Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 4 (16.3.1885)
- Date
- 1885-03-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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S elb st-E in anci Patron! Nr. 4. Solche Worte von solchen Jünglingen bei einer solch' würdigen Feier, sind nicht vergebens gesprochen worden. , In den Herzen aufmerksamer Hörer .und empfänglicher- ' Leser werden sie gewiß den reinsten Accord sinden und gefunden haben und ihren hehren Zweck nicht verfehlen. Denn das anregende Beispiel erleuchteter, edler Jünger der Wissenschaft, die rast- und selbstlos' mit all' ihrem Jugendfeuer und beispielloser Hingebung ein so herrliches Ziel anstreben, ein solches Beispiel ist geeignet, auch den härtesten Schläfer in Israel aus seinem verderblichen nationalen Jndlfferentismus zu wecken und in den Schoß des Judenthums reuig zurückzuführen! „ . . . Das stolze Wort: Ich bin Jude, d. h. nur Jude — nicht Deutscher, nicht Slave, nicht Magyare . . ." sagte ein warmfühlender jüdischer Akademiker im Verlaufe seiner Rede und er hat e, Recht, wenn er dies gesagt, und volles uneingeschränktes Recht wird ihm ein Jeder zuerkennen, der da weiß, daß unsere Assimilirung nicht etwa für das sociale Leben, sondern für eigennützige politische Zw.-cke erwünscht ist! . . . Wie, muß es denn in die Ewigkeit gepredigt und bewiesen werden, daß wir auch nicht die geringste Ursache haben, uns unserer Religion und Nationalität zu schämen, sondern vielmehr mit allem Grunde auf unseren durch'4000 Jahre trotz der härtesten Schicksalsschläge erhaltenen jüdischen Stamm, stolz sein können?! Haben nicht die Söhne Israels trotz der grausamsten Verfolgungen und unter den unfreundlichsten Verhältnissen stets das Gute, Schöne und Wahre mit Sorgfalt gepflegt, nicht an dem großen Fortschritte der Cnltur und Humanität erfolgreich mitgearbeitet?! Haben sie nicht zu allen Zeiten das Licht der Wissenschaft mit all' ihrer geistigen Kraft genährt und dereu dunklen. unwirthbare Gebiete durch mächtige Strahlengarbcn erleuchtet?! Haben nicht auch die Inden in allen Zweigen der menschlichen Kunst die respectabelsten Leistungen aufzuweisen, haben sie nichts stets dieselbe .mit Liebe und Wärme gehegt und gepflegt?! Warum also des Namens „Jude" sich schämen?? — Legion ist die Zahl derjenigen berühmten jüdischen Männer, die durch's ganze Leben ihr nationales Bewußtsein sich nngeschwächt bewahrten und bei keiner Gelegenheit und unter keinen Umständen mit diesem hinter dem Berge hielten oder es gar ve, leugneten! Und wem die erhabenen Vorbilder erleuchteter und überzeugungstreuer jüdischer Männer noch nicht genügen, um eines Besieren belehrt zu werden, der frage sein Gewissen, sein Herz, ob er sich des Namens „Jude" schämen dürfe und er wird bei einer gewissenhaften Selbstprüfung es gewiß nicht verhindern können, daß eine doppelte und keine falsche Schamröthe seine Wangen überzieht. - Es war unleugbar ein glücklicher, heilbringender Gedanke, der die „Kadimah" in's Leben rief. Heilbringend und segensreich ist auch der Same^ den dieser Verein in alle Weltgcgenden ausstreut und es dürfte nicht lange mehr dauern, wo die jüdische Idee das Gemeingut des gesummten Judenthums sein wird. Daß dem so sein möge, daß der jüdische Gedanke und die hebräische Literatur im Kopfe und Herzen eines jeden Juden die sorgsamste Pflegestätte finde, daß die jüdische Sache nach innen und außen stets an Ansehen gewinne. daß endlich das gesammte Jndenthum zur Erfüllung seiner Aufgaben geistig, moralisch und materiell immer mehr erstarke, sich zum Glücke und Heile, allen liberalen Men- ' chenkindern zur Freude und seinen Widersachern zum Acrger und Leidwesen, das ist mein innigster, tiefster und heiligster Wunsch, wie auch unzweifelhaft aller Derjenigen, die sich der Ucberzeugung nicht