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Selbst-Emancipation · 1885-04-03 · Heft 5 (3.4.1885) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 5 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 S e lb st - E m a» cipa t i o n! ■Kr. 5. Ghronik. (Antisemitisches ans dem österreichische» Abgeordnetenhäuse). Nach der Annahme der Regierungsvorlage bezüglich des Uebereinkommens mit der Nordbahn am 24. März l. I. kam es zu einem unerhörten Scandale. Von den Galerien aus, wo sich eine große Anzahl der sogenannten „Demokraten", sowie der jugendlichen deutschnationalen Schönerianer eingefunden hatte, begann rin fürchterliches Gejohle und Gezische. Die ganze Demonstration trug einen antisemitischen Charakter. Das Parlament hat Maßregeln ergriffen, um in Zukunft solche Excesse zu vermeide». (Central-Cheder in Lemberg) Das in Lemberg von der „Wiener Allianz" gegründete Central-Cheder ist bereits in voller Thätigkeit. Trotz der heftigen Opposition seitens der onhodox-n Partei und der berüchtigten Manldelden „Agudas aelrim“, zählt dennoch heute schon das Institut über 400 Schüler. Den Unterricht ertheilen vorläufig 19 Legrer (Melamdim). Die vfficieüe feierliche Eröffnung soll binnen wenigen Tagen in Gegenwart einiger Delegirte», die die „Allianz" aus Wie» entsenden soll, stalt- (Abgeordneter Dr. Bloch) brachte in der Bormittags- Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. März den Fall zur Sprache, daß vor drei Jahren dem Tapezierer Stieglitz in Krakau seine fünfzehnjährige Tochter aus dem Hause verschwunden ist. Seitdem wird nämlich das Mädchen von einem gewissen Pater Eberhard von O>t zu Ort geschleppt,, bis es so präparirt ist, daß es nicht mehr wird znrückkehren wollen. Einmal gelang es Rachel — dies der Name des Mädchens — durch Bestechung eines Wärters, ihren Elter» einen Zettel zukoinmen zu lassen, wo fie «in Gotteswillen bat, man möge Alles zu ihrer Befreiung aüfbieten., Da die Polizei nichts ausrichtete und sich überhaupt wenig Mühe gab, wandte sich die gequälte Mutter an Pater Eberhard selbst. Dieser stellte ats Bedingung der Rückgabe die Taufe der Mutter. Darin konnte die arme Frau nicht einwilligen. Justizminister Dr. v. Prazak versprach genauere Erhebungen anstelle» zu lassen. Nun gibt sich Pater Eberhard noch alle Mühe, alle Nachforschungen nach dem Aufenthalt des Mädchens zu vereiteln. E" veröffentlicht einen angeblichen Brief Rachels an ihre Großmutter, wo sie miltheilt, daß sie in Deutschland und mit ihrem Loose ganz zufrieden sei. (Rumänisch!) Der in der Papierfabrik in Bacau angestellte Ingenieur Po rumbar ist eiu wegen seines Judenhaffes schon längst bekanntes Individuum. Seine schon oft mit Hilfe von italienischen Arbeitern durchgeführten körperlichen Verletzungen von Juden sind immer ungeahndet geblieben, da der entmenschte Wütheiich mit den Beamten der Umgegend in dicker Freundschaft lebt. — Unlängst hat sich der liebenswürdige Römer das Vergnügen gemacht einen jüdischen Kutscher abfangen, ihn durchprügeln und ihm das Gesicht an mehreren Stellen mit Vitriol verbrennen zu lassen. Das Gericht des Ortes, dem der Verletzte die ihm widerfahrene Unbill klagte, wollte die Sache einschlafen lassen. Der Verletzte wandte sich nach Bukarest an den Justizminister, der dem Tribunale von Bacau die sofortige Untersuchung anbefahl. Dieses eonstatirte nun wirklich die Richtigkeit der Thatsache, jedoch mit der Einschränkung, daß Porumbar nicht dabei gewesen sei, vielmehr seien es vier Arbeiter gewesen, welche die Grausamkeit verübt hätten und diese habe Porumbar noch hinterdrein deshalb aus. dem Dienste gejagt. Sapienti sat! (Feindseligkeiten gegen Juden.) In Böhmisch- Kamnitz fand man am 21. d. M. mehrere Drohbriefe, die eine Verweisung der Juden aus der Stadt verlangen, widrigenfalls Brände gelegt werden würden. Man recherchirt eifrigst nach den