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Selbst-Emancipation · 1885-03-16 · Heft 4 (16.3.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 4 (16.3.1885)
Date
1885-03-16
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Selbst-Emancipation! Seite 11 Nr. 4. „Eine Gefahr insoferne," antwortete Marrlyk, „als -Dein Vater, der als reich geltende Banquier Jacques Rafaelowitsch in wenigen Wochen ein bettelarmer Mann sein-kan»." „Mein Gott, wieso denn?" „Ganz einfach. Dein Vater war vor dem Krachjahre mehrfacher Millionär. Der Mai 1873 raubte ihm neun Zehntheile seines Vermögens, doch blieb er noch immer ei» reicher Mann. Aber es wurmte ihn, so sehr in seinem -Vermögensstande herabgesunken zu sein und der Ehrgeiz beseelte ihn. das Verlorene wieder rinzubringen. Deshalb ließ er sich in allzu gewagte Specnlationen ein; diese schlugen fehl und so steht er vor dem gänzlichen Ruine." „Woher hast Du das Alles?" „Von einem Menschen, dem ich sonst nicht recht trauen würde, der mir aber überzeugende Beweise bot." „Schrecklich, und was kann ich da thun? Ich hänge mi dem Mammon nicht, aber mein Vater — er wird den Wechsel nickt ertragen können." „Was Du dagegen zu thun vermagst, das kann i ch Dir nicht sagen, aber derselbe, der mir die gefährliche Lage Deines Vaters schilderte, meinte: Wenn Jemand Deinem Vater belfen könne, so seist Du es. Er will Dir auch mitiheilr-, auf welche Weise dies möglich ist." „So führe mich schnell zu ihm. Wer ist denn eigentlich Dein Gewährsmann?" „Du kennst ihn recht gut. Es ist der Sobler." „Der, dieser Unglücksrabe? Von diesem böswilligen, unangenehmen Menschen kann kein guter Rath kommen. Auch erfreue ich mich nicht seiner besonderen Gnade; Du bist übrigens ebenfalls nicht viel besser bei ihm angeschrirben, wie ich weiß. Doch laßt uns hören, was er zu sagen hat. Wo erwartet er uns?" „Da, wir sind schon am Ziele," antwortete Louis, vor dem Eingänge ejnes Wirthshauses stehen bleibend. Die jungen Männer traten ein. Es waren wenig -Gäste im Saale. Sobler wartete schon. Louis reichte ihm freundlichst die Hand, nachdem er seinem Freunde zugeflüstert hatte: „Sieh' zu, wie dicke Freundschaft ich mit diesem brav:» Kumpan geschlossen habe." Etwas zögernd dagegen und mit sichtlichem Widerwillen legte Benjamin seine Rechte in diejenige Sobler's. Dieser war aufgestandeu, .als er die beiden Freunde hatte eintretrn gesehen. Er hatte eine hagere, nach vorne gebeugte Gestalt und mochte etwa dreißig Jahre zählen. Sein schütteres, braunes Haupthaar fiel über die kleine Stirne bis nahe an die Augen herab. Die grauen Auge» waren groß, aber von einem eigenthüm- .lichen Ausdruck, halb blöde, halb tückisch. Um den breiten Mund lagerte ein unbeschreiblich dummdreistes Grinsen. „So, Soblerchen, da bring' ich Dir den Beni. Also jetzt lass' hören; ich habe ihm schon die Einleitung mit- .getheilt." „Da wirst Du aber die Güte habe» müssen, uns .allein zu lasten, Marrlyk." „Mein Freund kann Alles hören; ich habe keine Geheimnisse vor ihm," sagte Benjamin, dem der Gedanke, mit diesem Menschen allem über eine solch' peinliche Angelegenheit sprechen zu müssen, unangenehm war. „Wie unklug, mein lieber Rafaelowitsch," sagte Sobler mit seiner krächzenden Stimmei „Wenn Marrlyk uns nicht allein läßt, so rede ich gar nichts." „Lass' ihn gewähren," sagte Louis lachend, „ich setze Mich einstweilen an einen anderen Tisch." Sobler und Rafaelowitsch blieben zusammeu. Ersterer wies