verschließen, daß nur in Selbstvertrauen, Selbstachtung und nationaler Selbstständigkeit die „Sclbst-Emancipation" liege!! Sylomon'Marbach im 9lameu zahlreicher-Gesinmnigs- und.Gefühlsgeiiossei,. Einen wesentlich verschiedenen Eindruck als auf den' geschätzten Einsender hat der Bericht über die Makkabäer- Feier des' Vereines „Kadimah" auf einen anderen Herrn gemacht/ der sich gedrungen fühlt, seiner Entrüstung iitfliterarischen Theile der „Magdeburger Wochenschrift" Luft zu machen. Besagter Herr, ein jüdischer Germane im Coblenz — doch gehört er, wie sein Name L ew in verräth, nicht zu irgend einem teutonischen Stamnie, sondern zum Stamme Levi — hat sich unendlich viel Mühe gegeben, die nationaljüdische Idee all absurdum p führen: „Ebensowenig wie. alle Katholiken der Welt, unbeirrt von Abstammung und Sprache, um deswillen ein Volk bilden, weit sie bestimmten Orten gemeinsame heilige Scheu und Verehrung widmen, weil sie eine gemeinsame Sprache des Gottesdienstes haben, ebensowenig ist das Jndenthum ei» Volksthum." Es gehört doch eine tüchtige Portion Bornirtheit dazu, die Bedeutung Roms und der lateinischen Svrache für die Katholiken mit der Bedeutung Jerusalems u,o de-' hebräischen Sprache für die Juden in eine Linie zu stellen. Ein solcher culturhistorischer und ethnographischer Schnitzer bedarf gar keiner Kritik. Doch Herr L. spielt sich auf den- Witzigen heraus. „Es ist ja sehr pathetisch,". sagt er, „in der jüdischen Nationaltracht des Fracks, unter den Kläng-n des jüdischen Nationalliedes Gaudeamus igifcur, in den Lauten der jüdischen Natioualsprache: Deutsch genannt (Wie viele der begeisterten Nationalisten haben die eine hebräische Rede verstanden?), auf die modernen Hellenisten zu schimpfen." Warum zieht sich der urdeulsche Herr &- kein altgermanisches Bärenfell an, wenn er in der Nationaltracht das Wesen einer Nation erblickt? Das „Gaudeamus igitur“ ist wohl auch kein deutsches Monopol? „Jüdische Nationalsprache: Deutsch genannt" ——- ©ott, wie geistreich! Wir Juden, haben Dinge, die uns das Fehlen der lebenden Sprache so ziemlich ersetzen. Wenn aber der Herr Recenscnt bemerkt, daß nur Wenige^die hebräische Rede verstanden haben, so wollen wir ihm zurufen: Wer ist schuld daran, wenn nicht die Leute Ihres Schlages? Lassen Sie nur die jüdische Nationalidee sich verbreiten und Sie werden nicht nöthig haben, in einem' Decennium einen ähnlichen guten Witz zu machen. Herr L. bedauert auch, daß er den Namen des- Herrn Dr. Rülf unter den correspondireuden Mitgliedern des Vereines finde, wo sonst alle klangvollen Namen- Wien's fehlen. Als wenn nur Wien klangvolle Namen hätte? Herr Dr. Nülf, einer der eifrigsten Nationaljuden, wird sich wahrlich dessen nicht schämen, daß sein Nameneben denjenigen eines Smoleusky, eines Gordon, eines Dr. Pinsler steht. Literarisches. Nur uicht Jüdisch betitelt sich die neueste Erzählungdes Herrn Nathan Samnely, die dieser am 21. Februar l. I. im Locale des Vereines „Leborner Israel" m Lemberg vorlas. — „Nur nicht Jüdisch" ist die Devise der Heldin dieser Erzählung, eines zu Französischplappern und' Clavirrklimpern erzogenen Fräuleins, der einzigen Tochter eines durch viel Glück und wenig Rigorosität in der Auswahl des Erwerbes zu großem Reichlhume gelangten Elternpaares, das gelehrig vom Töchterchen sich in moderner Lebensart unterrichten läßt. Die langsamen, aber stetig sichtbarer werdenden Folgen dieses Unterrichtes, von der Abschaffung der Mahlzeiten Freitag Abends und Anschaffung eines Hundes bis zur Abhaltung von Gesellschaftsabendeii, natürlich mit lauter nichtjüdischen Gästen, spielen sich.mit köstlichem Humor vor den Augen der Leser und den Ohren der Zuhörer ab. Die Eltern hatten eine' unsägliche Freude.an dieser ihrer über' das ganze Hauswesen das Scepter 'führenden Tochter, aber sie hatten mit-