Verfasser» und Verbreitern dieser Briefe. — In Warschau wurden am 29. d. M. Plakate äffigirt, in welchen die Arbeiter der Stadl ju Tätlichkeiten gegen die Juden am Osterfeste derselben'aufgereizt werden. Vorsichtsmaßregeln wurden ergriffen. (In allen Syuagogen Englands) wurde Sabbath, den 7. März a. c. ein vom Chief-Rabbi Dr. Adler eigens dazu verfaßtes Gebet für das Gelingen der englischen Expedition nach dem Sudan verlesen. („Deutsch-jüdische Religionsgenosseilschaft".) Unter diesem Titel soll in B u e n o s - A y r e s (Süd-Amerika) eine neue israelitische Cultusgemeinde in Gründung begriffen sein. Die Gründer stellen als Hrnptprincip ihrer „Reformen" auf, daß sämmtlich-Gebete in deutscher Sprache verrichtet werden, daß die Bibel und alle sonstigen jüdischen Schriften ebenfalls in der Schule, sowie in der Synagoge in der deutschen Uebersetznng gelehrt werden, respective zum Vortrage gelangen sollen. Mit einem Worte: Die „Herren Reformer" wollen die hebräische Sprache ans Schule. Synagoge und Hans ausmerzen and dieselbe durch die deutsche ersetzen. Diese superklugen Leute, w-lche. nebenbei bemerkt', aus Oesterreich - Ungarn und Deutschland eingewanderte Juden sind, begründen ihr Vorhaben damit, „daß die hebräische Sprache todt und sehr schwer verständlich sei." Der Einwurf, daß die hebräische Sprache todt sei, zeugt nur gegen diejenigen, die ihn erheben. Rar für die ist die heb.äische Sprache todt. die. ihr keine Pflege angedeihen laffeu. Wir verweisen die Resormjuden von Buenot-Ayres auf die Worte die der christliche deutsche Dichter FriedrichLebbel sprach, als er bei der Beerdigung der Frau des Dichters Mvsenthal hebräisch hörte. Sie lauten: „Ich höre Heine zum ersten Mite die Laute der Bibel und der Propheten in der Ursprache. Es ist wunderbar, eine Sprache aus Jahrtausenden an das Ohr schlagen zu hören. Weil sie an ihrer Spräche festhalten, sind die Inden ewig." ' (Das neue Ehescheidnugsgesetz in Frankreich.) In Frankreich ist, da dort das Verbot der Ehescheidung ein allgemein verbindliches — nicht, luie bei? uns, nur für Katholiken gütige« — war, seit 1816 teil G-et vorgekommeii. Nachdem im Vorjahre die Ehescheidung allen Staatsbürgern gestaltet wurde, hat neulich die erste Scheidliug nach jüdische n Ritus stattgefunden. Zn wünsche» wäre nur, wenn die Bevölkerung von dem. neue» liberalen Gesetze wenig Gebrauch machen würde. (Israelitischer Franc,lverein in Rosenan.) Der königl. ungarische Minister des Junerii hat die eingereichten Statuten des vor Kurzem gegründeten „Rojenauer israelitischen Franeiivereines" genehmigt. (Der entlarvte Dr. Jnsttts.) In Graz wurde Doctor Brimanus, als Verfaffer seiner autisemitischen Lügen Doclor Justus, wegen Schwindeleien gemeinster Art verhaftet. — Der Lebenslauf des Verfassers des „Judenspiegels" ist ein sehr wechselvoller. Abraham Briemaun — dies sein wahrer Name — wurde in Costinesti, einer rumänischen Stadt, geboren; er besitzt in Bnczacz eine Frau mit mehreren Kinder», was ihn nicht hinderte, in Wien exira 2 Bräute zu haben.' Vom orthodoxen Judenthum ausgehend, g-laugte er znm P-otestautismus und bald darauf fand er Aufnahme in den Schoß der katholischen Kirche und bei der. Herausgabe seiner gehässigen Lügen Gönner i» den streng katholischen Kreisen. Natürlich hat Briemann seinen Doctortitel auf einer iinaginäreu Universität erlangt. j (Die „deutsche Adctsgenossenschast") hielt am'2l^ v. M. einen sogenannten Adelstag ab. Auf der Tagesordimilg stand das Referat eines- Grafen v. Oegehausen: Wiederherstellung der Bestimmungen im Strafgesetzvuche, wonach der Adel bei Begehung gemeiner Verbrechen aberkannt werden soll und das Organ der deutschen Adelsgenossenschaft, das „deutsche Adelsblatt", ist dafür, nur Angehörige beider christlichen Confessionen aufzunehmen, ohne auf das Alter

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