, und in den Jndifferentismus zu verfallen. Sie, geehrter Herr Doctor. haben uns aus dieser Lethargie geweckt. Sie haben durch weise Rathschläge, wie nicht minder durch Ihr bewnnderungs- und nachahmungswürdiges Beispiel die M i n o r i t ä t zu Thaleu anfgerüttelt uud von den Irrlehren der Mehrzahl gerettet. Sie haben es beivirkt, daß der jüdiiche Funke, der in unserem Herzen glomm, zur mächtigen Flamme ward, nnd Sie können sich mit Horaz zunifen: „Exegi monumentum aere perennius.“ Mögen Sie, geehrter H.rr Doctor, in dem Äewußisein, ein edles Werk angebahnl zu haben, i» der Dankbark-it Ihrer Jünger den Lohn für Ihr aufopferungsvolles Ringen finden, wie wir uns anderseits mit der Hoffnung trösten wollen, daß Sie auch in der Ferne unser nicht vergesse» und auch fürder Ihren gewichtigen Rath nus nicht vorenthalten werden." Zum Schluffe sprach noch Herr Carl Stand. Mitglied der „Kadimah.“ Er hob die vielen Verdienste des Dr. Vierer hervor, dessen aufopferungsvolle Hingebung für die große heilige jüdische Sache, dessen rastlosen, unermüdlichen Kampf mit den verblendeten Verleugnern des jüdisch-nationalen Selbstbewußtjein?, ferner dessen Streben. Eifer, Blühe nnd Arbeit, die er spcciell der Lemberger Judenschaft i n u ue i g e n n ü tz i g st e r Weise gewidmet, spendete ihm hiefür in warmen Worten den Dank, nnd schloß hieraitf seine R de mit ungefähr diesen Worten: „Wie viel bitte, e Enttäuschungen, wie viel Kränkungen, ivie viele Anfeindungen, erfuhren Sie in der Frist Ihres nimmermüden segensreichen Wirkens! D o ch S i e, M a n n d e r v e rk ii n d e n d e n W a h^r h e i t l i e ß e n sich nicht a bschrecken, nicht terrori'iren! Nicht der Koth, mit dem Sie Ihre — unsere — Antagonisten, die Namenjuden, bewarfen; nicht die verschiedenen Blättlern, die unbarmherzig wie Wölfe über Sie herfielen, nnd die lügenhaftesten Injurien erhoben, vermochten Sie in Ihrer Ueberzeugung, Ihrer Wahrheitsliebe zu erschüttern! Sie standen unerschrocken da nnd hielten Ihre heilige Fahne: „Ka cl i m a h“ gen Osten! — Vorwärts! auf die Sie: Einheit u n t e r u n s e r e n B r ii d e r n u n d Liebe zum Boden des Ahn en landes geschrieben hatten, trotzdem hoch, und erwarben sich eine groge Anzahl von Anhängern, die Ihnen in Liebe ilnü Achtung zngethan sind. Unsere Herzen, die Herzen der Jugend haben Sie sich besonders erworben. In unseren Herzen haben Sie sich ein. Denkmal errichtet, das nicht der Sturm der Z.it hiuwegzufegen vermag. Sie, Herr Doctor sind uns zum Muster, zrlm Beispiele, denn die Jugend liebt Ideale, und wo finden