Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 4 (16.3.1885)
- Date
- 1885-03-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. .4 : S t 1 b st - E »> a n b ip a t io»! Kmsoil ANlsrlllWitsrh. Roman von N e h e m i a B e r n e r. (Fortsetzung.) .. Tieferschütternd war die Scene, die nun folgte- Jsmene verließ, begreifend, daß sie jetzt den Trauernden nur lästig fallen könne, mit Simson das Haus. Die beiden jungen Leute traten in die herrliche Sommernacht hinaus. Die angenehme Kühle und die erhabene Ruhe der mit fahlem Mondlichte übergoffenen Landschaft dämpfte das Gefühl unendlicher Trauer, welches der Anblick des Todes in Jsmene geweckt hatte, zur leichten Wehmuth. Dieser Wehmuth wollte sie Worte leihen; sie hob den gesenkten Blick zu ihrem Begleiter empor. Simson war in Gedenken versunken, die, wie das Zucken seiner Lippen Jsmenen verrieth, aufregender Art sein mußten. „Was kann es sein, das Sie, Herr Rafaelowitsch, aus der gewohnten Ruhe bringt; ich merke an ihren Mienen, daß Sie erregt sind." „Sie sehen scharf, Fräulein.'? antwortete Simson. „Die seltsamen letzten Worte der sterbenden Frauwaren es, die mich in einige Aufregung versetzten." „Sie in Aufregung versetzten, während ich selbst so ziemlich ruhig darüber bin? Kann Sie übrigens eine Sache, die mich, die Ihnen fremde, betrifft, so sehr inieressiren?" Simson sah sie an; er beinerkte den ungeduldig forschenden Blick, mit dem das Mädchen diese Worte begleitete und es ward ihm mit einem Male so Vieles klär, was ihm in den letzten Tagen undeutlich vorgeschwebt hatte. Jsmene liebte'ihn und er liebte ' sie. — Aber kaum, daß ihm diese Erkenntniß gekommen war, hatte er auch schon den Entschluß gefaßt, die Stimme dieser Liebe zu unterdrücken. „Ich sollte mich nicht für Alles intereffiren, was Sie angeht, Fräulein Jsmene? Täuschen wir uns nicht länger! Ich liebe Sie und Sie — nicht wahr — Sie erwidern diese Liebe?" Noch nie mag — wenn. auch das Herz Simson's stürmisch pochte —eine Liebeserklärung in verhältnißinäbig so ruhigem Tone gemacht worden sein, als in diesem Falle. Noch nie auch dürfte ein Mädchen so deutlich und scharf, ohne zu Boden zu blicken, die Frage nach Gegenliebe bejaht haben, als es eben hier vou Seite Jsmenens geschah. „Jsmene, .kennen Sie aber auch die Kluft, die uns von einander trennt? Ich bin Jude und Sie — eine »nglische Christin. Begreifen Sie die ganze Tragweite die>es Gegensatzes?" „Ich begreife sie." „Noch mehr; ich bin nationaler Jude und sollte nun etwas thun, was selbst die meisten derjenigen meiner Stammesgeuossen nicht thun wollen, die das Aufi-örei, unserer Volksexrstenz predigen? Nein, eine Jsmene taim nicht Verlangen, daß ich jenes höhe Streben aufgebe, welches bis jetzt den Inhalt meines Lebe» ausmachte!" ' „Nie," erwiderte sie mit fester Stimme, „ich müßtet blich vor mir selbst schäme», wenn ich einen Mann zur Schwachheit zu verleiten versucht hätte. Wir sind Beide,' ßlaube ich, stark genug, um unser Schicksal mit Resignation zu ertrage». UebrigenS gehe ich ja morgen nach Jaffa und in einigen Wochen nach Europa, Sie bleiben in Jerusalem — so werden wir uns vielleicht nie wieder sehen uud sdas wird uns unsere