diesem nun nach, wie in nächster Zeit .der Zusammenstoß mehrerer großen Unternehmungen erfolgen werde, in welchen der alte Rafaelowitsch sein ganzes Vermögen stecken habe. Alles, was er sagte, war von niederschmetternder Ueberzeugungskraft. , „Jetzt will ich Dir, guter Freund," fuhr Sobler fort, „das Mittel nennen, welches Du anwenden mußt, um Deinen Vater vor dem Bettelbrode zu bewahren." Er rückte nahe an Benjamin heran und flüsterte ihm mehrere Minuten lange in's Ohr. (Forts, tzung folgt.) Gin Gnrcrnei^irteo. Skizze von Marüochai. (Fortsetzung.) HL Im hell erleuchteten Ballsaale, bei lustig tönender Musik, inmitten toll durcheinander wirbelnder Tanzpaare, fandet, sie sich. Beide wußten nicht, wie sie eigentlich hineinkamen in das frohe Gewühl, beide wollten im Lärm ihren inneren Schmerz vergessen. Aber als sie sich in die Augen blickten, erkannten sie, daß hinter der Tünche von Freude und Lust eine schreckliche Leere, ei» unaussprechliches Bangen bei ihnen stack — und ihr gemeinsames Weh wob um sie jene zarten Fäden von Sympathie, welche sich jeder Analyse und jeder Beobachtung entziehen, welche da sind, weil sie sind und in diesem ihrem Dasein ihren Grund, ihr Recht und ihre Macht finden. Anselm Maier liebte. Aber wa'um er achtundzwanzig Jahre alt werden »rußte, ehe er eine Gestalt fand, welche ihn mächtiger anzog? Er hatte bisher -manchen lustigen Gesellschaftskreis ausgesucht, er hatte manch' feurigen' Blick muthig ausget,alten, er galt bei seinen Freunden für uneinnehmbar. Und während seiner Vorbereitung zur lrtzte» Prüfung, die ihm noch vor Erlangung des Doctorgradrs bevorstand, und zu einer Zeit, als er kaum die Trauer nach seiner .vor etlichen Monaten verstorbenen Mutter abgelegt hatte, in der gedrücktesten Stimmung, in der er sich wohl je befunden, lernte er ein Mädchen kennen und liebte. Und dieses Mädchen hatte weder etwas von jenen dämonische» Reizen, die di« Sinne umnebeln und in ihren Kreis zwingen, königliche Ehrfurcht und sehnsüchtiges Entzücken erweckend, noch die salonmäßige Geschmeidigkeit der Umgangssorm, die sich Alles unterthau macht, indem sie für Augenblicke Geist, Herz, Ernst, Humor, .je nach Bedürfniß in ihre Dienste zieht. Dieses Mädchen hatte nicht einmal jene» Grad der^ „modernen Gelehrsamkeit", welcher das Recht -verleiht, überall mitzureden, ohne von einer Sache irgend welche klare Vorstellung zu besitzen. Sie konnte nicht als Gegenstück zu ihrer Schleppe Heinc'sche, Schiller'sche und Goethe'- sche Citate in's Feld führen. Und dennoch war sie schön und hatte Geist, um den sie manche Salonkönigin mit ihrem phrasenerfüllten Kopfe deneiden hätte können, und Herz, und so viel Herz. ... . Ihre Gestalt gemahnte an antike Statuen, es war etwas Griechisches in der Würde ilnd Anmuth ihrer Bewegungen, es lag ihnen ebenso fern, die überspannte Zierlichkeit eines krankhafte» Weseiis. als die plumpe Unhel,olfenheil alltäglicher Menschen. Ihr schwarzes Haar umrahmte ein liebreizendes Gesicht von einem herrlichenTeiut. ihr kleiner Korallenmnnd zeigie halb geöffnet eine Reihe von blendend weiße», wie Perlmutter durchscheinenden Zähnen, ihre, dunkelschwarzen Augen hatten einen unsagbaren -Ausdruck.... Es. lag dort eine ganze ' Geschichte von erdultrtem Weh, von stiller Resignation, eine thistinnfeuchte Melancholie, die einem tief in's Herz schnitt ititO Andacht gebot, wie der Altar im Heiligthume den Gläu-

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