schwere Aufgabe wesentlich er- Simson mit einer Wärme des Tones, wie sie vis' jetzt während des gänzcn Gespräches noch nicht durchgedrungen war und drückte ihr die Hand. Jetzt waren sie an dem Hause des Ortsvorstandes, in welchem sie Absteigqnartier genommen hatten, angekommen. Sie begaben sich sofort in ihre Zimmer, ohne früher. Harry aufzusuchen, da dieser bereits zur Ruhe gegangen war. : Am anderen Tage — zu Mittag — reisten die Geschwister nach Jaffa; bei ihrem Wirthe ließen sie eine Summe für die Kinder der gesternverstorbenen Frau zurück. Simsou blieb einen Tag länger in der Colonie, wo er die Verhältnisse eingehender prüfen wollte. Er besuchte auch nochmals das Tcauerhaus;• doch fand er dessen Inwohner in solcher Gemüthsverfassuug, daß er unmöglich versuchen konnte, jetzt etwas' Näheres über die letzten Worte der Gestorbenen in Erfahrung zu bringen. So mußte er den» eine» solch ii Versuch auf gelegenere Zeit verschieben. Am Abend des Tages nach Jsmenen's Abreise verließ auch Simson R* L* und kehrte nach Jerusalem xuru<3£’ . rv. Benjamin Rafaelowitsch und Louis Marrlyk gingen einige Zeit schweigend nebeneinander her. Elfterer war viel zu sehr von dem Schlage, der mit einem Male alle seine Hoffnungen vernichtet hatte, betäubt, als daß er darauf geachtet hätte, wohin ihn sein Freund führte. Diesen verdroß die Gleichgiltigkeit Benjamin's. „Ich verstehe Dich nicht," begann er, „ich sage Dir, wir hätten einen wichtigen Weg vor uns und Du gehst schon über zehn Minuten neben mir her, ohne daß Du bis jetzt gefragt hättest, was das eigentlich für ein Weg sei." Benjannn schien sich zu besinnen. „Ah, Du halt Recht; wohin führst Du mich also?" : „So, das laffe ich mir gefallen, Freundchen; in's - Wirthshaus." ' „Wenn das der wichtige Weg ist, den Du vorhattest," entgegnete Benjamin, enttäuscht und geärgert, „so bitte ich Dich, ihn allein zu wandeln; ich bin heute nicht aufgelegt dazu." „Nicht so aufgeregt, mein lieber Beni, Du weißt ja, ich kann meine Natur nicht verleugnen, auch wenn ich noch so ernst sein will. Ein Wirthshausbesuch ist es in der That, den wir machen wollen, doch nichts Angenehmes wird es sein, was Du dort zu hören bekommen wirst." „Ein merkwürdig glücklicher Tag, wie es scheint," murmelte Benjamin bitter lächelnd. „Du hast also heute schon Malheur gehabt, Beni?" „So mancherlei." „Dann würde ich Dir rathen, Dich nicht davon beeinsiußen zu lassen, denn Du hast Deine ganze Besonnenheit für das nöthig, was Du heute erfahren sollst." „Und was soll ich denn noch heute erfahren?" fragte Benjamin müden Tones. „Sage, Freund, liebst Du Deinen Vater?" Diese Frage Louis' rüttelte ihn aus seiner Apathie auf. „Wer sollte seinen Vater nicht lieben?" antwortete der Gefragte leicht erröthend, denn er dachte an den Auftritt, den-er vor kaum zwei Stunden mit dem Vater gehabt hatte. „So wird es Dir also auch nicht gleichgiltig sein," fuhr Louis fort, „wenn ich Dir sage, daß Deinem Vater eine Gefahr droht?" „Meinem Vater droht eine Gefahr?" rief Benjamin, von seiner bisherigen Apathie in Aufregung verfallend. Vergessen war die harte Unbeugsamkeit seines Vaters, veraessen das eiaene Leid; Alles trat zurück vor» der Gewalt -